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Volk und Land · 1919-07-31 · Heft 31 (31.7.1919) · p. Seite 969-970

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 31 (31.7.1919)
Date
1919-07-31
Page
Seite 969-970 (sequence 9)
Language
German
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VOLK UND LAND 970 969 wordenen Tischgespräche; man hat sie die neuen; Platonischen Dialoge genannt. Von allen höchsten Fragen war da in erhabener Form die Rede. Die edelsten Geister der Menschheit äußerten sich, unvergeßliche Anregung gebend und empfangend. Ich will nur einige der behandelten Gegenstände erwähnen. Man sprach über die Einrichtung durch die Kunst, über Bodenreform, über die Organisiei rung der Wohltätigkeit, über die Arbeiterfürsorge, j über die Rolle der Frau in einer zivilisierten Gesell- I schaff, über die Entwicklung der Technik in ) Wissenschaft und Praxis und noch über manches andere, woraus alle Menschen einen unvergäng- ‘ liehen Nutzen ziehen konnten. Die „Tischgespräche des Futuro“ sind längst eine Kostbarkeit der Weltliteratur geworden. Ich selbst kenne sie nur aus der Lektüre, denn es war mir nicht vergönnt, sie mitanzuhören. Ich hatte ja nicht Zeit, diese einzige Vergnügungsfahrt mitzumachen, weil ich bei der Arbeit sein mußte. Ich war schon lange in Haifa, als der Futuro noch im Genua ankerte. Aber gelesen habe ich die Bordzeitung mit einer Aufmerksamkeit und Dankbarkeit, wie nie vorher oder nachher ein Tagblatt. Ich bin kein Philosoph und konnte mich auch; in jenen Tagein weniger als je mit abstrakten Dingen abgeben. Aber was aus den Tischgesprächen des Futuro in praktische Energie umzusetzen war, das bemühte ich mich herauszufinden und amzuweindem. Denn mir kam es vor, als hätte vom Futuro her der Geist der Menschheit zum jüdischen, Volke gesprochen, als es eben daran war, sieh eine neue Existenz zu gründen Diese Lehren mußten beherzgit werden. Besonders reich und fruchtbar wurden sie, als unsere edeln Gäste den Boden vom Palästina betraten. Das Schiff der Weisen fuhr die Küste entlang, die Reisenden schwärmten nach ihrer freien Wahl im Lande umher, in kleineren Gruppen und Expeditionen, für die der Reisemarschall mit seinem Stabe von Gehilfen alle Bequemlichkeiten und Erleichterungen vorbereitet hatte. Alle interessierten sich nicht für alles in gleichem Maße. Die Geologen wollten anderes sehen, als die Elektrotechniker; die Botaniker anderes, als die Architekten; die Maler anderes, als die Volkswirtschafter. Die wahlverwandten Gruppen zogeni also aus und kehrten auf den Futuro zurück, wann sie wollten. Die hohe und heitere Geselligkeit auf dem Futuro übte aber auf manche eine derartige Anziehungskraft aus, daß sie sich vom Schiffe seiten entfernten. Einige sahen vom Lande nichts als die Bahnstrecke nach Jerusalem und diese Stadt. Von einem geistreichen Schriftsteller wird erzählt — ich weiß nicht, ob es wahr ist — daß er das Schiff überhaupt keinen Augenblick verlassen habe. Er soll gesagt haben: „Dieses Schiff ist Zion!“ Er beschrieb iaber nachher ausführlich das Land Und seine Leute. Er konnte das freilich aus den besten Quellen schöpfen. Denn die Ausflügler, die nach dem Futuro zturüCkkehrten, brachten Material in Hülle und Fülle, mit sachkundigen Augen gesehen, in meisterhafter Schilderung. Da hatten die Tischgespräche neuen Stoff, und es begann eine Reihe wunderbarer Dialoge über das, was sich in Palästina schaffen ließe. Diesen Teil der Tischgespräche habe ich mit Ehrfurcht oft und oft gelesen. Ich weiß sie noch heute fast wörtlich auswendig. Den tiefsten Eindruck machten auf mich die Ratschläge der Künstler, offenbar weil ich selbst keiner bin. Im (praktischen war ja nur ein bißchen gesunder Menschenverstand nötig, um die Dinge, die es anderswo schon gab, auf unsere Verhältnisse zu übertragen. Den Künstlern von Futuro verdankte ich die herrliche Lehre, daß unser Land in seinen natürlichen Schönheiten erfaßt und entwickelt werden müsse. Schön sollte es werden, schön überall, schön vor allem. Weil Schönheit die Herzen der Menschen immer erfreut. Zu meinem merkwürdigsten Erlebnissen gehört es, daß ich den Futuro nicht einmal ordentlich zu Gesicht bekam. Ich hatte seine Fahrt vorbereitet, mich um sein Wohl bekümmert, ich dachte immer an ihn, und folgte den Worten seiner Weisen. Aber gesehen habe ich ihn nicht, wenigstens nicht genau. Und das kam so. Als der Futuro an unserer Küste erschien, war ich eben im Innern des Landes beschäftigt. Fischer, Steineck, und Alladino begrüßten das Schiff namens der Neuen Gesellschaft, als es vor Jaffa anlegte. Ich wollte mich unseren Gästen vorstellen, sobald ich meine damaligen dringenden Arbeiten erledigt hätte. Denn das war eine Zeit, wo ich Tag und Nacht unterwegs sein mußte, von einem Arbeitslager zum anderen. Ich schlief öfters in meinem großen Motorwagen, der mich von Ort zu Ort brachte. Von unserem heutigen Komfort war damals begreiflicherweise noch keine Rede. Wenn ich vorher wußte, wo ich übernachten würde, ließ ich mir eine Baracke aufschlagen. Aber das war nicht immer im vorhinein bestimmbar. Auch war es nützlich, daß ich da und dort unerwartet auftauchte, um' die Straßenarbeiten, die Landverteilung und den Feldbau zu besichtigen. Wohl waren für alles detaillierte Pläne und Instruktionen da, doch wollte ich mich auch persönlich überzeugen, ob alles am Schnürchen ging. Mit meinem Hauptquartier zu Haifa war ich in beständiger Verbindung. Von dort kamen Meldungen, die mich zu hastigen Kreuz- und Querfahrten veranlaßten. Bei aller Planmäßigkeit gab es doch Zwischenfälle mit den Arbeitern oder in der Verpflegung, die rasches Eingreifen, Aenderungen im Vorgesehenen, neue Dispositionen nötig machten. Bei der Bodenzuweisung schürzten sich manchmal gordische Knoten, die nur ich zerhauen konnte. Auf den eigenen Ländereien der Neuen Gesellschaft war man beim Frühjahrsanbau. Wir hatten zwar die landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften nach dem System von Rahafrne eingerichtet, aber die Leute waren noch neu bei der Sache, sie brauchten eine führende1 Autorität und gelegentlich eine höhere Entscheidung. Es waren durchaus keine ungewöhnlichen Aufgaben, sie erforderten nur eine stete Aufmerksamkeit. Sommerweizen, Gerste, Hafer, Mais, Rüben anzubauen ist gewiß keine Kunst. Hier gab es jedoch allerlei Schwierigkeiten. Wir mußten mit dem widerspenstig gewordenen Boden ringen. Wir hatten die modernsten Mittel und ,den (zähesten Willen, wir haben den Boden besigt, und er ward unser Freund. Die Organisation war die Hauptsache, und die hatten wir schon vor' der Mobilisierung fix und fertig. Der Arbeitstag der Leute, welche von der Neuen Gesellschaft abhingen, hatte nur sieben Stunden, aber es waren Stunden voll konzentrierten Eifers. Die einen machten Wege, die anderen gruben Kanäle, die dritten lasen Steine aus den Feldern, die der elektrische Pflug furchen sollte, die vierten bauten Häuser, die fünften pflanzten Bäume, und so weiter. Und jeder wußte, daß er für alle arbeite und alle für ihn. Singend zogen sie zur Arbeit und singend kehrten sie in ihre Lager zurück. Und es war ein rascher Frühtöflg in diesem Werden, wie man es in der Natur sieht, wenn die dürren Bäume plötzlich zu grünen anfangen. Und jeder Tag machte die erworbene Geschwindigkeit unseres Fortschrittes wachsen. Ich hatte vor allen Dingen das Telegraphen- und Telephonnetz zu legen begonnen. Dem allgemeinen Verkehre konnjte es natürlich nicht gleich dienen, unserer Verwaltung

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