Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 905-906 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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905 -=-^ ■ " ■ ==-= ■■■== VOLK UND LAND - —■ -^=-==^-" ■ QOö DAS ZEICHEN ZUM AUFBRUCH Von Davis Am 2. November 1917 hat Englana sich für „die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk“ erklärt. Bald darauf haben die Engländer Palästina erobert. Der Kriegsausgang hat dieses Ergebnis nicht beeinträchtigt, sondern in weitgehendem Maße bestätigt. Inzwischen haben alle Mächte sich der englischen Erklärung angeschlossen und England selbst hat zu wiederholten Malen den in seiner ersten Erklärung eingenommenen Standpunkt aufs neue unterstrichen. Der große Krieg ist zu "Ende, und auch die letzten Zuckungen der Weltkatastrophe sind im Abebben. Die Verhältnisse nähern sich allmählich wieder denen vor dem Kriege, und auch die Beschränkungen, die den vorauszusehenden Wanderungen im Wege standen, sind im Begriff, sich zu verringern. In diesem Momente, der den zwei tausendjährigen Hoffnungen der Juden die Erfüllung so überraschend nahe gebracht hat, in dem Augenblick, in dem die jüdische Welt, besonders im Osten, das Zeichen z u m A u t b r u c h. e r w a r t e t, ist merkwürdigerweise etwas ganz anderes eingetreten. Die Zionisten, die in zwanzigjähriger Propaganda der Welt den Zeitpunkt ausgemalt haben, der jetzt eingetreten ist, erschrecken plötzlich über die ihnen bevorstehende Verantwortung und versuchen mit allen Mitteln zu bremsen. Plötzlich ist Palästina zu klein; plötzlich sind die Juden ein nicht genügend taugliches Element; plötzlich wird verkündet, daß die große jüdische Wanderung weiter nach Amerika gehen müsse oder allenfalls im neu eröffneten Rußland Platz finden könne: Palästina sei nur für einen kleinen Teil der zu erwartenden Auswanderung in Betracht zu ziehen usw. usw. In Reden und in Schriften und in dicken Büchern werden die dünnen Gedanken auseinandergesetzt, die eine Umkehrung alles dessen bedeuten, was der lebendige Zionismus sich bisher vorgestellt hat, und es gibt zionistische Kreise und sogar „Provinzen des Zionismus“, in denen diese Auffassungen fast unwidersprochen Geltung gewonnen haben. Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, daß es die bisher im Zionismus führenden Kreise sind, in denen dieser krankhafte Minimalismus am stärksten grassiert. Statt zwischen dem starken Empfinden der Juden des Ostens und den von ihrem wagemutigen Milieu beeinflußten Juden Amerikas eine M i 11 e darzustellen, scheint der offizielle deutsche Zionismus eher eine Schranke zwischen beiden positiven Richtungen zu bilden. Er, der sich als nüchterner Beurteiler tatsächlicher Möglichkeiten präsentieren möchte, ist in Wirklichkeit die größte Gefahr für die uns bevorstehende Arbeit. Es hilft auch nichts, sich damit trösten -zu wollen, daß die deutschen Führer ihren Einfluß verloren haben. So wie die Entwicklung der Dinge nun einmal gegangen ist, sind die zionistischen Abgelegenheiten bisher derart weitgehend von deutschen Zionisten geleitet und beeinflußt worden, und die westeuropäischen und amerikanischen Zionisten haben sich gerade in den Pa 1 äs ti n a d i n gen bisher so wenig prominent gezeigt, daß wir um die Befürchtung nicht herumkommen, es könnte auch jede neue Leitung viel zu sehr mit den aus der deutschen Periode überkommenen Ideen ünd Personen zu rechnen haben. Neben den deutschen und den westlichen Zionisten spielen freilich auch die östlichen ihre Rolle. T r i e t s c h. Hier war ja bisher das Gros der zionistischen Gefolgschaft. Aber wir dürfen dagegen nicht blind sein, daß von dorther in Palästinadingen führend doch wesentlich nur solche Elemente aufgetreien sind, die im Banne „deutscher“ Ideen, Methoden und Auffassungen standen. Es waren im wesentlichen doch nur d i e j e n i g e n russischen Zionisten in der Palästinasache mit maßgebend, die mit den deutschen Führern harmonierten. Und das waren wieder diejenigen, die auf irgend eine Weise die bedenkliche Denkart der Deutschen noch übertrumpften. Gewiß gab und gibt es auch Andere. Aber diese müssen sich im neuen Zionismus und in der bevorstehenden Arbeit den Platz erst erobern, der ihrer Auffassung schon längst zukommt. Was wir bisher an neuer Leitung in London usw. sich kistallrisieren sehen, geht ebenfalls gerade in den Palästinadingen leider fast restlos konform mit jenen deutschen Auffassungen, die als Zeichen des Aufbruchs dem Volke den Bremsklotz zeigen. Unter solchen Umständen sind starke Mittel nötig. Die Kleinlichkeit und Falschheit des offiziellen Standpunkts muß in voller Bildschärfe dargestellt werden. Ruppins längsterwartetes Buch: „Der Aufbau des Landes Israel“, liegt nunmehr vor. Stellenweise ist^es herrlich. Schon das Vorwort tut meinem maximalistischen Herzen wohl. Dort heißt es: „Große Massen von Juden in allen Ländern, besonders in Osteuropa, rüsten sich, ihre Wohnsitze zu verlassen und nach Palästina auszuwandem.“; i I * il „So steht der Zionismus mit einem Schlage vor ungeheuren Aufgaben, wenn er die neueröffneten Möglichkeiten voll ausnützen will.“ „Weite Kreise der Juden, die ihm bisher fern standen, sind für ihn gewonnen worden und sind bereit, an seiner Verwirklichung mitzuarbeiten.“ „Die bisherige Palästinaarbeit verschwinde! gegenüber der Arbeit in der Zukunft; sie erschein! im Verhältnis zu ihr wie der LaboratoriumsVer such des Chemikers zur chemischen Fabrik. Als solcher Versuch ist sie zwar von größtem Werte; aber ihre Arbeitsmethoden müssen ebenso durch neue Methoden ersetzt werden, wie die Fabrik anders arbeitet als der Chemiker im Laboratorium.“ H - Wenn uns hier also eine Masseneinwanderung von Juden unter der Mitwirkung bisher fernstehender Kreise der Judenheit und weitgehender Förderung durch die Mächte, unter Zuhilfenahme neuer Methoden angekündigt wird, so werden wir freilich einigermaßen enttäuscht, wenn im Buche selbst für die nächsten zehn Jahre eine Einwanderung von jährlich sechstausend Familien*) schon als eine Art Maximum hingestellt wird. Aber in ähnlicher Weise wird der Leser — wenigstens der kritische — auch sonst in diesem Buche des Aufbaus, das eben nur stellenweise herrlich ist, noch öfters hin und her geschüttelt. „Stellenweise“ hat sich Ruppin nämlich „voll und ganz“ zum maximalistischen Standpunkt durchgerungen, und nicht nur zu diesem, *) Hiervon ein Drittel landwirtschaftlich, ein weiteres Drittel „neben der 'Landwirtschaft“ und das dritte Drittel in öffentlichen Arbeiten und' Exportindustrien.