Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 923-924 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 924 923 mit vorgelegt wird. Für diesen Standpunkt ist besonders L i c h t h e i m eingetreten, von dem man ziemlich weitgehend ähnliches sagen kann wie von Ruppin. Auch er hat stellenweise h e r r I i c h e Worte für das gefunden, was uns jetzt Not tut. In seinem „Aufbau des jüdischen Palästina“ sagt er z. B. gleich in der Einleitung: „Wir haben uns in unserem Programm, in unserer politischen propagandistischen Werbearbeit anheischig gemacht, das' Dasein unseres Volkes neu zu formen. Nun ist die Zeit gekommen, wo wir auf dieser Erde in der harten Welt der Wirklichkeit dieses Versprechen einlösen müssen.“ Aber weiter sagt er — um die obigen Sätze herum: „Niemals zuvor lastet^ auf uns so stark der Druck der Verantwortung für das, was wir jetzt zu sagen und zu tun haben.“ „Mit furchtbarem Ernst steigt diese Forderung vor uns auf. Ihrer Erfüllung muß jetzt die ganze Kraft unseres Denkens und Willens; gewidmet sein.“ Aber was nun weiter folgt, läuft schließlich auf blanke Drückebergerei heraus. „Die Aufnahmefähigkeit Palästinas ist gegenwärtig sehr eng begrenzt. Wir müssen .... eine Auslese treffen.Nur durch eine strenge Auslese wird der Aufbau des jüdischen Palästina ermöglicht. . . Ruppin empfiehlt gewisse Vergünstigungen, die die Ein- und Auswanderungsämter.verschaffen sollen, auf solche Auswanderer zu beschränken, die durch die Auswanderungsämter und mit deren Zustimmung nach Palästina einwandern. Das klingt hart, ist aber notwendig. . . . Weiter sagt Lichtheim: „Ruppin hat eine Berechnung äufgestellt, die er selbst als ein Maximalprogramm bezeichnet. Danach könnten in den ersten zehn Jahren jährlich 1400 Familien in der Landwirtschaft neu angesiedelt werden. . . . Zum mindesten muß erst abgewartet werden, ob Palästina unter englischer Oberhoheit und bei starker Anspannung unserer Mittel und Kräfte mehr als die zehnfache Einwandererzahl aufnehmen kann als unter den früheren Verhältnissen.“ Und dann zeigt Lichtheim, wieviei Zeit er sich dazu nehmen will, das! zionistische Versprechen einzulösen „das Dasein unseres Volkes neu Zu formen.“ Hierbei heißt es: Einer besonderenFörderung bedarf die industrielle Entwicklung Palästinas daher nicht.“ (Es ist eben bei Allen dasselbe. Obwohl man sich mit der Zeit daran gewöhnt hat, auch der Industrie eine Existenzberechtigung innerhalb unserer Kolonisationsbestrebung einzuräumen, überwuchern die „Wenn und Aber“ sehr erheblich. — Ich erinnere auch daran, was ich in der Antwort aut Auerbachs „Tempo der Einwanderung“ in dieser Zeitschrift auf S. 653 gesagt habe: „Bezüglich der Industrie kann er sich darauf berufen, daß er sie mit in Betracht gezogen hat. Aber was er darüber schreibt, sieht einer verbissenen Gegnerschaft verteufelt ähnlich1.“) * * * Nicht uninteressant ist auch das besondere „Zeichen zum Aufbruch“, das unsere Sozialisten und sogar unsere volkssozialistischen Kreise geben. Von der falschen Grundauffassung ausgehend, daß Palästina zu klein sei, um große Massen von Einwanderern aufzunehmen, möchten diese, ebenso wie die sogenannten Intellektuellen und manche andere, eine Auslese befürworten, damit in der Q u a 1 i t ä t für das mangelnde Quantum ein Ausgleich bewirkt werde, J Das wäre nicht übel, wenn nicht eben j die Grundauffassung falsch wäre. Daß | wir nach 22 Jahren Zionismus noch nicht darüber klar sind, daß ein jüdisches Palästina ein Land intensivster Gartenkulturen und gleichzeitig ein Land starker industrieller Betätigung ist, daß hier aut engem Raum aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit mehr Menschen werden existieren können als in den meisten andern Ländern und Verhältnissen — alles das ist noch so wenig bekannt, und daneben ist die dem Zionismus zugrunde liegende Hauptidee einer Erlösungder Massen in der zwanzigjährigen Wanderung durch die Wüste der Politik, So weit verloren gegangen, daß erst eine neue Generation den wanren Grundlagen des Zionismus wieder zu ihren Rechten verhelfen muß. Ziehen wir nur die interessanten Ruppin sehen Feststellungen für die Bevölkerungsdichte des uns nördlich benachbarten Libanon zum Vergleich heran, so hätte nach dieser Analogie Palästina für reichlich über 20 Millionen Einwohner Platz. Zu ähnlichen Bevölkerungsziffern führt ein Vergleich mit der ägyptischen (auf die Kultur fläche bezogenen) Bevölkerungszaihl. Dabei ist welder im Falle des Libanon noch Aegyptens mit einer nennenswerten Industrie und auch nicht mit den unermeßlichen technischen Intensivierungsmöglidhkeiten der Landwirtschaft gerechnet, die uns wohl noch eine weitere Verdoppelung der Bevölkerungsdichte in absehbarer Zeit gestatten wird. Sieht es so mit den „Grundlagen“ aus, auf denen die wahrhaft unzionistische und voJksfeindliche Idee der Auslese entstehen konnte, so kann uns auch die Art der Handhabung einer solchen Siebung mit Sorge erfüllen. Ich habe schon auf der Palästina-Tagung meine Bedenken dagegen geltend gemacht, nach was für Prinzipien die angedrohte Auslese erfolgen würde, und ob die verschiedenen Auslese-Apostel nicht ganz verschiedene Gesichtspunkte geltend machen würden. Auf alle Fälle könnten wir uns statt aut Palästina als neue Volksheimat aut etwas ganz anderes gefaßt machen, nämlich auf einen kleinen Zirkel von Literaten, Aestheten, Sozialtheoretike m. Titularproletariern und dergleichen mehr. Von allem aber, was wirklich Aufbau genannt zu werden; verdient, wäre eine solche Einwanderungsauslese jedenfalls so weit als möglich entfernt. Auf der anderen Seite zerbrechen sich unsere Sozialisten den Kopf über das Verhältnis von Kapital und Arbeit, über Arbeiterrecht und Arbeitsbedingungen und dergleichen mehr, wobei sie, wie mir scheint, mit ihren Gedanken noch viel zu sehr und unnötigerweise innerhalb der bisherigen Wirtschaftsordnung bleiben. Es ist wunderlich genug, daß sie auch bei ihrem Bestreben, die neue Einwanderung und die neue Arbeit aut neue Grundlagen zu stellen, sich so wenig von den bisherigen Voraussetzungen freimachen können, die wir doch wahrlich nicht nach Palästina zu übertragen brauchen. Wenn Ruppin einem Teil der Einwanderer zumutet, dauernd die Arbeiterschaft für einen andern Teil der Einwanderer zu bilden, so ist es schon schlimm genug. Aber daß auch die Sozialisten weder bessere eigne Wege finden, noch zu denen anderer Stellung nehmen, ist höchst sonderbar! Nach allerlei Vorbildern hat für unsern Fall bereits He rzl von einer allgemeinen Arbeitsdienstpflicht gesprochen. Neuerdings hat B a 11 od die Anwendung dieses1 Prinzips für unsern Fall vorgeschlagen. Ihm folgend glaube ich die