Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 903-904 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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903 VOLK UND LAND 904 diese Pläne nebst den Preisangaben vervielfältigen und schickten sie den gemeldeten ßaulustigen, die aber nicht an diese Typen gebunden waren. Sie sollten nur sehen, was und mit welchem Kostenaufwande es gemacht werden könne. Die erste allgemeine Zuweisung der Bauplätze sollte am 21. März, am Tage des Frühlingsanfanges, erfolgen. Bei dieser Zuweisung sollten nur die bis zum 1. März eingelaufenen Anmeldungen berücksichtigt werden. Voraussetzung war aber, daß der Platzbewerber der allgemeinen Genossenschaft unserer Ansiedler als Mitglied beitrat, daß er eine Kaution in Barem oder in Wertpapieren in der Höhe eines Drittels vom geplanten Bauwerte an der Kasse der Neuen Gesellschaft erlegte, und daß er persönlich oder durch einen Bevollmächtigten vertreten bei der Zuweisungs-Tagfahrt erschien. Die Kaution konnte der Bauherr zurückfordern, sobald er den Bau des Hauses begonnen hatte. Dann ließ ich durch Wellner eine Verordnung für das Zuweisen der Plätze ausarbeiten. Am Tage des Frühlingsanfangs hatte ein Beamter der Neuen Gesellschaft an jedem Orte, wo Baulustige gemeldet waren, die Wahl einer drei-, fünf- oder siebengliedrigen Kommission — je nach der Größe der Liste — zu leiten. Die Angemeldeten wählten aus ihrer Mitte die Kommission. Bei der Zuweisung der Plätze kamen die zuerst, die zuerst mit dem Bau beginnen wollten. Bei gleichem Anfang aber hatten die Gruppen, die Zahlreicheren vor den Wenigen den Vorzug. Zuletzt kamen die Einzelnen. Bei völliger Gleichheit aller Bedingungen sollte das Los entscheiden. Die Bevorzugung der Gruppen hatte den Zweck, die Entstehung eines kräftigen Ansiedlungslkernes überall zu begünstigen und auch gleich die Gemeindeverbiitdung zur Uebernahme der örtlichen Lasten anzubahnen. Tatsächlich wurde dadurch erreicht, daß a<ucih die einzeln Erschienenen sich noch im Augenblicke vor der Zuweisung einer Gruppe anschlossen und die kleineren Gruppen den größeren. So wurden bei aller Freiheit Streitigkeiten vermieden. Für die Verteilung der Plätze innerhalb der Gruppen gab es nämlich auch Bestimmungen. Wer einen größeren Teil der örtlichen Lasten, als da sind: Herstellung von Straßen, Wegen, Kanalisation, Beleuchtung, Wasserversorgung übernahm, dem gebührte auch der bessere oder geräumigere Platz. Diese einfachen und gerechten Grundsätze waren leicht durchzuführen. Der anwesende Beamte der Neuen Gesellschaft hatte über den Zuweisungsakt ein Protokoll aufzunehmen, das die Kommission mitunterschrieb. Das Protokoll wurde noch am selben Tage dem Rechtsbureau meiner Zentraldirektion nach Haifa eingeschickt. Entsprach es den allgemeinen Bestimmungen und war dagegen kein Protest von einem richtig Angemeldeten eingebracht, so wurde die Platzanweisung rechtskräftig und die Besitztitel wurden nach Ablaut einer Woche ausgestellt. War aber ein Protest da, so wurde eine Untersuchung des Falles an Ort und Stelle unverzüglich vorgenommen. Zu diesem Zwecke richtete ich sChon im vorhinein die reisenden Beschwerdeämier ein, die vom Rechtsbureau in Haifa aiusstrahlten. Ein solches Reiseamt bestand aus zwei rechtskundigen Beamten und einem Schriftführer. Es bekam die Route der Orte vorgezeichnet, aus denen Beschwerden gekommen waren und hatte mit größter Beschleunigung von einem Orte zum anderen ziu fahren. Die Kosten hatte derjenige zu tragen, auf dessen Unrecht erkannt wurde. Einen weiteren Rechtszug gab es nicht. Für diese und andere Aufgaben des Rechtsbureaus ließ ich durch Wellner, unter dem es zunächst stehen sollte, ungefähr fünfzig absolvierte Juristen und junge Doktoren der Rechte in verschiedenen Ländern anwerben. Wir brauchten diese vielsprachige Juristerei auch für unsere Korrespondenz, die ja in allen Sprachen geführt werden mußte. Wohl der wichtigste Teil der Korrespondenz waren die Auskünfte, die wir den selbständigen Unternehmern von Industrien zu geben, hatten. Da arbeitete Wellners juristisches Sekretariat Hand in Hand mit dem technischen Departement Fischers. Wir hatten durch die Blätter aller Länder veiiautbart, daß Unternehmer, welche in einem Küstenlande des mittelländischen Meeres mit einigem Kapital an die Gründung von Industrien gehen wollten, Rat, genaue Auskünfte über Arbeits- und Absatzverhältnisse eventuell auch Maschinenkredit erhalten könnten. Mit jeder Post sendeten die Expeditionen der Zeitungen, in denen wir inseriert hatten, Stoße von Briefen ein. Die Beantwortung war zunächst leicht, denn in der Mehrzahl der Fälle wurde nur gefragt, welches Land es sei. Für die gleichförmigen Anfragen genügten fünf oder sechs gleichförmige Bescheide, die ich drucken ließ. Das Sekretariat hatte nur die Adressen zu schreiben. Aber bald lösten sich aus den zahllosen Tausenden mehrere hundert ernster Projektanten heraus. Es waren keineswegs Juden allein. Anfänglich waren sogar die Nichtjuden und unter diesen die protestantischen Deutschen und Engländer überwiegend, weil diese ja die stärksten und kühnsten Kdlonialunternehmer unter den Völkern sind. Bei der Erledigung der Anfragen ließen wir uns von keiner Rücksicht auf Nationalität oder Konfession leiten. Jeder, der den Boden Israels bearbeiten wollte, war uns willkommen. Unser technisches Bureaiu und das Sekretariat lieferten alle gewünschten Angaben gewissenhaft. Natürlich zogen auch wir, bevor wir uns mit dem Einzelnen tiefer einließen, Erkundigungen über seine Vertrauenswürdigkeit ein. Den Würdigen vermittelten wir alle denkbaren Erleichterungen unentgeltlich. Die Unternehmer, die sich an uns wendeten, mußten auch weniger Lehrgeld zahlen als anderswo. Denn sie erfuhren von uns, auf welchen Punkten eine übermäßige Konkurrenz bereits tätig war oder sich vorbereitete. Es lag im Interesse der Neuen Gesellschaft, daß alle Unternehmungen, die sich ihr anschlossen, auch gediehen. Darum bedienten wir die freien Unternehmer, als hätten sie unsere eigenen Angelegenheiten besorgt. Aus diesen Anfragen und Antworten des Londoner Sekretariats entwickelte sich allmählich unser Departement für Arbeits- und Unternehmungsstatistik. Dem haben wir unendlich viel in unserer Volkswirtschaft zu verdanken. Wir konnten dadurch den jetzigen Zustand erreichen: eine Freiheit ohne wahnsinnige Ueberproduktion, eine Ordnung ohne Druck auf den Einzelnen. Nachdem ich diese und noch manche andere ernste Dinge in Gang gebracht hatte, ließ ich mir auch eine heitere Sache angelegen sein. Sie wurde anfänglich als Unterhaltung und Sport gedeutet und vielfach bekrittelt. Ich rüstete nämlich das Schiff der Weisen aus. Dieses Schiff 'wollte ich den rückkehrenden Juden voraufziehen lassen nach dem alten und neuen Lande. Schon sein Erscheinen in den mittelländischen Gewässern sollte die andere Zeit bedeuten. (Schluß folgt.)