Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 939-940 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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939 VOLK und LAND 940 aiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiililiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii'iiiiiiiliiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiililiilti ||=- — UMSCHAU -- -= - [j ... Die „Umschau“ soll von Zeit zu Zeit über wichtige Aeußerungen zu den hier behandelten Fragen berichten, wie wir sie in andern Blättern finden. Sie würde jedoch in ihrem Zwedc verkannt werden, wollte man sie als hinreichenden Ersatz für die Lektüre dieser Aeußerungen selbst auffassen. Vielmehr soll sie dazu ainreizen, die hier genannten Arbeiten als besonders wichtig im Original zu lesen. D. Sch. Vom „ewigen ü a 1 u t h.“ Nach längerer Pause ist wieder einmal ein Heft des „Juden“ erschienen, das, gegenüber schwächeren Heften der letzten Zeit, die Freude an dieser im besten Sinne vornehmsten jüdischen Zeitschrift neu belebt. Wiederum bewundert m!an die Geschlossenheit, die starke Zueinandergehörigkeit dessen, was auf diesen drei Bogen steht. Undi je mehr man als Mitschaffender die allgemeine Unzulänglichkeit jüdischer Publizistik in deutscher Sprache schmerzlich empfindet, umso dankbarer fühlt man, sich einem Blatte verpflichtet, das dem anspruchsvollen und verantwortungfordemden Namen „Der Jude“, drei der schwersten Jahre hindurch gerecht zu werden vermochte. Wir glauben die Arbeit anderer Blätter am besten zu würdigen, wenn wir unter Verzicht auf allgemeine Besprechungen uns ausschließlich denjenigen ihrer Aeußerungen zuwenden, die in den Interessenkreis hineingehören, auf dessen Erörterung „Volk und; Land“ sich beschränkt. Unter diesem Gesichtspunkt verdient Abraham Schwadrons Aufsatz: „Das Dogma von der ewigen Galuth“ besondere Beachtung. Das Dogma, das Schwadron im Namen der unverfälscht^!^ zionistischen Idee bekämpft, ist das gleiche, gegen das an dieser Stelle so oft schon vorn Standpunkt der kolonisatorischen Praxis gestritten worden ist, das Dogma von dem Palästina, „das nicht alle Juden fassen kann“ und von dem Zionismus, „der nicht die Judenfrage lösen wird.“ Schwadron erinnert daran, was dieses „zionistische Dogma“ früher einmal gewesen ist: einer der Haupteinwände der A n t i zionisten, gegen den sich der Zionismus der „Judenstaats-Epoche“ mit der ganzen Energie eines „holden Leichtsinns“ gewehrt hat. Erst später hat sich der Gedanke vorn „zu kleinen“ Palästina auch in zionistischen Köpfen festgesetzt und beginnt wahrhaft gefährlich zu werden imi jetzigen Augenblick, wo wir „jedenfalls die Pflicht haben, nicht nur an die Notwendigkeit, sondern auch an den Plan einer GroßkoIonisation, in irgend einem Maße zu denken.“ Schwadron weist auf den Grundfehler all dessen! hin, was wir als Streit zwischen Maximalismuis und Minimalismus bezeichnen, daß nämlich das Dogma von der unzulänglichen Fassungskraft des Landes, das a priori weder beweisbar noch bestreitbar ist, Einfluß gewonnen hat auf unsem Willen und auf unsere Grundauffassng des Zionismus, von der all unser Wollen abhängig ist. Zionismus ist für den Theoretiker Schwadron ebenso sehr restlose Verneinung des Galuth, wie für den Praktiker Trietsch. Trietsch behauptet, entgegen einer Anzahl von sehr klugen Leuten, die sich fraglos für gute Zionisten halten, daß der Zionismus in erster Linie um der Juden willen dla sei und erst in zweiter um des Landes willen, und Schwadron, der von ganz andern Gesichtspunkten ausgeht und demi das jüdische Problem; sich doch wohl wesentlich anders zeigt, als Trietsch, läßt seine Ausführungen in den Worten gipfeln: „Ist die Galuth ewig, so ist der Zionismus nicht heilig!“ Kraut sich der Zionismus nicht die Kraft zu, Palästina zu dem Lande der jüdischen Massensiedlung zu machen, so ist er keinen Schuß Pulver wert, — urteilt Trietsch. Bringt der Zionismus nicht den Willen auf, die Judenfrage „von Grund auf und restlos zu lösen, — ganz gleich, wann damit zu beginnen und innerhalb welcher Zeiträume es durchzuführen ihm die Welt gestatten wird!, so darf er sich nicht auf die zweitausendjährige Hoffnung des jüdischen Volkes berufen, so verdient er wohl die Unterstützung unser aller, nicht aber die heiße Inbrunst und das bedingungslose Opfer unsrer Besten.“ So Schwadron. Im Lichte dieser Gegenüberstellung gewinnt die Frage „Maximalismus oder Minimalismus?“ ein ganz neues Gesicht, — neu wenigstens neben der Art, in der dieser Streit bisher zum Austrag gelangt ist. Das große zionistische Publikum, ohne dessen Resomnanz letzten Endes jeder Streit um Palästinadinge müßig ist, steht den gelehrten Ausführungen über Siedlungstypen, Bevölkerungsdichte, Finanzbedarf usw. mit der respektvollen Selbstbescheiduing des Laien gegenüber. Es schien ein Meinungsstreit unter Fachleuten, was doch wohl in viel höherem Maße als von Kenntnissen vom Willen und vom Temperament der Bewegung äbhängt. Um den Gegensatz einmal scharf herauszuarbeiten: Minimalist ist, wem die — wirkliche oder vermeintliche — geringe Fassungskraft des Landes das Entscheidende ist, Maximallist, der die Gewißheit des elementaren, alle Grenzen überflutenden Palästinadrangs dier Juden als das Unabänderliche, Unerschütterliche ansiehit. „Wenn Millionen Juden einmal gekostet haben werden, ohne Galuth zu leben, so wird keine Schwierigkeit der Welt die andern abhalten, sich mit aller Gewalt aus der Galuth herauszudrängen.“ Zionismus im Sinne Herzig — wer wollte das leugnen? — war ein Versuch zur Lösung der Judenfrage, und der Glaube an die Möglichkeit solcher Lösung hat die Organisation geschaffen, hat die Bewegung emporgetragen. Wenn die heutige Generation, in der soviel Junge maßgebend sind, soviel jüdische Lebenskraft aus dem Leben in der Bewegung schöpft, daß es ihr nicht mehr nötig erscheint, ihr das eine große Ziel zu bewahren, so sollten wir jenen Leuten dankbar sein, die immer wieder hartnäckig auf dieses Ziel hinweisen. Es ist in hohem Maße betrüblich, daß der anscheinend „fachmännische“ Streit über die Fassungskraft des Landes vom zionistischen Publikum nicht als das erkannt wird;, was er wirklich ist: als ein Gradmesser der Auffassungskraft der Zionisten. Nicht das ist das Entscheidende, ob Trietsch. Ruppin oder Ruppin Trietsch Irrtümer und Rechenfehler nachweist; die pflegt die Praxis schnell undi sicher zu berichtigen. Entscheidend ist es, ob unser Kolonisatiomswetk geleitet ist van dem Willen, die Judenfrage zu lösen oder nicht, Und wenn es sich im/ „fachmännischen“ Streit sehr gut anhört, wenn von manchen Leuten gesagt wird: „In dem, was wir wünschen, sind! wir alle Maximalsten!“ so erweist sich das Unzulängliche dieser Behauptung, sobald man die entscheidende Frage stellt: „Glaubt Ihr, daß Zionismus bedeutet, die Juden frage lösen zu wollen, oder nicht?“ Schwadron schreibt mit Recht: „Es ist immer eine unvollständige und darum falsche Gegenüberstellung, die so vorgenomimen wird', als gäbe es nichts in der Welt als entweder das Seiende, oder das Erhoffte, das, an dessen Erfüllung man glaubt.