Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 907-908 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 908 907 sondern auch zur gartenbaumäßigen Landwirtschaft unter Ablehnung des Getreidebaus und der Autarkiebestrebungen. „Ganz wie Trietsch/4 Aber wenn er dann die Konsequenz aus seinen Aufbauideen ziehen will, kommt er ziu Aufstellungen, die sich von den Oettingerschen schließlich fast nur durch die größere technische Uebersichtlichkeit unterscheiden. Ruppin kennt fünf Ansiedlertypen: 1. Den Großpflanzer, der die Arbeit leitet und Lohnarbeiter beschäftigt. Ihm stehen siebzig Dunam Boden (zur Hälfte bewässert) oder zweihundert Dunam unbewässerter Boden zur Verfügung. Sein Kapitalbedarf ist ca. 70 000 Francs, wovon ihm 20 000 seitens der Hypothenkenbank geliehen werden. Vom Nationalfonds hat dieser Ansiedlertypus nach Ruppin nichts zu erwarten. 2. Der Pflanzer, der ebenfalls die Arbeit leitet und Lohnarbeiter beschäftigt» hat 50 Dunam Boden (wovon 20 Dunam bewässert) oder 100 Dunam unbewässerten Boden. Das erforderliche Kapital beträgt ruma 40 000 Francs, wovon die Hälfte seitens der Hypothenkenbank geliehen wird. Auch für diesen Typus existiert der Nationalfonds nicht. 3. Der Getreidebauer arbeitet selbst. Be- Bekommt 100 Dunam1 unbewässerten Boden. Sein Kapitalbedarf ist 24 000 Francs. Davon braucht er selbst nur 1700 zu haben. Die Hypothekenbank gibt ihm 7300, der Nationalfonds stellt den ameliorierten Boden im Werte von 9000 Francs und schließlich erscheint hier aut der Bildfläche ein „Ko 1 o n i s a t i on s f o n d s“ (als Ansiedlungsbeihilfe), der aus Freude darüber, daß ein fast, mittelloser Mann 100 Dunam Land beansprucht, tum darauf Getreidebau zu treiben, der sich nach Ruppin weder für Palästina noch für die Juden eignet, ebenfalls 6000 Francs dazugibt. 4. Gleich neben diesem Getreidebauer steht der K1 e i n s i e d I e r. Dieser arbeitet selbst mit nur gelegentlicher Hilfe von Lohnarbeitern. Ihm stehen 15 Dunam .(also 1,38 Hektar) zur Verfügung, wovon zwei Drittel bewässert. Er befolgt das Ruppinsche Rezept und zieht den Gartenbau der Getreidewirtschaft vor. Zur Strafe' hierfür verlangt Ruppin von ihm (gegenüber dem unfolgsamen Getreidebauern) das vierfache Eigen kapital, nämlich 6915 Francs, die Hypothekenbank gibt ihm ebenfalls weniger als dem Getreidebauern, nämlich 5985 Francs. Der NationalfondS will nichts von ihm wissen, und auch vom Kolonisationsfonds kriegt er nichts ab! 5. Zuletzt kommt der Häusler. Dieser „arbeitet anderweitig als Lohnarbeiter“ und aut seinem eigenen Land (auf 10 Dunam unbewässerten Bodens) nur in freier Zeit. Dieser braucht von einem Gesamtkapital von 6650 Francs nur 635 Francs eigenes, den Rest bekommt er vom' Nationalfonds (1400) von der Hypothekenbank (3115) und vom Ansiedlungsfonds (1500). Diesem letzteren bleibt als Reingewinn außer freier Wohnung nur 331 Francs, wovon er selbstverständlich nicht leben kann. Ruppin sieht zwar vor, daß er aus Lohnarbeit einen Jahresverdienst von 600 Francs hat und daß „die Reineinnahmen aus 5 bis 10 Dunam Pflanzungen, die er nach unserem Plane für seine mehrjährige Arbeit bei Anlage der Pflanzungen einer Achusa unentgeltlich zugewiesen erhalt“, ebenfalls 150 bis 300 Francs ausmachen, so daß seine Jahreseinnahme „nicht geringer ist als! die des Kleinsiedlers und des Getreidebauern“ (sie geht sogar darüber hinaus— wenigstens nach Ruppin), aber immerhin haben wir es hier mit dauernder Lohnarbeit zu tun, und es will mir nicht gefallen, daß Ruppin diesen armen Mann aut Grund einer so kleinen Vermögensdifferenz (1065 Francs) so viel „schlechter“ stellen will, als den Getreidebauer, dem Ruppin zu seinen eigenen 1700 Francs 22 300 Francs dazu gibt, während der Häusler nur 6015 Francs (übrigens von denselben Institutionen) bekommt, — daß dem einen volle Selbständigkeit, dem anderen aber dauernde Lohnarbeit zugedacht wird. Wenn man sich nun gar vor Augen hält, wie die Kleinheit des Landes bei der zu* erwartenden Masseneinwanderung zu aller sparsamster Vergebung des Bodens zwingt, so ist es kaum faßbar, wie Ruppin, der sich doch stellenweise schon von der Getreideperiode losgerungen hat, hier geradezu eine Prämie darauf setzt, wenn einer 1Ö0 Dunam Land in Anspruch nimmt, um trotz aller Ruppinschen Warnung Getreidebau zu treiben, während der Kleinsiedler, der mit einem Siebentel der Fläche atiskommen will, dafür „bestraft“ wird. Aber auch die Rentabilitäten, die der Ruppinsche Schematismus aufweist, sind höchst fragwürdig. Erinnern wir uns doch einmal des TypusVI vonOettinger, den Ruppin ja—-trotz etwaiger Rechenfehler — durchaus Weiter gellen lassen will. Dort wird — von jenen Rechenfehlern abgesehen — dargetan, daß eine solche Heimstätte bei einem gesamten Kapitalerfordernisi von 5000 Francs und einem Bodenerfordernisi von nur 5 Dunam einen Reinertrag von 1518 Francs bietet und zwar ohne mehr als 1/3 bis *4 der Zeit des Ansiedlers in Anspruch zu nehmen! Also bei weniger Kapital als Ruppins „Häusler“ ein für 2 Familien ausreichendes Einkommen aus eigener Wirtschaft und mit einer Dritteltags-Beschäftigung! Allerdings hat Oettinger hierbei auch noch den grundlegenden Fehler begangen, zum Teil mit 2 o/oigem Kapital zu rechnen, das man nun einmal in größerem Umfange nicht haben kann. Aber was hindert uns, diesen Kleinsiedlertyp mit seinem Kapitalerfordernis von im ganzen 5000 Francs, das wir sogar ruhig aut 6000 erhöhen können, mit vollen 6 o/0 zu belasten, um dadurch erst diese praktischste Ansiedlung im größten Umfange auch finanziell zu ermöglichen! Auf diesem Wege gelangen wir selbst aut Grund Oettingerscher Unterlagen zur erfolgreichsten Kolonisation auf kleinsten Flächen und bei geringstem Kapital- und Abs'atzbedarfJ * * * Aber auch abgesehen von solchen Grundfehlern des Ruppinschen Schematismus, ist in seinen Aufstellungen allerlei Nettes1 enthalten. Zum. Beispiel läßt er seinen Kleinsiedler aut seinen 1,38 Hektar drei Stück Großvieh halten, darunter einen Zugochsen! Was wird dieses Lebewesen auf einer solchen Räche zu ziehen haben? Die dummen Bauern von Kreta kommen für je fünf Wirtschaften wesentlich größeren Umfangs mit e i n e im* Paar Zugtiere aus, und unsere gartenbauendien Klein Siedler könnten sich daran ein Beispiel nehmen, wenn stie nicht, was noch viel besser wäre, zu einem entsprechenden Typus von Motorpflug greifen. Ueberhaupt ist die Viehwirtschaft der schwache Punkt unserer Offiziellen. Oettinger taxiert zwar das jährliche Ergebnis pro Kuh aut 20Q0 Liter Milch — 500 Francs und ein Kalb im Werte von 150 Francs, aber beim Zusammenaddieren vergißt er diesen größten Einnahmeposten seines Betriebstypus Nr. VI. Dr. Auerbach übersieht die Einkünfte aus der Milchwirtschaft ebenfalls, insofern als er die