Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 931-932 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649300--0593-2649948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
931 VOLK UND LAND .-=-..^=rT . -■ ■ 932 Bevölkerung großes Elend herrscht. Die Auswanderungslustigen müßten sich daher, um der Einschleppung von Infektionen von vornherein vorzubeugen, vor der Ausreise einer scharfen ärztlichen Kontrolle unterziehen. Schwerkranke und alle mit ansteckenden Krankheiten Behafteten wären von der Reise auszusehließen, körperlich Hilflose nur in Begleitung Angehöriger zuzulassen. Die Auswanderer müßten frei von jeder Krankheitsanlage sein, vor allem ein kräftig arbeitendes Herz, gesunde Lunge und eine normale Verdauung besitzen. Eine Schutzimpfung gegen Pocken, Typhus und Cholera wäre vor der Ausreise vorzunehmen, ebenso eine sorgfältige Revision der Zähne, da es in Palästina an guten Zahnärzten fehlt. Die Kleidungsstücke, Wäsche usw. wären einer Desinfektion zu unterwerfen. Diese könnte entweder während der Seereise auf dem Schiff stattfinden, das eine Desinfektionsmaschine an Bord mitführen könnte, oder aber bei der Landung, vor der Weiterreise ins Innere. Die Hafenstadt Jaffa besitzt eine kleine Desinfektionsanstalt außerhalb der Stadt, ganz isoliert auf freieifi Feld, am Meere. Dampfer wie Segler könnten hier bei gutem Wetter ganz nahe herankommen und die Passagiere .ausbooten. Nach erfolgter Desinfektion würden sie auf das Schiff zurückkehren, das alsdann bei der gewöhnlichen Anlegestelle Anker werfen könnte, wo die Zoll- und Paßrevision stattzufinden hätte, oder die Zoll- und Paßbureaus könnten ihre Beamten nach dem Desinfektionsgebäude schicken, sodaß die Reisenden sich von hier aius gleich in die Stadt begeben könnten. Die jüdische Einwanderung vor dem Kriege rekrutierte sich aus den allerärmsten Kreisen. Die meisten hatten nichts anders zu hoffen, als sich von Chalukaspenden zu ernähren, einige wenige wollten sich als Kolonisten in Palästina niederlassen, die allerwenigsten waren in besseren Verhältnissen, durchweg kamen sie als Deckpassagiere, Männer, Frauen und Kinder, vom Säugling bis zum Greise, bunt durcheinander, auf ihren Koffern sitzend, in größter Unsauberkeit, Tag und Nacht dem Sonnenbrand, der Nachtkühle und Meeresfeuchtigkeit schutzlos ausgesetzt. Das Trinkwasser für die Deckpassagiere ließ auf diesen Dampfern zu wünschen übrig, verpflegt wurden sie nicht, sondern mußten ihr Essen für die ganze Reise mitführen. Kein Wunder, wenn manche krank ankamen. Vor allen Dingen müßten an Bord der Auswandererschiffe gesundheitliche Einrichtungen geschaffen werden. Ein Arzt und eine Aerztin dürften nicht fehlen, am besten, wie das sonst üblich ist, von Krankenpflegern und -pflegerinnen unterstützt, die während der Reise eine Aufsicht über die Passagiere auszuüben hätten. Trinkwasser und Schiffsapotheke müßten vor der Ausreise revidiert werden. Es wäre für eine bessere Unterbringung der Reisenden und eine allgemeine rituelle Verpflegung zu sorgen; das Schlafen an Deck, das wegen unerwartet eintretender Abkühlung, plötzlichem Nebel und Regengüssen bedenklich ist, sollte höchstens unter einem ausgespannten Sonnenr segel gestattet sein. Was die Kleidung anbelangt, so sollten die Auswanderer angehalten werden, sich nicht nur mit leichter Kleidung (weißem baumwollenen Anzug), sondern auch mit solcher für die kalte Jahreszeit zu versehen, da es in manchen Gegenden, wie in Jerusalem, im1 Winter bitter kalt werden kann. Ein unentbehrliches Kleidungsstück ist die wollene Leibbinde, die bei jeder Verdauungsstörung sofort angelegt werden muß. An Schuhwerk sind bequeme naturledeme Halb- und Schnürstiefel zu empfehlen, als Kopfbedeckung weiche Strohhüte und sogar Tropenhelme. Die beste Zeit zur Einreise nach Palästina ist das Frühjahr, Anfang März bis Mitte Juni und im Herbst vom Ende September bis Ende Oktober. Der Winter eignet sich nicht dazu wegen der vielen gefährlichen Stürme, bei denen überdies das Landen in Jaffa und Haifa unmöglich ist. Die Reede von Jaffa ist ihrer schwierigen Landungsverhältnisse wegen berüchtigt. Schon manches Schiff, das hierauf keine Rücksicht nahm, hat es büßen müssen. Seit vielen Jahren wird von einem Hafenbau gesprochen, die Pläne dazu sind längst gemacht, aber alles blieb auf dem Papier. Jetzt, nachdem die Engländer während des Krieges eine Eisenbahn von Port Said nach Jerusalem gebaut haben, könnte man die Auswanderer im Winter dorthin leiten und so die Landung in Jaffa oder Haifa umgehen. Die Seestürme beginnen Anfang November mit Regen und der letzte Sturm pflegt am 9. März (dokus mart) alten Stils (d. h. dem 22. März) einzutreten. Nach dieser Zeit, in der ersten Hälfte des April können noch einige Tage stürmisch sein, das ist aber ohne Bedeutung. Von dem angegebenen Tage an gehen die Segler in See. Das Klima Palästinas ist ein subtropisches. Schnee und Hagel sind eine Seltenheit, die Temperatur sinkt fast nie unter Null, Eis kennt man nicht. Der kälteste Monat ist der Januar. Ende April beginnt die große Hitze, die bis Ende Oktober dauert. Die höchste Temperatur (bei Schirokko) beträgt 44° C, die gewöhnliche 30—38° C. Der Süd- und Südostwind (Schirokko) ist der heißeste. Der Westwind bringt im Winter Regen, im Sommer, wo er zwischen 9 und 10 Uhr morgens einzusetzen und erst gegen Abend allmählich nachzulassen pflegt, um in den Landwind überzugehen, eine willkommene Abkühlung. Von Mitte September ab werden die Nächte kühler. Der Mensch hat in Palästina während des Sommers durchschnittlich eine erhöhte Körpertemperatur, eine^beschleunigte Herztätigkeit und Atmung, das Blut ist dünnflüssiger, die Schweißabsonderung sehr stark, die Harnsekretion, Magen- und Darmtätigkeit dagegen vermindert, das Nervensystem ist erschlafft, die Arbeitsfähigkeit sehr herabgesetzt. Es wäre sehr zu empfehlen, daß den Auswanderern vor der Abreise aufklärende Vorträge über alle diese Verhältnisse gehalten würden, und daß man ein Merkblatt über die angezeigte Lebensweise und Ernährung unter sie verteilt. Bei der grenzenlosen Unhygiene, die unter der eingesessenen Bevölkerung herrscht, ist es dringend notwendig, daß die unerfahrenen Auswanderer nicht unter ihren Einfluß geraten und die Landesgewohnheiten kritiklos annehmen. So besteht beispielsweise die nur der Sparsamkeit entsprossene Unsitte, daß mehrere Familien zusammen ein Haus mieten; alsdann bewohnt jede Familie eine Stube, in welcher 4—5 Personen auf dem Boden, meist auf einer Matte schlafen. Bei Tage werden die Betten zusammengelegt und in einer Stubenecke oder Wandnische aufgestapelt. Dieses Schlafen auf dem Boden ist an feuchten Orten höchst gesundheitswidrig. Wb keine eisernen Bettstellen zu haben sind, müßten zum mindesten hölzerne Divans Verwendung finden. Küche und Abtritt werden von allen Hausbewohnern gemeinsam benutzt. Das Wohnungselend ist in manchen Stadtvierteln unglaublich. Die Beschaffung einwandfreier Wohnungen für die Einwanderer wäre daher eine Maßregel von äußerster Wichtigkeit. Auch auf bessere Körperpflege wäre hinzuwirken. Freie Volksbäder — auch Seebäder — wären zu errichten und auf die Gefahren der