Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 915-916 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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915 VOLK UND LAND 915 stadt und des Industriedorfs für die Gesamtheit und daneben die jetzt vielleicht schon stcllen- \v eise und später in umfassendem Maße wünschenswerte eigene Produktion an Produkten des Ackerbaus und der Viehzucht aut dem Wege der allgemeinen kurzen Arbeitsdienstpflicht (also auch hier: Landwirtschaft durch und für Alle!). Dabei denke ich an eine Teilung der Landwirtschaft in die gröberen und vergleichsweise extensiveren Formen von Ackerbau und Großviehzucht mittelst der Arbeitsdienstzeit, und 'die gartenbaulichen Zweige (Gemüsebau, Kleintierzucht, Obst- und „PIantagen“-Bau) im Wege der Gartenstadt usw. Je mehr wir uns dieser sicherlich für unseren Fall am besten angepaßten Form nähern, um so mehr kommen wir auch auf die kleinen Einzelparzellen. Wenn Ruppin Landausmaße von bis zu 200 Dunam vorsieht, so möchte ich gern wissen, wie er eine jüdische Volks- Siedlung großen Maßstabes in dem kleinen Palästina bei der ihm vorschwebenden beruflichen Gliederung für möglich hält. Der Gartenbaucharakter Palästinas, den Ruppin selbst in anerkennenswerter Weise betont, zwingt zu unvergleichlich intensiverer Wirtschaft. Ein Hektar Land dürfte ein besseres Mittelmaß darstellen, das vielleicht sogar durch verschiedenartige Vorbereitung und auf sonstige Weise zu einem einheitlichen, möglichst gleichwertigen Landausmab gestaltet werden kann. Interessant ist schließlich auch, daß Ruppin bei der Bewertung von Mandeln und Oliven vor einer weiteren Ausdehnung der Mandelpflanzungen warnt, weil er bereits Ueberproduktion fürchtet, während er die Oelkultur bei dem gegenwärtigen „Fetthunger“ als für absehbare Zeit gesichert hält. Der Verfasser kann sich darauf verlassen,, daß der Fetthunger überall in der Welt zu Maßnahmen führen wird, die ihn innerhalb kürzerer Zeit verschwinden lassen, als etwa neue Oelbaumpflanzungen brauchen, um Ertrag zu bringen! Trotzdem bleibt selbstverständlich die Olivenkultur weiter in hohem Maße empfehlenswert. Aber durchaus unberechtigt ist daneben die Warnung vor Fortsetzung des Mandelanbaues. Die geringe Ausdehnung unseres Kolonisationswerkes, innerhalb dessen (aus Gründen, die offenbar mit Ruppins Rentabilitätsberechnungen nicht recht übereinstimmen) die Mandelkultur so vorangekomtnen ist, daß sie bereits die größere Hälfte unseres Pflanzungsareals einnimmt, kann auch bei einer weitgehenden Vervielfachung noch lange nicht den Weltmarktpreis tangieren. Im übrigen ist schließlich die Mandel auch eine „ölige Nuß“. ♦ # Ich habe bereits erwähnt, wie komisch es ist, daß Ruppin dem unfolgsamen Getreidebauer die allerweitestgehende Förderung angedeihen läßt. Eine solche „Prämie“ sollte aber vorzugsweise doch d e n en zukommen, die durch intensive, der Besonderheit des Landes angepaßte Arbeit auf kleinsten Flächen mit geringsten Mitteln größte Erträge heraus w i r t s c h a fte n. Diesen Siedlertypus könnte ich — wenn ich von meinen eigenen viel weitergehendien Materialien und Vorschlägen aibsehe — am ehesten noch in O e 11 i n g e r s Schema VI (Arbeiterheimstätte) erblicken. Rechnet man diesen Typus durch, so wird man beispielsweise unter Berichtigung der Rechenfehler, unter Vergrößerung des Bodenmaßes aut mehr als das Doppelte und unter Erhöhung der Verzinsung von der unmöglichen Basis von 2 Gi auf etwa 6 °o zu folgendem wunderschönen Ergebnis kommen (Werte in Francs): nach Oettinger verbessert 5 Dunam 11 Dunam Bodenfläche (bewässerbar) . . 750 1650 Gebäude . 2000 2000 Baumpflanzung und Umzäunung 300 450 Einrichtung von Gemüsegarten und Geflügelhof. 250 850 Wasserversorgung. 500 500 2 Milchkühe. 800 800 Verschiedenes. 150 250 Summa 4750 6000 Bruttoertrag vom bewässerten Boden . 1000 2000 Bruttoertrag von der Viehwirtschaft . 1300 1300 Summa 2 300 3300 Wirtschaftsausgaben Unterhalt des Viehs. 300 300 Saatgut und Dünger. 150 300 Reparaturen und Bewässerung 100 200 Steuern . 50 100 Summa 600 900 Reinertrag. 1700 2400 zu 2—6% ZU 6% Ab an Verzinsung. 182 360 Nettoergebnis 1518 2040 Auf diese Weise erhalten wir statt des unfreien, auf Lohnarbeit angewiesenen „Ar bei t e rheims t ä 11 n ers“ den selbständigen K1 e i n s ied- 1 e r, dessen obige Einnahmen (die mit dem1 Heranwachsen der Baumpflanzungen noch s teigen) zum Unterhalt von zwei Familien ausreichen. Jedenfalls ermöglichen sie einer Familie nicht nur eine sehr gute Existenz, sondern den Aufstieg zum Wohlstand! Wird freilich Ruppin diese „gereinigte“ Oettingersche Auffassung gelten lassen wollen? Oettingers, den er trotz allem so sehr schätzt? — Nach seinen eigenen Aufstellungen scheint es fast, als ob er sich nur Oettingers Denk- und Rechenfehler zu eigen machen will, nicht aber die tatsächlich r i c h t i g e Grundauffassung, die jenem Typus VI zur Basis dient. Ich stelle mich Oettinger, wie auch jedem andern, gegenüber auf den Standpunkt: wo er recht hat, hat er recht Das ist klar und sachlich. Ruppin aber scheint Oettinger (und seinem eigenen Minimalismus) zu Liebe zu argumentieren, daß er recht behalten muß, auch' wo er unrecht hat. Ich habe hier, wie gesagt, Oettingers Schema VI unter Beseitigung seiner Rechenfehler mir zur Grundlage genommen, obgleich das Kapitalerfbrdernis hiernach wesentlich größer ist als das von mir für erforderlich gehaltene Minimum. Ich' habe sogar Oettingers Basis noch wesentlich verbreitert, um auch denjenigen entgegenzukommen, denen das knappste Maß vielleicht doch zu knapp Vorkommen möchte. Hierdurch habe ich auch das Bodenausmaß auf mehr als das Doppelte, nämlich aUt 1 ha, gebracht, das ich für das einheitlich (und sicherlich durchschnittlich) Auskömmliche halte. Die Verdoppelung des Landmaßes von Oettingers „Arbeiterheimstätte“ empfiehlt sich auch deshalb, weil es sich wegen der Differenz zwischen 5 und 11 Dunam (1 ha 11 Dunam) nicht lohnt, Ungleichheit des Landmaßes einreißen zu lassen.