Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 927-928 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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927 VOLK UND LAND 928 sogar das Kochen für den Haushalt kann meines Erachtens in Betracht gezogen werden. In einem Lande mit knappen Feuerungsmitteln wäre das sicherlich nicht ohne Belang. Ich kann gegenüber der pessimistischen Veranlagung der offiziellen und offizialistischen Vertreter unserer Bestrebungen (ich pflege zu sagen, daß Bestrebungen und Pessimismus sich eigentlich ausschließen sollten) nur immer wieder darauf hinweisen, mit anscheinend wie viel mehr Recht dieselben Herren die Etablierung von Zigarettenfabriken in Aegypten, von Maschinen-, Textil- und Schokoladenfabriken in der Schweiz ,usw. usW. abgelehnt haben würden, wenn man die Unvorsichtigkeit gegangen haben würde, sie vorbei uim ihren Rat zu fragen. Auch Ablehnung von „Projekte n“ kann leichtfertig sein und Schaden stiften. * St! * Bei dieser Gelegenheit noch einiges über Ruppinsche Materialien (und gleichzeitig über Ruppinsche Kritik). Es handelt sich um eine kleine Episode vom Delegiertentag, die in den bisherigen Berichten und Protokollauszügen noch nicht Platz gefunden hat. Ruppin hatte mir Optimismus bezüglich der Verwendung von Materialien vorgeworfen. Trotz wiederholter Aufforderung ziur 'Substanzierung dieses Vorwurfs wußte er nicht mehr anzuführen als meine Hinweise auf die Caravonicabaumwolle und den Sonnenmotor (übrigens hat auch sonst niemand dieses Material zu ergänzen Gelegenheit genommen.) Betreffs der Caravonicabaumwolle habe ich mit dem Hinweis darauf geantwortet, daß ich allenfalls mit einem großen Teil der BawmWolI -Fachwelt geirrt und dann schließlich doch hidht mehr als Versuche empfohlen hätte. Ich führte dann weiter aus: „Aber das letzte Wort ist auch hier noch nicht gesprochen und idh hoffe, neben meinen ersten 10000 Mandelbäumen in Palästina versuchsweise auch einen Caravonicabaum zu pflanzen. Wenn es auch dann nichts wird, will ich1 mich verpflichten, an diesem Baum eine Tafel anzubringen und darauf zu schreiben: Mit diesem einen Baum irrte sich T r i e t s c h, Mit jenen Zehntausend irrte sich Ruppin. Und das hängt so zusammen. Ruppin läßt in seinen Berechnungen über die Rentabilität der verschiedenen Baumkulturen nur Schwankungen zwischen 11 und 13% zu. Beim Mandelbaium, für dessen viel höhere Rentabilität schon das sprof^ chen sollte, daß diese jüngste unter den 'jüdischen Pflanzungskulturen in Palästina bereits größeren Umfang gewonnen hat als alle andern zusammen, gelangt er zu so niedriger Rentabilität, indem er den Ertrag pro Baum auf 1 Kilo und den Preis dieses Kilos aulf 1 Francs festlegt. In Wirklichkeit können bei sachgemäßer Arbeitsweise pro Baum vier Kilo aufgeklopfte Mandeln und der Preis aut 2,50 Francs pro Kilogramm geschätzt werden (sio daß wir hier wieder das Verhältnis von Ruppin zur Wirklichkeit wie 1:10 feststellen können). Ein syrischer Fachmann, Wady Medäwar, den sogar Ruppin für würdig hält, ihn in sein Literaturverzeichnis au fzu nehmen, gibt sogar 15 bis 100 Kilo per Baum an.*) Aber (fuhr ich fort) Palästina ist eben ein unbekanntesLand und hier auf der Palästina- *) Freilich für unaufgeklopfte Mandeln. Das Verhältnis ist wie 3:1. (Ich selbst halte Medowas höhere Ziffer für reichlich hoch, meine eigene Angabe von 4 kg aiufgeklopfte Mandeln aber für reichlich vorsichtig.) tagung sehen wir mit jeder Stunde mehr, w i e unbekannt es ist. Verlassen wir einmal dieses zweifelhafte Thema und wenden wir uns der anderen — wichtigeren — Grundlage des Zionismus zu: dem jüdischen Volke. Ueber dieses hat Ruppin ein Buch geschrieben: „Die Juden der Gegenwar t“. Ein wundervolles Buch, was das Material anlangt. Wir haben nichts Besseres. "Aber die Folgerungen, die Ruppin aus seinem Material zieht, beleuchten, wie nichts anderes, seine besondere „R e n t a b i 1 i t ä t.“ Während in diesem Buche der Tatsachen und Ziffern gezeigt wird, wie die jüdische Gesundheit im Laufe des letzten Menschenalters eine Verdoppelung ihrer Ziffern erreicht hat, eine Tatsache, die wie nichts anderes geeignet ist, uns den Mut und unsere Hoffnung für die Zukunft zu stärken — weiß er aus diesem wundervollen Maria! nichts anderes) abzuleiten als den klassischen Satz : „Vor unsem Augen bröckeln Stein um Stein aus dem einst so festgefügten Bau der Judenheit.“ Und das sagt er nicht etwa an irgendeiner gleichgültigem Stelle dieses1 300 Seiten starken Buches, sondern diese pessimistischen Worte bilden die zwei ersten Zeilen des* Ganzen. Dort liest sie Jeder, dort machen sie den stärksten Eindruck, und jeder beginnt die Lektüre des Buches mit dem Gefühl: wir sind kaputt. Damit noch nicht genug, sagt er an einer anderen Stelle (S. 27): „Zwar kann selbstverständlich nicht davon die Rede sein, daß die Juden in einigen Jahrzehnten aus der Welt verschwunden sfein werden. So schnell verschwindet ein Volk von 12 Millionen Menschen nicht. Esi mag ein Jahrhundert und noch mehr währen, bis ‘der Aüfsaugungsprozesse die letzten Juden ergriffen hat . . . Während also die Ziffernentwicklung des letzten Jahrhunderts eine Zunahme erwarten läßt, die ich (nach Ruppins Ziffern und Materialien) auf mindestens 100 Millionen schätze, kommt er sozusagen auf Null! Dieser Beleg für Ruppins Mentalität kann sicher tjicht mehr überboten werden. * * * Es hat sicher sein Mißliches, mit einem Manne von den Verdiensten und der Erfahrung Dr. Ruppins zu polemisieren, aber der Hauptuntersohied zwischen uns beiden ist der, daiß ich mich seit meiner ersten Beschäftigung mit diesen Fragen — und das ist nun über 20 Jahre her — um das Kolonisatorische gekümmert habe, wäfrrend Dr. Ruppin vor etwas über 10 Jahren auf dem Wege über Verwaltungsdinge allmählich und nebenbei sich in die Kolonisation hineingefumden hat, und zwar in die doch keineswegs! vorbildlichen Verhältnisse unserer bisherigen jüdischen Kolonisation in Palästina. Dazu kommt, daß mir wahrscheinlich mehr das Kolonisatorische „liegt“, während er mit seinem ganzen Entwicklungsgänge offenbar mehr im Verwaltungsmäßigen zuhause ist. Es ist — wie Ruppin selbst ziigibt — im wesentlichen ein Unterschied der Temperamente. Mit Pessimismus aber lassen sich keine Bestrebungen machen, auch nicht die Zionistischen. Es gehört ein wagmutiges Temperament dazu. Schon zu jeder Kolonisation, um wieviel mehr zur kolonisatorislchen Bewältigung der ins Riesenhafte gestiegenen Anforderungen unserer neuen Lage.