Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 917-918 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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917 VOLK UND LAND 918 Wie verhält sieh demgegenüber der Nationalfonds, der doch Oettingers „Werk“ (Methoden und Kapitalbedarf der jüdischen Kolonisation in Palästina) veranlaßt und herausgegeben hat? Auch an i h m sind die Feststellungen bezüglich der Oettingerschen Rechnungen spurlos vorübergegangen. Er hält an den 20 000 M. durchschnittlichen Geldbedarfs auch für unterstützte Kolonisation weiter fest wie an einem Dogma. Soeben kommt mir seine letzte Veröffentlichung in die Hände, nämlich das erste Heft seiner neuen Broschiiren-Bibliothek: „Die nächsten Aufgaben des Jüdischen Nationalfonds“. Dort wird — als wenn nichts passiert wäre — mit der alten Ziffer von 25 000 Frcs. per angesiedelte Familie (und zwar schon als Durchschnitt zwischen Kolonisten- und Arbeiterfamilie) gerechnet. Davon soll je ein Drittel vom Ansiedler selbst, vom Nationalfonds und von den kreditgebenden Institutionen aufgebracht werden. Wenn aber hiernach die Ansiedler selbst im Durchschnitt je 8(3 Tausend Francs aufzubringen haben, so reicht das weitaus für selbständige Niederlassung ohne den Nationalfonds. Von den 8(3 Tausend Francs, die der Nationalfonds jedem einzelnen dieser Ansiedler geben will, könnte er außerdem unter Zugrundelegung der obigen „gereinigten“ und sogar ervveiterten Oettingerschen Ziffern v i e r Ansiedlerfamilien (durch Beistellung des ameliorierten Bodens und der Wasserversorgung im Werte eines Drittels der Gesamtansiedlungskosten) die Niederlassung ermöglichen. In Wirklichkeit und bei wahrhaft ökonomischer Wirtschaft wäre diese Wirkung des Nationalfonds sogar bequem noch zu verdoppeln. Aber unser Nationalfonds scheint weniger für Wirtschaft als für Verwirtschaftung zu sein. Wir haben es hier nicht mit einer National- Oekonomie zu tun, sondern mit einer nationalen Verschwendung, die ein nationales Kuratell herausfordert. Der Mann mit mehr als 8000 Frcs. Eigenvermögen braucht gar nicht die Hilfe des Nationalfonds und auch nicht die der „kreditgebenden Institutionen“. Und wenn der Nationalfonds als seine nächste Aufgabe die Bereitstellung von 25 Millionen Francs (neben einer ebenso großen Summe seitens der kreditgebenden Institutionen) Vorsicht, so wird hoffentlich, bevor er das Geld verwendet — daß er es kriegen wird, scheint mir trotz der unglaublichen Mangelhaftigkeit seiner „Projekte“ außer Zweifel — eine intelligentere A'u f f a s S u n g von den kolonisatorischen Wirkungsmöglichkeiten solcher Summen sich geltend machen. Was die kreditgebenden Institutionen betrifft, so möchte ich hier darauf aufmerksam machen, daß mit weniger als einem Tausendstel (!) der projektierten Summe beispielsweise die Spitzenindustrie ins Leben gerufen werden konnte, die vor dem Kriege bis zu 400 Mädchen und Frauen Beschäftigung gegeben hat. Hier haben wir jedenfalls eine verhältnismäßig viel größere „kolonisatorische“ Wirkung, als wenn mit demselben Tausendstel des obigen Betrages drei jüdischen Ansiedlerfamilien (zu ihrem schon an sich ausreichenden Eigenvermögen und zu der in solchem Falle überflüssigen Subvention des Nationalfonds) in gleicher Höhe noch ein dritter ebenso hoher Betrag an den Kopf geworfen wird. Uebrigens würde auch der von Ruppin so warm befürwortete neue Zweig unserer Kolonisatiionstätigkeit — nämlich die Bienenzucht — solche verfügbare Kapitalien zu unendlich viel höherer kolonisatorischer Wirksamkeit bringen können. Pro 1000 Frcs. lassen sich 50 Bienenstöcke stellen, von denen im Durchschnitt 2000 Frcs. Jahreserträge, sogar mit verhältnismäßig wenig Arbeit, zu erzielen sind. Wer dieses Einkommen erreicht, kann sicherlich für Land und Haus die 30 Frcs. per Monat zahlen, mit denen schon eine 6 "oige Verzinsung einer Installation von 6000 Frcs. (wie oben) bewirkt wäre. Daß wir hier nicht einmal sö stark amelioriertes Land zu rechnen brauchen, wie es oben geschah, daß wir ferner dem Bienenzüchter für seine 50 Stöcke überhaupt kein Land zuteilen müßten, daß die Pflege eines solchen Bestandes beispielsweise neben industrieller Tätigkeit hergehen kann usw., all das brauchen wir hier nicht einmal in Betracht zu ziehen, obwohl auf solchem Wege die kolonisatorische Wirkung jener 1000 Francs pro Bienenzüchter noch ungleich größer wäre. Allenfalls sei noch erwähnt, daß eine solche Bienenzuchtbasis weitere Aufwendungen des Nationalfonds oder kreditgebender Institutionen auch dadurch überflüssig machen kann, daß besondere Baugesellschaften die Stellung von Haus und Gartenfläche auf rein geschäftsmäßiger Basis aut sich nehmen können. Wenn man Ruppins minimalistischem Ideengange folgt, so steht einer größeren Kolonisation schon der Mangel an Bodenfläche und an Mitteln entgegen. Wenn wir aber, wie oben gezeigt, mit 1 ha per Familie auskommen (Ruppin selbst rechnet schließlich für seinen kleinsten auskömmlichen Typus — nämlich den des Kleinsiedlers — auch nur 15 Dunam 1,38 ha), so können wir eben bei sparsamer Vergebung des auch nach Ruppin verfügbaren Bodens eine vielfache Anzahl von Ansiedlern gegenüber Ruppins eigenen Voranschlägen ansetzen. Z. B. an Stelle seines Großpflanzers mit 200 bzw. 70 Dunam etwa das sechs- bis achtzehnfache, an Stelle seines Pflanzers mit 50 bis 100 Dunam das vier- bis achtfache und an Stelle seiner Getreidebauern mit 100 Dunam das siebenfache! Wo die nach Ruppin für eine große Kolonisation zu knappe Landfläche so verschwendet wird, können wir uns freilich über das minimalistische Resultat nicht wundern. Aehnlich ist es mit den Geldbeträgen. Wenn wir bedenken, daß sehr viel mehr Juden sich in Palästina ansiedeln möchten, als Ruppin zulassen will und daß unser Problem keineswegs darin besteht, wie wir allzu reiche Geldmittel verwenden können, so ist es doch geradezu grotesk, wenn Ruppin aus öffentlichen Mitteln, nämlich denen des Nationalfonds, und aus den Mitteln einer Hypothekenbank, die wir doch gleichfalls erst bekommen müssen — von dem famosen Kolonisationsfonds ganz zu schweigen — Leuten mit an sich bereits ganz auskömmlichen Mitteln Kredite aufzwingen 'will, (um sie instand zu setzen, mehr Land in Anspruch zu nehmen, als im Interesse eines möglichst großen Ansiedlungswerkes und ebenfalls im Interesse sozialer Gerechtigkeit dem Einzelnen überlassen werden sollte! Sehr drollig ist es, wenn Ruppin (aut S. 59) die Forderung aiüfstellt: „Es ist falsch, bei der ersten Einrichtung der Landwirte hauptsächlich auf B i 11 i g k e i t zu sehen; es ist vielmehr für das Gelingen der Kolonisation besser, wenn die erste Einrichtung teuer und gut, als wenn sie billig und schlecht ist.“ — Wie wäre es, wenn man es einmal mit gut und billig versuchen wollte? Das wäre ein vernünftiger Mittelweg und man brauchte sich nicht bis zu dem Extrem der Hühnerställe für 500 Frcs. zu versteigern