Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 933-934 (sequence 23)
- Language
- German
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933 VOLK UND LAND 934 Malariainfektion, dieser Geißel des Landes, die Dyszepsie der Erwachsenen und die Nährschäden bei Säuglingen hinzuweisen. Eine deutsche Ge-; Seilschaft hatte vor dem Kriege unternommen, unter i Mitwirkung der Nathan-Strauss-Stiftung und der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturforscher ein „Internationales Gesundheitsamt“ ins Leben zu rufen, i das Abteilungen für Malariaforschung, Bakteriologie, allgemeine Hygiene und Tollwutbehandlung besaß und durch eine Abteilung für Tuberkulose erweitert werden sollte. Man kann nur wünschen, daß diese Schöpfung infolge des Krieges nicht eingeht. Ein großer Teil der Einwohner Palästinas leidet an Malaria und ihren Nebenerscheinungen. Sehr hartnäckig und verheerend tritt auch die unter dem Namen Typhsmalaria bekannte Form auf; außerdem sind larvierte Formen der Malaria an der Tagesordnung. Eine deutsche Gesellschaft z!ur Bekämpfung der Malaria wurde im Juni 1913 gegründet. Die Malariamücken (Anopheles) haben vorwiegend in den Zisternen ihre Brutstätten. Von großem Einfluß auf die Gesundheitsverhältnisse ist die Ejnährung. Hier kann peinlichste Sauberkeit, Vorsicht beim Einkäufen von Lebensmitteln und Asepsis in Küche und Speisezimmer den Einwanderern nicht genug gepredigt werden. Das Volk kümmert sich blutwenig um die Fliegen und das sonstige Ungeziefer in den Bazaren; sucht man es zu belehren, so lacht es oder geht über die „fränkischen Einbildungen“ mit einem Achselzucken hinweg. Ganz besondere Aufmerksamkeit erheischt die Trinkwasserfrage. Das Wasser ist an sich nicht immer schlecht, doCh sollte es der Vorsicht halber stets filtriert werden, wobei die großen porösen Tonfilter aus Aegypten gute Dienste tun. Natürlich sind di£ europäischen Filter besser und zuverlässiger. Für Reisen im Innern und Touren sind kleine Reisefilter mitzunehmen. In zweifelhaften Fällen empfiehlt es sich, das Wasser erst zu kochen und dann zu filtrieren. In Jaffa ist das Wasser (Brunnenwasser, Grundwasser) trinkbar. Es schmeckt etwas salzig und hat eiine Härte von 18 bis 20 Grad. Das Wasser aus den Orangengärten gilt für das beste, weil es sich durch das häufige Schöpfen zum Bewässern öfter erneuert. Als Tischgetränk ist geeister Thee oder kalte Limonade zweckmäßig; wer es sich leisten kann, wird natürlich Mineralwasser, eventuell mit leichtem Wein gemischt, trinken. Alkohol ist zu vermeiden, ebenso alle Exzesse in der Lebensweise, iin baiccho et venere. Die Küche soll eine leichte und verdauliche sein; in diesem Punkt gehen die Eingeborenen mit gutem Beispiel voran und man kann den Auswanderern nur raten, sich darin den Landesgewohnheiten anzupassen. Viel Arbeit ist noch auf sozialem, wie medizinischem Gebiete zu leisten. Es gilt noch die Durchführung der einfachsten Maßnahmen: Reform der Apotheken, Kontrolle der eingeführten Drogen, Sorge für diplomierte Aerzte und geprüfte Hebeammen, Einrichtung der Krankenhäuser nach modernen Grundsätzen. Sehr zweckmäßig wäre ein Appell an die Frauen. Ohne die Mitarbeit der Frau kann die Hygiene niemals in die Familie hineingetragen und erhalten werden. Wie sollen wir beispielsweise Tuberkulose, Diphtherie, Ruhr, die Säuglings- und Kindersterblichkeit erfolgreich bekämpfen ohne der verständnisvollen Mitarbeit der Mutter sicher zu sein? Die am häufigsten in Palästina auftretenden Krankheiten sind Erkrankungen der Atmungswege, der Verdauungswege, der Augen (eine Folge von Staub, Unreinlichkeit und überstaindenen Pocken), Leberabszesse, Milzkrankheiten und Geschlechtskrankheiten. Dann folgen Gehirnwnd Rückenmarkskrankheiten, Hitzschlag, Herzkrankheiten (besonders bei Rheumatismus), Krankheiten der Harnorgane, der Haut, Diabetes, Skorbut, Blutarmut, letztere infolge von Malaria. Selten sind Geisteskrankheiten, Kropf, Kretinismus, Rachitis, angeborene Körperfehler. Die Syphilis herrscht im ganzen Orient in erschreckender Weise. Aus Aegypten, Amerika^ und Rußland wird sie in zunehmendem Maße eingeschleppt, die Soldaten bringen sie in ihre Dörfer und sogar in die Zeltlager der Beduinen. Die Regierung unternahm kaum etwas zu ihrer Bekämpfung. Auch die Tuberkulose ist in beängstigender Zunahme begriffen. Cholera- Epidemien wiederholen sich von Zeit zu Zeit. Die letzte, im Jahre 1903, raffte an 5000 Menschenleben hinweg. Ein Internierungszwang wegen Lepra (Aussafe) besteht nicht, die Erkrankten leben frei mit ihrer Familie und treiben ihr Gewerbe, doch scheint die Krankheit sich nicht erheblich zu verbreiten. Li Jerusalem befinden sich Lepra-Heime. Gegen Tollwut fanden früher nur in Konstantinopel, später auch in Kairo und vor dem Kriege in Jerusalem Impfungen statt. Dengue, von den Arabern „Abu rukab“ genanut, eine fieberhafte Erkrankung mit schweren Komplikationen, tritt von Zeit zu Zeit epidemisch auf. Auch gibt es Fälle von Febrisperniziosa verschiedenster Art. Irrenanstalten bestehen in Asfurie bei Beirut, bei .Bethlehem und in Nablus, die beiden letzteren genießen jedoch keinen guten Ruf. — Je mehr dafür geschieht, die jüdischen Einwanderer zu belehren, und von vornherein in geordnete, hygienische Verhältnisse zu bringen, um so günstiger wird sich das für den allgemeinen Gesundheitszustand in Palästina erweisen. DAS PROBLEM DER KLEINSIEDLUNG IN PALAESTINA Von Dr. S. E. S o s k i n In der Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas für neue Siedler ist der Sachverstand wiederholt zu Worte gekommen. ES wird mit Recht angenommen, daß Palästina, eine allseitige Erschließung des Landes vorausgesetzt, mindestens 5 Millionen Menschen aufnehmen Und ernähren kann. Uneinig ist man sich über das Tempo der Besiedlung. Die sogenannten Minimalsten sprechen von einer Einwanderung von 20—60000 Menschen im Jahr als nächstes erreichbares Ziel (Lichth e i m, R'u p p i n, W e i z m a n n). Ruppin gibt vorsichtigerweise die von ihm geschätzte Gesamtziffer der neuen Einwanderer am Ende des ersten Jahrzehnts mit 300000 an und geht somit wenigstens dem Fehler der Angabe einer größeren Einwanderungszahl schon für die ersten Jahre aus dem Wege. Die Maximalsten kennen keine Grenzen für die jährliche Einwanderung. Den Rekord schljug T r i e t s c h , als er auf dem Palästina-Delegiertentag die verheißende Lockung in die Versammlung warf: „Ich wähle als Beispiel eine Einwanderung von 100000 im Jahre, bemerke aber aus-