Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1919)
- Date
- 1919-07-31
- Page
- Seite 963-964 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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963 . --1= .-= VOLK UND LAND ==■—■ —: ■ ■ 964 möglich, die eine absolut feste Bautradition haben. Wenn ein Dombaumeister des 14ten Jahrhunderts abtrat, so war jeder fähige Gehilfe aus seiner Hütte in der Lage, im Geiste des Meisters, das heißt im Geiste seiner Zeit, weiterzuschaffen. Für die Bauschule steht die Lösung jeder Aufgabe der Zeit fest. Aber Bautraditionen und Bauschulen gibt es in unserer Zeit überschnellen Fortsehreitens in keinem Kulturland. Wo immer wir heutzutage städtebaulich Tüchtiges sehen, ist Bebauungsplan und Architektur als ein Ganzes konzipiert und entworfen. Auf diese Weise kamen die obenerwähnten guten Leistungen mancher Terraingeselilschaften zustande; daher manche gute Gartenstadt, manche tüchtige Arbeiter- Kolonie. Dasselbe gilt für die meist vortrefflichen Anlagen der Ansiedlungskommission im Osten des Reiches. -Die Erkenntnis, daß die Einheit yon Bebauungsplan und Architektur das Stadtbild ausmacht, veranlaßte Bodo Ebhardt, den .Wiederaufbau des (zerstörten Neidenburg nur unter der Bedingung zu übernehmen, daß ihm sowohl der Bebauungsplan, wie auch der Aufbau von Kirche und Rathaus, sowie die Planung oder Beeinflussung der bürgerlichen Bauten zugestanden werde. Nach August Endell kann Vom Städtebau als einer Kunst nur die Rede sein, wenn ein Einzelner Straßenanordnung und Architektur zugleich in Händen hat, wenn ein einziger leitender und organisierender Geist eine Stadt im Zusammenhang aufbaut. In gerechter Würdigung der Tragweite einer kolonisatorischen Aufgabe, wie sie der Wiederaufbau Ostpreußens darstellt, ist gemäß der Forderung der gesamten Oeffentljchkeit in diesem Geiste ein Hauptbauberatungsamt mit Bezirksarchitekten usw. geschaffen worden. Die Frage, ob wir die so gewonnene Erkenntnis unserem Siedelungswerk nutzbar machen können, muß unbedingt bejaht werden. Es kann, und demnach^ muß; die gesamte Leitungund Organisierung des Aufbaus einer Kolonie in die Hände eines f ä h i ge n und durch seine Person vertrauenswürdigen Architekten gelegt werden, der sowohl den Bebauungsplan als auch die Bauwerke zu gestalten hat. Daßi diese Aufgabe nicht die Leistungsfähigkeit eines Einzelnen übersteigt, hat Weinbrenner bewiesen, der es vermochte, — später mit Hilfe seiner Schüler — einer Stadt wie Karlsruhe den Stempel seines Geistes aufzudrücken. In Deutschland ist es seit Jahren Grundsatz geworden, daß Siedelungen zusammenhängend von einer Hand geschaffen werden, daß die Gesamtheit des Bebauungsplanes und der Bebauung einem einzigen künstlerischen Wißen entspringt. Es sei an die Schöneberger Anlagen von Paul Wolft erinnert, die Siedelungen Hel'erau und Adlershof von Muthesius, Staaken von Schmifthenner, die Kruppschen Siedelungen von Schmohl und unzählige andere. Nach dem sorgfältigsten Studium der besonderen Verhältnisse, die gerade in Palästina von Fall zu Fall wechseln, werden zunächst Normaltypen von Häusern der verschiedenen Gattungen auszuarbeiten sein. Diese werden dem Bebauungsplan zugrundegelfegt und (später beim Aufbau der Kolonie von Fall zu Fall, Punkt um Punkt fortlaufend verbessert werden. Ist die höchste Stufe der Vollkommenheit an Zweckmäßigkeit, Schönheit und Wirtschaftlichkeit erreicht, so haben wir den „Typus“ der betreffenden Hausgattungen und in ihm das Spiegelbild unserer Kultur, unsern Styl. Schwillt das Wachstum der Kolonie an, so wird der leitende Architekt jüngere Kräfte heranziehen, wird sie an seinen Erfahrungen teilmehmen lassen und sie künstlerisch in seinem Geiste erziehen. Bald werden diese Schüler und Gehilfen imstande sein, die landläufigen Aufgaben zu lösen, so daß der leitende Architekt in der Lage sein wird, seine Kraft hauptsächlich der Weiterentwicklung der Typen und den inzwischen auftretenden Monumentalaufgaben zuzuwenden. Ist dieser Zustand erreicht, dann haben wir die „Bauschule“. Das Produkt der Bauschule ist der Styl. Auch die praktische Durchführbarkeit dieser Forderung sei mit einigen Worten dargetan. Es besteht heute schon nirgends mehr ein Zweifei daran, daß es kein Luxus, sondern zweckmäßig ist, mit Hilfe eines tüchtigen Architekten zu bauen. Und wenn auch eine vollwertige Kraft Ansprüche stellen muß, (die ein von materiellen Sorgen freies künstlerisches Schaffen ermöglichen, so wird doch bei einer großen und zusammenhängenden Aufgabe ein erheblich ermäßigter Honorarsatz ausreichend sein. Anderseits! wird eine große Aufgabe, wie die Schaffung einer Kolonie, Künstler anziehen, die für ‘kleine, verzettelte Aufgaben von fraglicher Wirkung nicht zu haben sein dürften. Man glaube nicht, daß wir uns auch nur anfangs mit Architekten von mäßigen Fähigkeiten und geringerer Bildung begnügen können. Die Schwierigkeiten, welche das Bauen in Palästina, sowohl in technischer als künstlerischer Hinsicht bietet, sind so groß, daß selbst die besten Kräfte ihrer nur nach und nach Herr werden können. Es können hier nur einige kurz angedeutet werden. Zunächst fehlen fast alle neuzeitlichen Baumethoden. Das einheimische Bauhandwerk steht aut einer Stufe, die in (Europa vor Jahrhunderten schon überschritten war. Die eingewanderten Handwerker bringen meist an Könnten wenig mit, ufid dieses Wenige verrottet lallzuschnell bei der geringen Nachfrage nach Qualitätsarbeit. Ich mußte gelegentlich den Rock ausziehen, um den Maurern einen Ziegelverband vorzumauern, dem Zimmermann beim Anreißen eines Dachbinders helfen und den Tischler beim Austragen einer Treppe unterstützen. Die Widerstände, aut die man hier stößt, sind unglaublich, und man muß Charakterfestigkeit genug besitzen, (sich (davon nicht anfechten Zu lassen, daß man von den Handwerkern — und leider manchmal auch vom Bauherrn — belächelt wird. Hierzu kommen die Schwierigkeiten in dem Herausfinden und der Beschaffung geeigneter Baumaterialien. In einem Falle mußte beispielsweise der Bau eines Wasserturms monatelang unterbrochen und dann das Projekt geändert werden, weil Rundeisen von; den erforderlichen Längen nicht zu beschaffen waren. Und so treten zahllose Schwierigkeiten auf, die der Architekt in Kulturländern nicht kennt. Die Erziehung von tüchtigen Bauhandwerkern und die Ausbildung moderner Baumethoden sind wesentliche Aufgaben des Architekten in Palästina, Kulturarbeiten von nicht gering zu schätzender Bedeutung. Von größerem Wert noch ist die Erziehung des bauenden Publikums und die veredelnde Einwirkung auf die Lebenshaltung der Bewohner eines Hauses, die der Architekt durch dessen Gestaltung auszuüben in der Lage ist. Die Fähigkeit, ein Bauprogramm aufzustellen, d. h. die Ansprüche zu formulieren, welche der künftige Bewohner an sein Haus stellt, insbesondere hinsichtlich Zahl, Art und Disposition-der Räume, die man bei uns fast ausnahmslos vorfindet, und die beinahe eine Bedingung für das Gelingen des Entwurfs ist, wird man in wenigen Fällen antreffen. Wie eingangs gesagt, fehlt dem Gros der Einwanderer die Kenntnis neuzeitlicher Wohnbedürfnisse. . Ein Bauherr, dessen Haus eine ansehnliche offene Vorhalle be-