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Volk und Land · 1919-07-31 · Heft 31 (31.7.1919) · p. Seite 959-960

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 31 (31.7.1919)
Date
1919-07-31
Page
Seite 959-960 (sequence 4)
Language
German
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059 VOLK UND LAND 060 Im Jahre 1913 bestand das Projekt, inmitten eines Dünenstreifens von etwa 7 km Breite weit südlich Jaffa eine Wohnkolonie anzulegen, weil dieses Land so wertlos war, daß sich kein noch so armseliger Araber gefunden hatte, der es der Mühe für wert befunden hätte, davon Besitz zu ergreifen. Die Tatsache, daß ein derartiger Gedanke überhaupt nur ernsthaft diskutiert wurde, daß man sogar an Gutachten Zeit und Geld verschwendete, zeigt als Zerrbild, welcher Gefahren man sich zu versehen hat. Eine Kolonie, idie nicht leben kann, weil sie am falschen Orte errichtet ist, und nicht sterben kann, weil! sie schon zu erhebliche Kapitalien verschlungen hat, ist katastrophal, nicht nur für diejenigen, die sich durch Investierungen an sie gebunden haben, sondern auch für das Prestige der Allgemeinheit. Die Gefahr, daß der unverantwortliche Spekulant in derartigen Fragen Einfluß von entscheidender Bedeutung gewinnt, kann nicht ernst genug bewertet werden. Man halte nicht entgegen, daß gerade in Deutschland Terraingesellschaften mit der Anlage von Gartenstädten Ausgezeichnetes geleistet haben. Die Tatsache ist unbestreitbar, und wir werden noch zu untersuchen haben, warum gerade sie dazu befähigt waren. Die Verhältnisse hier und dort liegen hier eben grundverschieden. In einem kultivierten Lande ist nur das Gute konkurrenzfähig, und daß dies in einem Neuland wie Palästina nicht der Fall ist, lehrt ein Blick aut Tel Awiw: Bei den bisher dort herrschenden beschränkten pekuniären Verhältnissen gab es in allen Fällen des Bauens nur einen entscheidenden Gesichtspunkt: den der Billigkeit. Daß dieses Prinzip bei jedem Bauherrn vorauszusetzen ist oder hoffentlich „war“, kann ich durch eine lange Reihe von Anekdoten beweisen, wie sie mir mit jedem einzelnen meiner privaten Auftraggeber begegnet sind. Tel Awiw als Leistung steht so imponierend hoch, daß die Beleuchtung dort zutage getretener Mängel und Mißgriffe, für welche alle hinlänglichen Erklärungen vorhanden sind, nicht als Herabsetzung empfunden werden dürfte. Wir sind vielmehr zur Kritik verpflichtet, wenn die gewonnenen Erfahrungen, nutzbar werden sollen. Somit ist wohl die Frage erlaubt: Welcher Kulturmensch würde den Wunsch haben, sich in dieser Sandwüste, die keinen grünen, Rasern kennt, anzubauen? Das trotzdem pilzartige Wachstum dieser Wohnkolonie hat außerordentlich unentwickelte Ansprüche der in Frage kommenden Kreise zur Voraussetzung. Und tatsächlich hat das Gros der Einwanderer, aut die wir zu rechnen haben, eine höchst unzulängliche Vorstellung von neuzeitlichen Wohnbedürfnissen, ein Umstand, der ein ernstes Hinderungsmoment darstellt. Wir werden gut tun, uns diese Tatsache nachdrück lieh st einzuprägen, wenn wir für die Wirklichkeit denken und schaffen wollen. Nach dieser Feststellung wird sich leicht übersehen lassen, welche Leistungen kleine Gesellschaften von Interessenten hervorzubringen versprechen. Angenommen, eine Reihe von Leuten, welche die — mehr oder minder feste — Absicht haben, sich ein Haus zu bauen, tun sich zum gemeinsamen Ankauf eines Terrains zusammen. Für sie werden schon bei dessen Auswahl) zufällige Angebote eine Rolle spielen, und schließlich wird der Bodenpreis entscheidend sein, umsomehr, als wir in der Hauptsache und lange auf wenig bemittelte Einwanderer zu rechnen haben. Und selbst bei den besten Absichten wird es an Sachverständnis fehlen. Die Größe des Geländes wird das Maß ihrer Bedürfnisse nicht wesentlich übersteigen. Der Wertzuwachs, den die angrenzenden Ländereien durch die Erschließung und Bebauung dieses Terrains erfahren, wird also aus den Händen der nächsten Ansiedler in die Taschen von Spekulanten fließen, die in der Lage sind, für ihren Boden Phantasiepreise zu verlangen, weil man fremde Enklaven unmöglich bestehen lassen kann, und deshalb auf konzentrischen Geländeankaut angewiesen ist. — Es ist demnach sehr gut der Fall denkbar, daß eine zweite Interessent tengruppe es vorziehen wird, sich an ganz anderer Stelle niederzulassen, um der Auswucherung durch Spekulation zu entgehen. Selbstverständlich muß einer Verzettelung dieser Art mit aller Entschiedenheit entgegengearbeitet werden. Vor allem würde jede repräsentative Wirkung hierdurch im Keime erstickt. Ferner aber stelle man sich vor, welcher Mehraufwand für Erschließung und gemeinnützige Einrichtungen wie Schulen, Synagogen, Wasserleitungen und dergleichen insgesamt erforderlich und um wieviel geringer der Effekt wäre. Aber selbst wenn dieser schlimmste Fall vermieden werden könnte, wenn sich eine Gruppe an die andere schlösse, würden bei der Aufstellung des Bebauungsplanes unlösbare Schwierigkeiten entstehen. Es seien nur einige herausgegriffen: Für öffentliche Gebäude, Plätze und Parkanlagen, die schon im Bebauungsplan vorgesehen sein müssen — an anderer Stelle soll darüber äusfüihrlicher gesprochen werden)t— wird bei diesem System kein geeigneter Platz entstehen können. Ich war gezwungen, einen Saalibau auf einer „Villenparzelle“ zu errichten. Dies war nur dadurch möglich, daß man den Bauwich, den Abstand des Gebäudes von den Nachbargrenzen, aut 1 m herabsetzte. Litt hierdurch schon das Gebäude selbst erheblich, so stelle man sich erst die ästhetische und hygienische Wirkung vor, welche aut die Nachbarhäuschen ausgeübt wurde. Und in ganz ähnlicher Weise sollte eine Synagoge plaziert werden. Wahrhaftig, eine undankbare Aufgabe für einen Architekten, Bauwerke ziu entwerfen, die schon durch ihre Situation verfehlt sind. Monumentale Gebäude sind die Schmuckstücke der Stadt. Werden, sie nicht von vornherein so in das Stadtbild komponiert, daß sie zur Wirkung kommen, so haben sie für das Stadtbild überhaupt keinen Wert. Man könnte die Reihe dieser Gegenbeispiele aus Tel Awiw beliebig verlängern, es sei den Kennern nur noch der Wasserturm genannt, der ehemals den Boulevard an der Grenze abschloß, später aber als das Nachbarterrain: einbezogen wurde, in der Achse der ansehnlichsten Straße stand. Schon rein prinzipiell ist ein sukzessives Aneinanderfügen von Straße lau Straße keine Methode, die einen einigermaßen brauchbarem Stadtplan zeitigen kann. Daß unsere scheinbar so unregelmäßigen alten Städte willkürlich aut diese Weise entstanden seien, und daß sie ihre reizlvoljeu Städtebilder dem Zufall verdanken, können nur ästhetisierende Laien behaupten. Die mittelalterlichen Städte sind nach außerordentlich strengen und zweckmäßigen Gesetzen geplant worden. Und auch für uns bestehen derartige Gesetze, seit man sich in neuester Zeit darauf besonnen hat, daß eine Stadt ein Kunstwerk sein soll, wie sie es vom Altertum an bis in die Barockzeit hinein war. Die mittelalterliche Stadt setzte sich aus wenigen Gebäudetypen zusammen: Da waren neben den öffentlichen Gebäuden im Allgemeinen nur Kaufmanns- und Handwerkerhäuser zu unterscheiden, und auch diese beiden Typen nicht so gar verschieden gestaltet, daß sie nicht in der gleichen

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