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Volk und Land · 1919-07-17 · Heft 29-30 (17.7.1919) · p. Seite 913-914

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 29-30 (17.7.1919)
Date
1919-07-17
Page
Seite 913-914 (sequence 13)
Language
German
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913 VOLK UND LAND 914 leistungsfähig sein könnte. Denn wenn der Arbeiter in frühzeitig erlangter Selbständigkeit als sein eigener freier Herr sein gutes Auskommen findet, so ist es zunächst schwer einzusehen, gegen was für ein Aequivalent er seine Freiheit aufgeben wird, um in der Industrie zu arbeiten. Aber erstens steht dem Gemeinwesen nach meinem Plane die Verfügung über die Arbeitskraft Aller für eine dreijährige Dienstzeit zu — auch für industrielle Betätigung der „Abkommandierten“. Ferner wird es Löhne geben, die auch den reizen können, der auf seinem eigenen Landstück als sein eigener freier Herr schalten und walten kann. Nämlich z. B. amerikanische Arbeitslöhne. Solche aber bezahlen u. a. auch jüdische Arbeitgeber in Amerika an jüdische Arbeiter in Branchen, deren Erzeugnisse gleichwohl auch im Orient zu konkurrenzfähigen Preisen verkauft werden. Was aut solchen Umwegen möglich ist, wird sich in einer steigenden Anzahl vor* Industrien auch innerhalb eines jüdischen Palästina durchführen lassen. Schließlich kommt ja auch die „genossenschaftliche Fabrik“ in Betracht, für die der ostjüdisiche Arbeiter im „Artel“ bereits eine Vorstufe kennt. Zu allem Ueberfluß haben wir aber auch noch den jugendlichen Arbeiter (in der Zeit zwischen der Schulpflicht und der Arbeitsdienstzeit, also etwa vom 15. bis zum 18. Jahr, dessen Arbeitskraft in einer, den besten Arbeitsbedingungen und den Bedürfnissen des Gemeinwesens angepaßten Art (ebenfalls dienstbar gemacht werden kann. Ich habe Ruppins Buch als',,stellenweise herrlich“ bezeichnet. Daß es im größten Teile seines Inhalts gut unjd auch vorzüglich sein wird, ist ja bei diesem Autor von vornherein besonders klar. Aber um so schwerer wiegen die Fehlgriffe Jemandes, von dessen Urteil und Auffassungen soviel abhängen kann. Diese schweren Fehler beginnen bereits bei der Definition und der Abgrenzung Palästinas. Ich (verkenne nicht, daß angesichts der Lage des jüdischen Volkes jede Abgrenzung eines jüdischen Palästinas einen ungeheuren Gewinn darstellt. Aber ich kann nicht einsehen, weshalb wir von uns aus eine andere Nordgrenze formulieren sollen, als die in der Libanon-Grenze seit langem gegebene. Die Araber haben aut Palästina zugunsten der Juden verzichtet. Es ist nicht nötig, daß wir uns von vornherein damit einverstanden geben, daß ein Teil dieses zu unser n Gunsten erfolgten arabischen Verzichtes zu einem vergrößerten französischen Libanon geschlagen wird. Auch der Einwand, daß jenes Nordgebiet uns nie gehört hat, wäre nicht stichhaltig. Eine neue Grenze Palästinas wird nicht nur von der Historie und der Tradition bestimmt, sondern es müssen bei ihr auch technische sowie wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Gesichtspunkte der Gegenwart mitsprechen. Alle diese aber weisfen auf die Beibehaltung der bisherigen Grenzführung zwischen dem christlichen Libanon und Palästina. Von großem Interesse ist auch Ruppins „beispielsweise Annahme“ einer Einwanderung von ein bis zwei Millionen innerhalb zwanzig bis1 dreißig Jahren. Wenn es eine Million in dreißig Jahren ist, so wären das im Durchschnitt 33V3 Tausend im Jahr, also noch weniger, als wir Lichtheims den früheren Ruppinschen Ziffern entnommenen Alngaben (20 000 im ersten,' 40000 im zweiten, 60000 im dritten Jahrzehnt, durchschnittlich also 40 000). Werden es zwei Millionen in zwanzig Jahren sein, so ergäbe das 100 000 im Jahre, also die Ziffer, die ich in striktem Widerspruch (und ebenfalls nur beispielsweise in einem ähnlichen wie dem obigen Sinne) dem Lichtheimschen „Programm“ entgegengehalten habe. Dabei weist Ruppin ebenfalls auf die Möglicnkeit einer wesentlichen Erhöhung dieser Ziffern durch etwaige Exportindustrien hin. Die Schwierigkeiten, die Ruppin aus der mangelnden landwirtschaftlichen Eignung der Einwanderer — zusammen mit der Notwendigkeit einer 50 o/o igen Landwirtschaft innerhalb des jüdischen Palästina (!) — konstruiert, beruhen aut einem merkwürdigen Denkfehler: das jüdische Palästina mag in unserem Sinne noch so jüdisch sein, es bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Wirtschaft dieses Landes trotz jüdischer Vorrechte durch die Wirtschaft seiner nichtjüdischen Einwohnerschaft von vorerst (nach Ruppin) neun Zehnteln in höchstem Maße mitbestimmend sein muß auch für die Wirtschaft der einwandemden Juden! Auch das jüdische Palästina ist ein solches mit vorerst starker nicht jüdisch er Majorität und nichtjüdischer Landwirtschaft, die große Ueberschüsse gibt. Es ist doch so einfach, an die Sache mit meiner alten Formulierung heranzutreten: Was braucht das Land? — Was können die Juden? Sobald man nur die Frage in dieser Form stellt, kann niemand auf den Abweg geraten, das jüdische Palästina auch in der Produktions- und Berufsfrage mit der jüdischen Bevölkerung des Landes zu verwechseln. Das Land Palästina hat auch bei starker Einwanderung auf viele Jahre hinausi so viel Landwirtschaft, daß die einwandernden Juden es nicht nötig haben, die Ueberschüsse des Getreidebaus noch zu vermehren und sich in Berufe zwingen zu lassen, zu denen sie viel erfolgreicher im Wege des allmählichen Uebergangs gelangen werden. Die Idee, daß das jüdische Palästina — besonders solange es sich in einem derartigen Mmoritätsverhältnisse innerhalb der Gesamtbevölkerung befindet — seine eigene, vollständige, von der übrigen Wirtschaft des Landes unabhängige Volkswirtschaft haben müsse, ist ungefähr ebenso widersinnig, wie wenn man Aehnliches — parallel dem jüdischen Palästina — von dem katholischen oder evangelischen Deutschland oder von dem arbeitenden oder von dem geistigen Deutschland verlangen möchte. Von dem jüdischen Palästina, besonders in dem gegenwärtigen, vorläufigen Stadium., eine eigene, von den sonstigen Landesverhältnissen losgelöste Wirtschaft verlangen zu jvollen ist um so unsinniger, je mehr man dort auf der anderen Seite immer mehr davon spricht, wie Juden und Araber im Lande sich gegenseitig ergänzen sollen. Das Ziel einer allseitigen und Umfassenden jüdischen Volkswirtschaft ist für uns eine Selbstverständlichkeit, aber eben als Ziel und für den Zeitpunkt, in dem das Bevölkerungsiverhältnis zwischen Juden und Nichtjuden etwa das umgekehrte Bild des gegenwärtigen zeigen wird. Wobei dann auch noch auf die Besonderheiten des Volkes upi des Landes, sowie aut die bis dahin allen möglichen anderen Gesichtspunkten unterworfenen Beziehungen Rücksicht zu nehmen ist. Auch ich habe ja sozusagen eine 50 o/0ige Beteiligung der Landwirtschaft an den jüdischen Berufen als Forderung aufgestellt, nämlich: Landwirtschaft für Alle! Die Kolonisationsform der Acker-

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