Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 909-910 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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909 VOLK UND LAND 910 Einnahmen seines gemischten Betriebes (Milchwirtschaft, Gemüsebau und Baumpflanzung) erst nach 6 bis 10 Jahren, nämlich mit dem Ertrage der Bäume, beginnen läßt. Ru pp in schließlich nimmt den Milchertrag von zwei Kühen (nach Oettinger 4000 Liter im Jahr) als den E igenbedart der Ansiedlerfamilien an. Wenn die Leute das nach normalen Anschauungen überschüssige Milchquantum nicht für Schwimmübungen brauchen, so kann es Such hier nur daran liegen, das die Kühe unserer Offiziellen eben hervorragend minderwertig sind. Kälber bringen sie auch nicht zur Welt, weder bei Ruppin noch bei Aluerbach. Est ist ein Jammer*). Dafür stattet Ruppin jeden seiner 5 Ansiedlertypen gleichmäßig mit einem Geflügelhot una einer Bienenzucht aus, wobei für das! Geflügel selbst je 200 Francs, für den Geflügelstall je 500 Francs, una als Reineinnahme 50 Francs angegeben werden. Bei der Bienenzucht kosten die Stöcke bei jedem Ansiedlertypus 100 Francs, der Ertrag ist mit 20 Francs angesetzt. Wie ungleich bedenkt Ruppin die verschiedenen Siedlertypen und, im Gegensatz hierzu: wie gleichmäßig bedenkt er die Hühner. Der Geflügelstall des „Millionärs von 50 000 Francs“ kostet ebenso 500 Francs wie der des armen Mannes, der nur einige 600 Francs eigenes Geld mitbringt. Wäre es nicht im zionistischen Sinne besser angebracht, mehr Gleichheit für die Ansiedler anzustreben als für deren Hühner? lieber den Geflügelstall für 500 Francs! dürften übrigens nicht nur die Fachleute, sondern aucih die Hühner lachen. Normale Ansiedler machen sich so etwas aus etlichen Kistenbrettern oder dergleichen, kombiniert vielleicht mit einigen Metern Drahtnetz. Will man durchaus Luxus trei- *) Vielleicht haben wir es hier schon mit der voraussichtlichen Wirkung der besonderen Fütterung zu tun, die Ruppin vorschlägt. Er empfiehlt nämlich (auf S. 202 unten) die Rückstände der Rizinusöllpressung als wertvolles Viehfutter. In C. Böhmers „Handbuch der Kraftfuttermittel“ finde ich hierüber atif S. 457/58 folgende Warnung: „Zu den Objekten, die wegen ihrer giftigen Wirkung zur Verwendung als Futtermittel nicht geeignet sind, — gehören die Preßrüdkstände der Rizinusbohnen;. Teils wegen dieses Oeles (das als Abführmittel vorzügliche Wirkung ausübt), teils aber auch wegen anderer giftiger Stoffe .... können die Rückstände dieser Industrie zwar zur Feuerung und Düngung verwendet, niemals aber direkt als Futtermittel verwendet werden. Wo man sie aus Unvorsichtigkeit oder infolge Unkenntnis ihrer Eigenschaften dennoch verfütterte, hat man den Versuch meist mit dem1 Verlust der damit gefütterten Tiere bezahlen müssen.“ Wir haben also noch Glück, wenn in unserem Falle nur das Milchergebnis bis zu dem geringen Quantum des Eigenbedarfs einer Häuslerfamilie reduziert und die Kälberaufzucht vereitelt wurde. Immerhin: arme Kühe! Da wären schon (man verzeihe das lange Wort) Caravonlca baurnwollsamenpreßrückstände vorzuziehen gewesen. Die Ruppinsche Milchwirtschaft erregt schon lange meine Heiterkeit. Bereits vor dem Kriege hatte er einen Achusaplan aufgestellt, innerhalb dessen Kapitalbedärfs von, wenn ich nicht irre, 26 000 Frcs. die Milchwirtschaft mit 4000 dotiert War. Ich habe damals schon den Zweifel geäußert, ob die „Millionärin von 10000 Rubeln“ (ein im Osten gebräuchlicher Ausdruck, der auch insofern nicht unberechtigt ist, als zahlreiche Familien mit einem solchen Vermögensstand ein sehr ben, so mag unser Londoner Kolonisationsdepartement sich mit der Firma William Cooper Ltd. (761, Old Kent Road, London S. E.) in Verbindung setzen, die schon bei kleineren Aufträgen es für ein Zehntel der Ruppinschen Ziffern machen wird. Wer Gelegenheit hat (gegenwärtig sagt man „Beziehungen“), mag auch einen geflügelhaltenden Portier 'oder Bauern fragen, was sein Hühnerstall gekostet hat. Wieviel Stück Geflügel zu diesem Betrieb gehören, habe ich bei Ruppin nicht gefunden. Aber die Reineinnahme von 50 Francs läßt aut 10 Tiere schließen. Weshalb diese 200 Francs kosten müssen, ist nicht zu erkennen. Sollte es sich bei der Anschaffung der Tiere und bei dem Stall um eine Null zuviel handeln? Oder beim Ertrag um eine Null zu wenig? Vor mir liegt ein Kostenanschlag für jüdische Kolonisation in Anatolien, den mir im Jahre 1900 die deutschen landwirtschaftlichen Fachleute bei der anatolischen Bahn in Uebereinstimimmg mit den verständigsten unter den jüdischen Kolonisten zusammengestellt haben, eine Aufstellung, die auch Professor Warburg mir ein Jahr später als bewährt und richtig bestätigt hat. Dort wurde folgendermaßen gerechnet: Haus und Stall komplett 500 Franc«. 2 Ochsen und 1 Kuh 270 „ Geräte 240 „ Aussaat 500 „ Nahrung 400 „ Hühner und Schafe 200 „ Eventualia 100 „ Summa 2 200 Francs. Generalunkosten: 1. Jahr 250 ,, >, 2. „ 50 „ Insgesamt 2 500 Francs. behagliches Leben führen können) früh um 4 Uhr aufsteheni wird, umi die Kühe zu melken. Wenn, sie „ihre Leute dazu hat“, so hört es eben auf, Achusa- Typus zu seinv Aber außerdem habe ich mich einer anderen Milch- Versorgung dabei erinnert: Einem meiner jungen Freunde in Palästina, der dort als Arbeiter tätig war, wurde eines Lungenleidens wegen reichlicher Milchgenuß verschrieben. Den konnte er sich bei einem Arbeitslohn von höchstens 50 Frcs. im' Monat (den übrigens Ruppin auch }etzt noch igelten lassen will) in Judäa nicht leisten, wo 3 Liter Milch 1 Frcs. kosteten. So ging er nach Galiläa “und half sich dort folgendermaßen: Er kaufte zwei Ziegen für 40 Frcs. und! übergab diese einem arabischen Hirten Uiit der Vereinbarung, daß er die Milch (dieser zwei Ziegen zu bekommen hätte; dem arabischen Hirten blieb das Eigentum an der Wolle, am Nachwuchs; äm Fleisch und Fell. Dafür aber hatte der Hirt auch für den Nachwuchs der Milchlieferung insofern zu Isorgen, als meinem Freunde „für alle Zeiten“ ‘die Milch von Zwei Ziegen zur Verfügung stehen sollte. ' Damit hatte er eine Milchversorgung auf Lebenszeit (unid sogar „auf ewig“) für 40 Frcs. Man kann auch nicht sagen, daß der arabische Hirte damit ein schlechtes Geschäft gemacht hätte. Im Gegenteil, mit mehr solchen Kunden wäre ihm der Weg zum Reichtum geöffnet. Aber selbst wenn jener Hirt dem Leser als benachteiligt erscheinen sollte, könnten wir ihm ja vier Ziegen bewilligen, ohne mehr als die Milch von zweien zu beanspruchen. Dann würde die Milchversorgung auf Lebenszeit (oder für ewig) eben einmalig 80 Frcs. gekostet haben! Hier haben wir eine kleine Gegenüberstellung von Ruppins Schematismus mit palästinensischer Wirklichkeit bzw. mit tatsächlichen Möglichkeiten.