Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 935-936 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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035 VOLK UND LAND 936 drücklich, daß es mir durchaus fern liegt, mich etwa mit einer solchen oder ähnlichen Ziffer zufrieden zu geben. Ich glaube, es wird ein Vielfaches — zum mindesten ein Mehrfaches — dieser .Ziffer werden.“ Alle diese Versuche, dem Problem mit Zahlen beizukommen, müssen rundweg abgelehnt werden. Der Voraussetzungen für die Einwanderung sind gar viele. Kein Prophet wäre in der Lage, auch nur annähernd anzügeben, in welchem Tempo die allgemeinen Erschließungsarbeiten, von deren Gange die Aufnahmefähigkeit eines Landes für Einwanderer abhängt, gerade in Palästina vor sich gehen werden. Wir sind so gänzlich unerfahren und zum großen Teil auch so herzlich unwissend in der Kunst des Staatenbaus, daß es vermessen scheinen müßte, in diesen Fragen mit Zahlen Zu jonglieren. Sie sind irreführend, da sie falsche Hoffnungen erwecken, müßig, da sie nur auf durch keine Erfahrung belegten. Annahmen beruhen, überflüssig, da sie ohne Wirkung bleiben, und gar schädlich, wenn sie einzelne, geschweige denn Massen, zu übereilten Schritten verleiten würden. Erforderlich ist es, das Ziel Zu kennen und sich über die Methode zu seiner Erreichung zu einigen. Dieses Ziel ist die Verpflanzung nach Palästina in einer möglichst kurzer» Zeit einer solchen Zahl von Juden, die uns die dringend benötigte Präponderanz vor den anderen Volksstämmen sichern. Die von der Natur gegebenen Vorzüge des palästinensischen Klimas, geschweige ‘seiner günstigen geographischen Lage, drängen, direkt zu der intensivsten Nutzung des Bodens, Wobei seine eigene Beschaffenheit dort, wo das in den subtropischen Gebieten besonders wertvolle Naß in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht, nur noch wenig ins Gewicht fallt. Wer in Aegypten gesehen hat, wie fast steriler Wüstensand am Rande der Wüste dank der Intensität der Sonnenstrahlen mittels Bewässerung und Düngung in reich tragendes Kulturland umgewandelt wird, der wird den für die gemäßigten Zonen gewiß ketzerischen Ausspruch, auf den Boden käme es gar nicht an, sondern auf Wärme, Licht und Wasser, billigen müssen. Die Sonnenwärme und das Sonnenlicht, die das ganze Jahr hindurch die pflanzliche Zelle zu intensiver Arbeit zwingen, sind ein so wertvolles Gut, daß es in den Gebieten, wo sie mit Sicherheit Zur Verfügung stehen, sich verlöhntj das etwa fehlende Wasser mit dem Aufgebot von größten Kasten herbeizuschaffen. Während schlechter Boden sich durch Düngung verbessern, das mangelnde Wasser auf künstlichem Wege zuführen läßt, können die Sonnenstrahlen in einem für die landwirtschaftliche Produktion eines ganzen Landes ausreichendem Umfange nicht ersetzt werden. Dies mag zur Erklärung der Vorzüge des subtropischen Klimas genügen. Diese außerordentlichen Vorzüge des palästinensischen Klimas schieben gebieterisch 'die Wasserfrage in die erste Linie. Die wichtigste Aufgabe muß es sein, jeden, aber auch jeden Tropfen Wasser in diesem Lande auszunutzen; die Wasserwirtschaft wird die größte Sorgfalt der Regierung 'beanspruchen. Denn wo Wasser ist in den Subtropen, da ist auch Brot und Wohlstand. Ein besonderes Wasseramt — irrigation department — muß alle Bewässerungsmöglichkeiten studieren und für die Beschaffung von Wasser aus Flüssen, Quellen, Seen. Brunnen, für die Aufsammlung von Regenwasser — nicht ein Tropfen dürfte ungenutzt versickern — in Behältern und für seine Zuführung an die Nutznießer sorgen. Denn die Produktionskraft des bewässerten Bodens ist in den subtropischen Gebieten ungeheuer, Fleiß und Arbeit vorausgesetzt. Die vorteilhafteste und ergiebigste Nutzung des Wassers erfolgt im Kleinbetrieb — beim Gemüse — und Obstbäu. "Die Voraussetzung für eine intensive Gartenkultur ist die Möglichkeit der Verwertung der erzeugten Produkte. Sie ist in Palästina schon jetzt überall gegeben. Bei der Kleinheit des Landes verfügt es schon gegenwärtig über reichlich viel Bahnen — der Krieg in Palästina wirkte wenigstens nach dieser Richtung aufbauend: Beide Gegner, die Türken unter deutscher Leitung und besonders die Englänger haben in Palästina neue Bahnen und Straßen gebaut. Was noch fehlt, sind Zufuhrbahnen, die mit der gesteigerten Einwanderung, ja ihr vorauseilend, in Angriff genommen werden müssen. Ueber die Absatzmöglichkeiten der Erzeugnisse des Gemüsebaus und der Obstkultur ist viel gesprochen worden, wie überhaupt auch über die besondere Eignung Palästinas für intensiven Gartenbau. Aber ich finde bei Niemandem — mit Ausnahme von Trietsch — eine richtige Auswertung dieser Möglichkeiten. Oettinger spricht in recht warmen Ausdrücken von dem Gemüsebau als Haupterwerbszweig in Palästina, empfiehlt aber Parzellen von 20 Dunam bewässerbaren Bodens. Auch Ruppin akzeptiert im großen und: ganzen diese Parzellengröße. Die von Oettinger befürwortete arbeitsintensive Bodennutzung wird von ihm selbst durch die Empfehlung viel zu großer Flächen desavouiert. Eine Familie aus fünf Köpfen, die wir allgemein als Durchschnitt annehmen müssen, kann einfach nicht 20 Dunam bewässerbaren Bodens intensiv ausnutzen. Sie ist durch die Größe der Parzelle gezwungen, extensiv zu arbeiten. Denn die Arbeit, die in einen, sachgemäß angelegten und betriebenen Garten, besonders in den Subtropen, hineingesteckt werden muß, ist ungeheuer! In Deutschland füllt die Bebauung von nur 400 qm — wovon 200 qm intensiv und 200 qm extensiv bearbeitet werden — nach Leberecht M i g g e die Arbeitskraft einer fünfköpfigen Familie aus, deren Ernährer im Hauptberuf Industriearbeiter ist, deren sämtliche Glieder aber intensiv im Garten arbeiten. Dabei wird noch nicht der Intensitätsgrad erreicht, wie er in Palästina dank seiner Sonne möglich ist. Auch die Bewässerung der intensiv angebauten Parzelle — also 200 qm — geschieht nur mit den Abwässern der Hauswirtschaft. Diese 400 qm versorgen die Familie mit dem ganzen Gemüse- und Obstbedarf fürs Jahr ■— daher Migges Devise „Jedermann Selbstversorger“ — im Werte von 400 Mark. Ein Hektar so angebauten Landes würde somit jährlich 10000 Mark abwerfen können, wenn er in seiner ganzen Ausdehnung so ausgenutzt werden könnte, wie die 400 qm. Aber das wäre ja gar nicht möglich, auch wenn der Ansiedler selbst, der Ernährer der Familie, .im Hauptberuf sich dem Gartenbau widmen würde. Wird ein sich ausschließlich dem Gartenbau widmender Ansiedler, einem Gartenbau, wie ich ihn mir denke und wie er in Palästina unbedingt geboten ist, einen halben Hektar, d. i. 5000 qm, bewältigen können? Ich möchte es nicht ohne weiteres bejahen. Dies wäre erst noch zu beweisen; zweifellos würde ihn aber eine solche Parzelle glänzend ernähren! Die kleinste von Oettinger als Heimstätte empfohlene Parzelle, die sein Häusler nebenberuflich bebauen soll — Warum diese Ansetzung von Kolonist und Häusler nebeneinander? Wozu die künstliche Züchtung von Neidgefühl bei dem mit einer kleineren Parzelle Bedachten? — Diese Parzelle ist gerade groß genug für unsern Großgärtner! Auch da wird er schon Schwierigkeiten haben, diese Parzelle richtig zu düngen, denn Dünger ist ja für diese Art intensiver Bodennutzung neben Wasser und Arbeit das dritte Haupterfordernisi Wie trefflich apostrophiert doch Migge in seinem „Grünen Manifest“*) die deutschen Landwirte. *) Die literarische Gesellschaft, Hamburg 1919, Seite 89.