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Volk und Land · 1919-07-17 · Heft 29-30 (17.7.1919) · p. Seite 921-922

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 29-30 (17.7.1919)
Date
1919-07-17
Page
Seite 921-922 (sequence 17)
Language
German
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921 VOLK UND LAND 922 speziellen j ü d i s c h e n Berufsschichtung-, die in starker Weise zwingend auf die Industrie hinweist und ebenso zwingend vor einer Verbauerung warnt! Die Juden sind doch nun einmal bereits industrialisiert. Zudem hat Palästina bereits erhebliche landwirtschaftliche UebersChüsse. Schließlich warnt ja Ruppiin selbst vor der Auffassung, die Palästina eine Autarkie geben möchte. Und endlich ist die Forderung der Autarkie für den jüdischen Ausschnitt aus der palästinensischen Landes- Wirtschaft doch rvodh viel un s i nniger als die von Ruppin selbst bereits mit Recht abgelehnte Autarkie der palästinensischen Gesamtwirtschaft. Hat man sich aber einmal — und einmal hat es Ruppin doch nun bereits getan — von der Idee der Autarkie freigemacht, so liegt doch, glaube ich, nichts näher, als einer jüdischen Einwanderung nach Palästina diejenigen Berufe zuzuweisen, die sich für dieses Volkselement — und in zweiter Linie für dieses Land — am besten eignen. Hier deutet nun in Wirklichkeit soviel in der Richtung der I n d u s t r i e, daß e$ wirklich angebracht sein sollte, der „bedrohten Landwirtschaft“ zu Hilfe zu kommen. Aut dem Wege der reinwirtschaftlichen und praktischen Ueberlegung würden wir nämlich nach obigem zunächst beinahe auf eine r e i n i n <hi s t r i e 11 e Grundlage der neuen Einwanderung kommen. Nun habe ich von jeher all den Ueberlegungen, die für eine Wiedervereinigung der Juden mit der Bodenkultur sprechen, soweit Raum gegeben, daß man meinem Aufbauplan wahrlich keine Vernachlässigung der Landwirtschaft nachsagen kann (ich fordere Landw i r t s c h a f t für Alle, und zwar in den beiden Formen der Arbeitsdienstzeit und des Gartenbaus usw., der mit jeder Heimstätte verbunden sein soll). Sieht man aber, wie verständnislos die andere Seite den industriellen Erfordernissen und Möglichkeiten der jüdischen Einwanderung gegenübersteht, so möchte man sich einen Fanatiker der Industrie wünschen, der Zug um Zug tüchtig zuhaut, so oft unsere Offiziellen sich für die Landwirtschaft als die mehr oder weniger ausschließliche Grundlage dnseres Ansiedliungswerkes in Palästina begeistern. Gelegenheit böte sich genug, z. B. bei der zugegebenerweise geringfügigen oder fraglichen Rentabilität des Getreidebaus, bei den Minimalerträgen, die Ruppin und seine Nachbeter unseren Pflanzungsikulturen zubilligen, bei den Gemüseerträgen, die nach Auerbach sich1 nicht früher einstellen als die Erträge der Baumpflanzungen, bei der Milchlosigfkeit unserer Kühe und bei der Honigarmut unserer Bienen — und das in dem Lande, von dem es bis' zum Aüftauchen des zionistischen Offizialismus hieß, daß es von Milch und Honig fließt. Ich halte jedenfalls meine Forderung der „Landwirtschaft für Ahe“ und meine Kombination von Landwirtschaft und Industrie zu einem harmonischen Beieinander in gartenstädtischen und industriedörflichen Siedlungen gleichzeitig für ein Maximum und Optimum dessen, was wir auch landwirtschaftlich fordern müssen. Dagegen halte ich die Industriebegeisterung“, die schließlich darin gipfelt „die Heimindustrie doch nicht von vornherein gänzlich aus unserem Ansiedlungswerke aus merzen zu wol- I e n“, für verständnislos und geradezu für ansiedlungsfeindlich! Dies ist ja der Weg, auf dem Ruppin dahin gelaugt, den Zionismus so zu verstehen, daß wir auf eine Rettung der großen Mehrzahl der Ostjuden in Rußland zu hoffen haben, und nicht in Palästina. Wörtlich sagte er auf der Palästinatagung (nach Jüdische Rundschau S. 306, Spalte 2 oben): „Nun sagt man, daß in Osteuropa so kolossale Massen zur Auswanderung bereitstehen, daß wir den Ansturm auf Palästina nicht werden hemmen können. Wir dürfen nicht vergessen, daß Rußland ein großes Einwanderungsgebiet für die Juden geworden ist. Ich glaube daher, daß, wenn man sich vorstellt, daß die Verhältnisse in Rußland in ein bis zwei Jahren ruhiger sein werden, die Zahl der Ausvvandernden doch geringer sein wird, als man heute glaubt, und daß wir die Auswanderung nach Palästina werden regulieren können.“ Auch ein Zeichen zum Aufbruch! Welches Glück für den Zionismus, daß im Augenblick seiner Erfüllung.... die Oeffnung Rußlands ihn so gut »wie überflüssig macht! Dabei scheint Ruppin hier plötzlich — nämlich gegenüber Rußland — die Zukunft zu diskontieren! In allem, was Palästina betrifft so vorsichtig, wertet er die Möglichkeit einer künftigen jüdischen Betätigung in Rußland bereits als eine Tatsache und als sicheren Besitz der Gegenwart. Und empfiehlt sozusagen den Juden, die darauf brennen, den unsagbaren Zuständen zu entfliehen, in denen sie festgehalten sind, noch ein bis zwei Jährchen zu warten, bis vielleicht die Verhältnisse in Rußland ruhiger geworden sein werden. Welches Verständnis für die Lage im Osten! Freilich sagen unsere Offiziellen, daß die kolonisatorischen Möglichkeiten nicht vom Volke, sondern vom Lande aus zu beurteilen wären. In der Aufnahmefähigkeit des Landes und in den verfügbaren Bodienflächen sehen sie enge Grenzen der Einwanderung. Gleichzeitig verschwenden sie aber, den nach ihrer eigenen Meinung zu knappen verfügbaren Boden, und die verfügbaren Mittel, indem sie den Boden zu 100 bis' 200 Dunam an Leute vergeben, die sie dann durch unnötigerweise bewilligte Kredite und sonstige Zuwendungen auch in den Stand setzen, zehn- bis zwanfzigmal so viel Boden zu bearbeiten, als den besten wirtschaftlichen und sozialen Erkenntnissen entsprechen würde. Es gehört ziwar mit Izu den Zwecken solcher Ausführungen, außer dem Publikum auch die maßgebenden Stellen zu einer besseren Einsicht und zu besserem Verständnis der Grundlagen unserer kommenden Arbeit m bringen. Aber je deutlicher wir uns diesem Ozean von Irrtümem gegenübersehen, in dem unsere Offiziellen plätschern, um so mehr müssen wir fast Angst davor bekommen, daß diese Art von Beurteilem unserer Aufgaben im letzten Augenblick Einkehr halten und sich damit auch dann den Einfluß auf die Entwicklung sichern könnten, wenn unsere Anschauung von den Dingen sich Bahn bricht. Hier ist eine Gefahr! — Wir können keine unzuverlässig funktionierenden Gehirne in der entscheidenden Beeinflussung unserer kommenden Arbeit brauchen. — Nachgeben und die Leitung behalten, geht nicht an. —Wirklich Schöpferisches leisten kann man nur im Zuge eigener Gedanken! Andere verfügen bekanntlich über die Vereinigten Staaten. Dorthin soll die große jüdische 'Auswanderung weitergehen. Wobei dann freilich das Einverständnis der Vereinigten Staaten nicht

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