Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 937-938 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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037 VOLK UND LAND 938 „Was nur eine Ernte, Ihr Bauern? Was, zwei kleine Erträge, Ihr Schreber, Pächter und Siedler? Was, Mißernten? Aber Ihr duldet ja noch schlechten Boden, rauhe Lage, Frost und Wind, Ihr kennt noch „Klima“. Ihr mit Eurem Rüstzeug an Mauern, Glas und Heizung, mit Regenanlagen und Erdfabrik. Laßt Euch vom Bulgaren und Flamen, von Genf und Paris beschämen. Drei Ernten jährlich, hört, soll Euer Anfang sein und zehn das Ziel!“ Ja, werden die Zweifler fragen, ist denn so was in Palästina möglich. Warum denn nicht? Wir müssen doch einmal aufhören, nur „palästinisch“ zu denken, d. h. auf die bisherige Erfahrung in Palästina zu pochen. Wir dürfen nicht länger an der palästinischen Tradition gedanklich kleben. Tun wir das, so kommen wir zu einer Vergeudung von Land und Sonne. Was den Befürwortern der großen Parzellen — sowohl für intensive als auch für extensive Bodennutzung — fehlt, ist der gedankliche Schwung, die Fähigkeit, sich von dem in Palästina schon „Erprobten“ zu emanzipieren. Wer kennt in Palästina die Maxime, drei Ernten jährlich soll der Anfang und zehn das Ziel sein? Nein, wir müssen es anders, ganz anders machen als bisher. Kleine Parzellen ist nunmehr die Forderung des Tages, groß genug, um die volle Arbeitskraft des Ansiedlers und seiner Familie — keine Großbauern und keine Häusler — auszunutzen. Auch beim Getreidebau sind die bislang empfohlenen Parzeliengrößen viel zu umfangreich. Wenn der Ackerbau in der Tat in Palästina nach zehnjähriger Kultivierung des Bodens nur zwei Prozent abwerfen soll, so wäre es ja ein Wahnsinn, ihn zu empfehlen. Aber es braucht ja in Zukunft nicht so zu sein. Denn auch da wird intensiver Anbau auf kleineren Parzellen bei richtiger Auswahl der S,aat, guter Bodenbearbeitung Wunder tun. Nur los von der früheren Konzeption! Nur kein Hinweis auf die „palästinensische Erfahrung“. Wir müssen es anders machen, anders und besser! Ballod meint, daß die Oettingersche Auffassung ein Ausfluß seiner argentinischen Erfahrung ist. Da tut er ihm Unrecht: Es ist palästinensisches Produkt. So wird es in Palästina gemacht. Was noch nicht gemacht wird, muß den „Erfahrungen“ angepaßt werden. Ich sehe im Geiste ein gärtnerisches Industriedorf in Palästina. Dorf reiht sich an Dorf. Die Industrie ist Gartenbau; die Fabrik der Garten unter freiem Himmel Die bewegende Kraft der Mensch. Der Kraftspender die Sonne! Auf 100 Hektar bewässerbaren Bodens sitzen 200 Siedlerfamilien. Sie haben eine genossenschaftliche Gemüse-Konserven-Fabrik, in der die schönsten „petits pois“ und „harrioots verts“ wie sie Potin liefert, die feinsten Artischockenböden, Tomatenpüree usw. hergestellt werden. Später kommt eine Marmeladen- und Fruchtkonservenfabrik hinzu, in der die schönsten kalifornischen Früchte und besten englischen Jams gemacht werden. Die genossenschaftliche Organisation sorgt auch für den Absatz sowohl der Konserven, wie der frisch zu verkaufenden Gemüse. Sind doch Großabnehmer wie Port Said, Kairo, Alexandrien, Beirut, die Hotels im Libanon, und noch näherÜegend Damaskus so schnell und leicht zu Wasser und per Bahn erreichbar. Das Industriedorf hat Mustergärten, in welchem erfahrene Gärtner — Deutsche, Flamen, Bulgaren — den Siedlern die Sache gewissermaßen „vormachen“. Handelsgärtnereien sorgen für die Lieferung von bester Saat, für die Anzucht von Stecklingen. Versuchsgärten unter Leitung von Fachleuten machen sich an die Züchtung der feinsten, dem Klima zusagenden Sorten heran, sie sorgen für die Einführung neuer, im Lande unbekannter Frucht- und Gemüsearten. In den Schulgärten verbringen die Kinder die Hälfte ihrer Schulzeit und lernen alle die Hantierungen, die sie so vorteilhaft im Betriebe ihres Vaters verwerten können. Auf 100 ha 1000 Menschen, ja mit den Nebenberufen bis zu 1500! Ja, das ist möglich, das ist erreichbar. Nur müssen wir uns Von der palästinensischen Tradition lossagen. Ballod schätzt die Ausdehnung der bewässerbaren Flächen in Palästina auf 300000 ha — seine „landwirtschaftliche Fabrik“, in der auf 1000 Großgütern 50- bis 60 000 Arbeiter den ganzen Bedarf einer Sechs- Millionen-Bevölkerung an Nahrungs- und Bekleiduingsstoffen decken, während die so versorgten Einwohner auf den Hügeln und Bergen was anderes treiben, m-uß ich entschieden ablehnen! Wozu das? Lassen wir doch die Leute in den Ebenen auf kleinen Parzellen die höchsten Erträge dem Boden abringen. Auf 300000 ha bewässerbaren Bodens können viereinhalb Millionen Menschen leben und produktiv tätig sein! Aber wir können noch mehr bewässerbaren Boden schaffen, wenn wir alle Möglichkeiten ausnutzen. Unerörtert muß ich die Frage lassen, in welcher Spanne Zeit dieses Ziel erreichbar ist. Wie ich eingangs dieser Ausführungen sagte, ist es eine undankbare und auch überflüssige Aufgabe, hier einen Propheten spielen zu wollen. Wer kann auch nur mit annähernder Genauigkeit sagen, wann wir die Ent- und Bewässerungsarbeiten, sagen wir allein der Huleebene vollendet haben werden? Für die große Besiedlung, d. h. für die Verpflanzung der Tausenden von neuen Siedlern, kommen doch gerade die Bodenkomplexe in Frage, die vorher hierzu „aptiert“ werden müssen. Inzwischen aber haben wir Wichtiges zu tun: Die Musterdörfer — 2 bis 3 — in verschiedenen Teilen des Landes ins Leben zu rufen, in denen wir alle die angeregten und noch viele andere Vorschläge durchführen, Mustergärten, Handelsgärtnereien, Versuchsgärten usw. anlegen und die ersten Siedler ansetzen. Warum ich nur von den bewässerbaren Böden spreche und die anderen zahlreicheren übergehe? Weil gerade bei künstlicher Bewässerung die Vorzüge des Klimas besonders verwertet werden können, weil die Kultivierung der bewässerbaren Böden uns die Massensiedlung gestatten wird. Die anderen Flächen können auch in einzelnen Wirtschaften, freilich auch nicht so extensiv wie bisher, ausgenutzt werden. Sie brauchen nicht die staatlich organisierte Aptierung. A*u f den bewässerten Boden hat jeder Anspruch der viel Arbeit und wenig Kapital bringt. Ich nenne keine Zahlen, ich habe sie nicht Was ich in Vorschlag bringe — übrigens nicht als Erster — ist noch unerprobt in Palästina. Aber es ist ein großes Problem, eine Aufgabe, die des Schweißes der Edlen wert ist, an die lieber heute als morgen herangegangen werden muß! Nur los vom Hergebrachten! Neuer Geist in die neue Siedlung! Ein Wort noch über das Menschenmaterial. Wird der Ostjude sich!zu einem solchen intensiven Gärtner eignen? Ohne Zweifel! Die Arbeit erfordert keine übermäßige körperliche Anstrengung, regt dagegen geistig an, gibt dem Siedler Gelegenheit intensiv zu kalkulieren, da sein „Umsatz“ recht bedeutend ist. Dei intensive Gartenbau ist eine Industrie, zugleich aber auch ein Geschäft. Zu beiden Berufsarten ist der Jude geeignet, er wird an ihrer Vereinigung — der Gartenkultur — Gefallen finden. Dann bietet ihm die Mitarbeit an der Verwertungs-Genossenschaft Gelegenheit zur Betätigung seiner Sozialen Neigungen. Nur zu! („Jüdische Rundschau“.)