Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29-30 (17.7.1919)
- Date
- 1919-07-17
- Page
- Seite 899-900 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Aleppo 1× ep/1047811
- Haifa 1× ep/1047930
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899 VOLK UND LAND 9C0 nur für die rohen Unterkunftsballten zu sorgen, j Aut seinen Vorschlag bestellte ich in Frankreich { fünfhundert Baracken eines neuen Systems, die wie j Zelte abgebrochen und innerhalb einer Stunde aufgestellt werden konnten. Die Baracken mußten Mitte Februar in Marseille geliefert werden, wo sie Rübenz übernehmen ließ. Ich gab, nachdem die typischen Hauspläne fertig waren, Steineck den allgemeinen Auftrag, sich das Baumaterial und die Baumeister schnell, billig, nach seinem Ermessen zu schaffen. Steineck mußte sein Bauamt sofort einrichten und ich wollte ihm die weiteste Selbständigkeit gewähren. Ich sägte ihm: Begeben Sie sich unverzüglich an Ort und Stelle! Seine Antwort machte mich stutzig. Er sagte: „Ich werde zuerst nach Schweden una Finnland gehen. . .“ Das war doch nicht die Route nach Palästina? Aber ich urteilte vorschnell. Er ging nach Schweden, um Bauholz einzukaufen. Dann reiste er nach der Schweiz, nach Oesterreich und Deutschland und warb an den technischen Hochschule« junge Leute, die eben mit ihren Studien fertig wurden. Nach sechs Wochen hatte er in Jaffa seine erste Baukanzlei im Betrieb, mit ungefähr hundert Bauingenieuren und Zeichnern, unter denen sich bald sehr tüchtige Kräfte bemerkbar machten. Die Kunde vom unverhofften Bedarf an jüdischen Technikern verbreitete sich aber dürdh die Studentenvereine sehr rasch an allen Hochschulen. A/uch da zeigte sich die Erscheinung, die wir auf einer unteren Stufe in den Ortsgruppen sehen konnten. Die Aussicht, in Palästina Verwendung und eine vielleicht glänzende Karriere zu finden, beflügelte den Lerneifer der jungen Leute. Sie machten ihre Prüfungen eiliger, als bisher. Sie vertrödelten ihre Zeit nicht im politischem Firlefanz oder Kartenspiel, sondern trachteten, mit möglichster Be-, schleunigung brauchbare Menschen zu werden. Das Holz, das Steineck in Schweden und Finnland gekauft hatte, sowie seine Eisenbestellungen in Deutschland und Oesterreich gab er unserem Tarifmanne Rübenz auf. Dieser hatte sich, inzwischen mit Eisenbahnen, Schiffahrtsgesellschaften und Dockverwaltungen in Verbindung gesetzt. Rübenz war ein geschickter Tarifeur und löste die Aufgabe in den nächsten Monaten vorzüglich. Seine Leistung ist heute ziemlich1 vergessen, weil ein so großartiger Schiffsverkehr zwischen unseren und den europäischen Häfen besteht. Aber in den ersten drei, vier Jahren gehörte Witz dazu, billige Frachtmittel zu finden. Rübenz benützte die erstaunlichsten Gelegenheiten, spanische, griechische, nordafrikanische Schiffe. Ich hatte ihn immer im Verdacht, daß er das Speditionsgeschäft als Sport betreibe. Er ließ seine Waren die wunderbarsten Reisen und Umwege machen. Aber am Tag, an dem man sie brauchte, waren sie da, und es stellte sich manchmal heraus, daß-er eine langsamere Beförderung gewählt hatte, um Lagerzins zu sparen. Das Schiff war in seiner Behandlung ein schwimmendes Dock. Er hatte in seiner Abteilung auch mehrere Landikartensysterne mit bunten Stecknadeln, die Getreide, Mehl Zucker, Kohle, Holz, Eisen und so weiter bedeuteten. Wollte ich mich über den Material stand orientieren, brauchte ich nur in sein Bureau zu gehen. Jn wenigen Minuten hatte ich alle Auskünfte und ein übersichtliches: Bild unserer Vorräte. Rübenz war ein Pfennigsparer. Damit hat er unserer Wirtschaft riesige Summen eingebracht. Es war auch ein Gedanke des Rübenz, die großen Kaufhäuser in England, 'Frankreich und Deutschland noch vor Beginn der Wanderung zu verständigen. Diese Kaufhäuser hatten Massen alter Ladenhüter und ihre Besitzer durften froh sein, solchen Absatz zu finden. Für uns war es eine bedeutende Entlastung, daß wir nicht für alle Lebensnotwendigkeiten unserer Ankömmlinge im vorhinein sorgen mußten. Wie sollten wir alle die Betten, Tische, Schränke, Matratzen, Kissen, Decken, Schüsseln, Teller, Töpfe, Wäsche, Kleider, Stiefel Vorbereiten? Das wäre an sich schon eine ungeheure Aufgabe gewesen. Wir überließen sie am besten solchen konkurrierenden Großuntem-ehmern, die sich dabei ihren Vorteil suchen mochten. Diese Kaufleute hatten freilich in den armen Einwanderern keine sehr geldkräftige Kundschaft. Anders als in Teilzahlungen konnten die Ansiedler die Waren nicht erstehen. Doch gab es eine Sicherheit darin, daß die Neue Gesellschaft die vereinbarten Raten den Arbeitern und Angestellten vom Lohn abzog und den Kaufhäusern direkt zuführte. Dadurch erlangten wir aber auch einen gesunden Einfluß auf die Warenpreise, die unseren Ansiedlern gerechnet wurden. Unser JZechnungsdepartement ließ sich mit den Kaufhäusern auf solchen Verkehr nur ein, wenn sie ihren festen Preistarif vorgelegt hatten. So wurde die Bewucherung der armen Leute verhindert, und die Warenmagazine machten große Umsätze bei völliger Sicherheit. Ja, es ist noch selten in der Weltwirtschaft vorgekommen, daß die Lieferanten einen bevorstehenden Warenverbrauch mit solcher Wahrscheinlichkeit abschätzen konnten. Die Lieferung hatte etwas Heeresmäßiges und doch Freies. Die Konkurrenz blieb allen offen. Dadurch wurde alles billiger. Einer Kartellierung der Warenhäuser war leicht vorzubeugen. Für Geschäfte, die sich zu einem Preiskartell zusammentaten, besorgten wir die Verrechnung nicht. Sie mochten dann Zusehen, woher sie ihre Kundschaft nahmen. Unsere ordentlichen Leute bekamen sie nicht. Auf diese Art schufen wir in zwei, drei Monaten den Markt der ersten Zeit. Während sich in allen Ländern die Ortsgruppen um die Auswahl der Tüchtigsten bemühten, bereiteten englische, deutsche und französische Warenhäuser ihre Niederlassungen in Haifa, Jaffa, Jericho und vor den Toren Jerusalems vor. Die einheimische Bevölkerung sah das Auftauchen der abendländischen Sachen mit Staunen. Man wußte sich anfangs die Merkwürdigkeit gar nicht zu erklären. Ein schnurriger Briet des Architekten Steineck aus dieser Zeit schildert die gravitätische Verblüffung der Orientalen beim Erscheinen dieser Wunder. „Ernste Kamele blieben stehen und schüttelten den Kopf“, schreibt unser Freund. Aber die Einheimischen fingen gleich zu kaufen an, und bis nach Damaskus und Aleppo, nach Bagdad und an den persischen Golt verbreitete sich die Kunde von den neuen Bazaren. Die Leute strömten herbei. So bewirkte schon die Vorahnung unseres Unternehmens ein Auf leben von Handel und Wandel. Nach den glänzenden Resultaten der ersten Monate begannen einige Großhändler die gangbarsten Waren in Palästina selbst zu erzeugen, weil sie dabei die Transportspesen ersparten. Das waren die frühesten Ansätze zu unserer heutigen blühenden Großindustrie. . . . ., Ich greife da wieder einer späteren Entwicklung vor. Nach Steinecks Abgang hatte ich Zeit, die Pläne meines guten Fischer zu studieren. Seihe Entwürfe für die Straßen, Wasser- und Kraftversorgung, Eisenbahnen, Kanäle und Häfen waren klassisch. Sein größtes Werk, der Kanal vom Mittelländischen zum Toten Meere, mit der geistreichen Ausnützung des Niveauunterschiedes, breitete er schon damals auf dem Papier vor mir aus.