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Volk und Land · 1919-07-17 · Heft 29-30 (17.7.1919) · p. Seite 919-920

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 29-30 (17.7.1919)
Date
1919-07-17
Page
Seite 919-920 (sequence 16)
Language
German
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919 VOLK UND LAND 920 Was die „Bienenizucht für alle"' betrifft, so haben wir auch hier wieder ein drolliges Extrem. Bis vor kurzem hatte „niemand“ bei uns Bienenzucht. Die eine Ausnahme des Lehrers Rüben in Wadi Chanin bestätigte die Regel. Jetzt sollen aut einmal Alle Bienenzucht treiben. Aber nicht so, daß jeder wirklich etwas davon hat (soweit reichen offenbar die Möglichkeiten bzvv. die Bienenweide nicht aus), sondern es kriegt jeder für 100 Francs Stöcke und hat nun einen Reinertrag von 20 Francs zu erwarten. Kann irgendwer, dem die Psyche desr Juden und besonders des jüdischen Kolonisten auch nur einigermaßen bekannt ist, glauben, daß auch nur eine nennenswerte Zahl sich darauf emlassen wird, für einen winkenden Reingewinn in Höhe von 20 Francs per Jahr die Vielseitigkeit der neuen Existenz noch um die Bienenzucht zu vermehren? Bisher haben sich die jüdischen Kolonisten in ihrer überwältigenden Mehrzahl ja soar vom eigenen Betrieb des Gemüsebaus abalten lassen, weil ihnen die Sache im allgemeinen zu vielseitig und im einzelnen zu wenig einträglich war! Unendlich viel plausibler wäre esi, etwa für jeden zehnten Kolonisten — und besonders für die mit der billigsten Installation — eine Bienenzucht im etwa zehnfachen Ausmaß vorzusehen. Dann brauchten weniger Leute sich darauf zu spezialisieren, diese aber hätten auch was davon. Allerdings auch dann noch kaum Ruppins Rentabilität von 20 o/o, wohl aber wenn wir statt dieser die 100—300>>/o setzen, die der Fachmann für die plausiblere Ziffer hält, und die auch zu erreichen ist, wenn —r wie es sich gehört — wirklich tüchtige Bienenzüchter zur Anleitung und Unterstützung der Neulinge und zur Kontrolle ihrer Ergebnisse herangezogen werden. Allenfalls wäre die Erklärung denkbar, daß Ruppin den Raubflug von Bienen in fremde Obstgärten vermeiden wollte. Mag sein, daß ihm ein Reglement vorgeschwebt hat, auf Grund dessen jede Pflanzung nur den zu ihr gehörenden Bienen zugänglich sein sollte. In diesem Falle müßte sie freilich nach allen Seiten (audh nach oben) mit einem engmaschigen Drahtgewebe eingefaßt sein. Alut diese Weise kommt vielleicht auch das Ruppinsche Gelderfordemis heraus. Wie es nicht anders zu erwarten ist, bezieht sich der Ruppinsche Aufbau fast ausschließlich aut die landwirtschaftlichen Möglichkeiten. Der großen Bedeutung der Industrie für Juden, für eine jüdische Volkswirtschaft und ganz besonders! als Existenzmöglichkeit für eine jüdische Einwanderung in Palästina wird er in keiner Weise gerecht. Gewiß, es gibt bei ihm auch ein ‘Kapitel über „Handel, Handwerk Und Industrie für Inlandsbedarf“ — ein Kapitel von im ganzen etwa zwei Drittel Seiten, wovon etwa 10 Zeilen auf die Industrie entfallen. Es1 heißt dort: „Was die Industrie für Inlandsbedarf (nicht die Exportindustrie, über welche wir weiter unten sprechen) anbetrifft, sO eröffnen sich die meisten Aussichten in denjenigen Industrien, welche sich mit der Herstellung von Nahrungsmitteln aus den Rohprodukten des Landes befassen (Mühlen, Oelfabriken, Konservenfabriken, Weinfabrikation) oder welche sonstige Gegenstände des inländischen Bedarfs produzieren, für welche daS Ausgangsmaterial in Palästina vorhanden oder leicht beschaffbar ist (Ziegelfabrikation, Gerbereien, Wollspinnerei und Weberei, Möbeltischlerei).“ Ferner gibt es in dem Ruppinschen Buche ein Kapitel „E x po r t i ndu st r i e“, das immerhin schon 21,2 Seiten füllt. Dort wird gesagt: „Die Einführung solcher Exportindustrien, welche jüdische Arbeiter beschäftigen und Massenartikel produzieren, würde für Palästina von der größten Wichtigkeit sein.“ Hierauf folgt eine Aufzählung von Industrien und Bedenken, besonders auf dem Gebiet der Heimindustrien. Ruppin sägt hierzu: „Es ist aber denkbar, diese schädlichen Nebenwirkungen dadurch auszuschalten, daß an die Stelle der Zwischenmeisterorganisationen die Arbeiterproduktivgenossenschaft und anstelle der engen Schwitzwerkstatt die von Licht und Luft erfüllte Arbeitsstätte in einer Gartenstadt oder einer Kolonie tritt. Auch eine Verbindung zwischen landwirtschaftlicher und industrieller Arbeit, in der Form, daß der landwirtschaftliche Kleinsiedler oder Häusler in seiner freien Zeit sich als industrieller Heimarbeiter beschäftigt, wäre möglich. 'Deshalb braucht, obwohl die Konkurrenzfähigkeit der Heimindustrie in Palästina gegenüber anderen Ländern mit ganz niedrigen Arbeitslöhnen und mit Ausbeutung der Frauen- und Kinderarbeit fraglich bleibt, die Heimindustrie aus1 unserem Ahsiedlungswerke doch nicht von vornherein gänzlich ausgemerzt zu werden.“ Die stufenweise Anordnung dieser Verklausulierungen habe ich zur stärkeren Verdeutlichung der besonderen Denkweise angebracht, die Ruppins Verständnis für unsere industriellen Möglichkeiten zugrunde liegt. . . Lesen wir noch im direkten Anschluß an obiges den Satz: „*Einer großen Entwicklung ist unseres Erachtens die Herstellung jüdischer Ritualien (Tallethim, MesUsoth, Gebetbücher, Kalender usw.) fähig“, so haben wir ein Bild von „groß“ und „klein“, wie es Ruppin für den wichtigsten Erwerbszweig der Juden — nämlich die Industrie — vorschwebt. Allenfalls gibt Ruppin auch in dem Kapitel Landwirtschaft einiges von seinen Auffassungen über jüdische Industrie in Palästina zum besten. Er sagt dort, daß 80 °/o der Erwerbstätigen in den beiden Berufskategorien der Landwirtschaft und der Industrie (Großindustrie und Handwerk) zu beschäftigen wären. „Hiervon muß der größere Teil auf die Landwirtschaft entfallen“ (das sagt Ruppin von einem hervorragend industrieilen Element, das im höchsten Maße landwirtschaftsfremd in ein Gebiet landwirtschaftlicher Ueberschüsse einwandert). „Denn wenn auch bei der Besiedlung Palästinas von vornherein aut die Einführung von Industrie mit allem Nachdruck hingewiesen werden muß, so lehrt doch> die Erfahrung aller Länder, die im 19. Jahrhundert den Prozeß der Industriealisierung durchgemacht haben, daß die Einbürgerung von Industrien in einem rein agrikolen Lande, wie es Palästina ist, nur schrittweise vor sich gehen kann, und von Fehlschlägen und Rückschlägen nicht verschont wird.“ Ruppin macht hier wieder den Fehler, vom Lande auszugehen, anstatt das Volk zum Ausgangspunkte zu nehmen. Es handelt sich doch nicht um eine „Industrialisierung Palästinas“, sondern um die zweckmäßigste Unterbringung eines zum großen Teil bereits industrialisierten, zum anderen Teil leichter in der Industrie als in der Landwirtschaft (besonders der extensiven) verwertbaren Elementes, esi handelt sich lim die zweckdienlichste Verwendung der bereits vorhandenen

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