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Volk und Land · 1919-07-17 · Heft 29-30 (17.7.1919) · p. Seite 897-898

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 29-30 (17.7.1919)
Date
1919-07-17
Page
Seite 897-898 (sequence 5)
Language
German
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897 VOLK UND LAND 898 Flüchtlinge in solchen Massen dort nicht halten. Sie drückten einander entsetzlich wie in einem Pferch und waren aus einer Misere in die andere gekommen. Da war also der Abfluß ein ebensolches Erlösungswerk, wie in Osteuropa selbst. Es mußte auf ähnliche Weise die Wanderung nach i Palästina vorbereitet werden. Warszawski hatte den Auftrag, die Leiter der bestehenden zionistischen Ortsgruppen zu einer vertraulichen Besprechung einzuladen. Um einer verfrühten Ablüftung des Planes vorzubeugen, hatte er ihnen nur folgendes zu sagen: „Es hat sich eine kapitalkräftige Gesellschaft gebildet und Konzessionen in Palästina erhalten, um landwirtschaftliche und industrielle Unternehmungen anzulegen. Tüchtige gelernte und ungelernte Arbeiter dürften im Monate Februar gebraucht werden. Fertigen Sie mir verläßliche Listen aus den Angehörigen Ihrer Ortsgruppen an. Die Rubriken sind: Namen, Alter, Geburtsort, bisherige Beschäftigung, Familienstand, Besitzverhältnisse. Unter den ungelernten Arbeitern erhalten die ledigen Leute den Vorzug, unter den Handwerkern die Verheirateten. Jede Ortsgruppe übernimmt für die von ihr Empfohlenen die moralische Verantwortung. Diese Verantwortung wird darin wirksam, daß eine Ortsgruppe, deren Angemeldete dann den Dienst versagen oder sich irgendwie untüchtig erweisen, späterhin vom Präsentationsrechte ausgeschlossen sein soll. Es muß eine Ehrensache der Ortsgruppen sein, nur die geeigneten Menschen vorzuschlagen. Ihre Sache ist es, wie sie die herausfinden: durch allgemeine Wahl der Mitgliederversammlung oder durch Ernennung seitens des Gruppenvorstandes. Die Mittel zur Erforschung der Eigenschaften haben Sie in jedem einzelnen Falle, da sie einander kennen, jeden in ihrem kleineren Kreise arbeiten und wirtschaften sehen.“ Wörtlich die gleiche Vorschrift ließ ich auch in Rußland, Rumänien, Galizien und Algerien zur Kenntnis der zionistischen Ortsgruppen bringen. Zu diesem Zwecke sandte ich Leonkin nach Rußland, Brownstone, der in Jassy zu Hause war, nach Rumänien, Kohn nach Galizien und Smith nach Algerien. Leonkin war nach drei Wochen, die anderen schon nach vierzehn Tagen wieder bei mir in London. Sie hatten den erforderlichen Korrespondenzdienst überall eingerichtet. Natürlich mußte das alles einfach und stramm zentralisiert sein. Ich hatte in den einzelnen Ländern erklären lassen, daß mein Bureau nur mit den Zentralstellen verkehren werde. Wir wären sonst in Schreibereien ertrunken. Die Vorsteher der Ortsgruppen wählten für größere Distrikte ein gemeinschaftliches Komitee. Die Vorsteher der Distriktskomitees wieder wählten ihre Landeszenträle, die allein mit meinem Bureau zu tun hatte. Ich brauchte nur das Verzeichnis1 der Ortsgruppen nach Distrikten und Ländern geordnet. Um mir den beständigen Ueberblick zu erleichtern, hatte ich einen kleinen Anschauuingsbehelf. Ich ließ mir Stecknadeln mit verschiedenfarbigen Glasköpfen machen. Dunkelblau, lichtblau, gelb, rot, grün, schwarz, weiß. Diese Nadeln steckte ich in die aut Bretter gespannten großen Landkarten der einzelnen Staaten. Jede Farbe bedeutete den Vorbereitungszustand einer Ortsgruppe. Weiß bedeutete zum Beispiel nur, daß an diesem Orte eine organisierte Gruppe bestehe, die in der Ausarbeitung der Arbeiterliste begriffen sei. Grün bedeutete landwirtschaftliche, rot Industriearbeiter, elb selbständige Handwerker, lichtblau endlich die ereits mit gemeinschaftlichem1 Vermögen gebildeten landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften, die nur ein Stück geliehenen Bodens zur ’Atnsiedlung verlangten. Schwarz war das Zeichen für die Ortsgruppe, deren Sendlinge sich nicht bewährt hatten. Dann gab es auch gemischtfarbige Köpfe an meinen Stecknadeln, grün-rot, lichtblau-gelb, und so weiter. Das sind geringe Details, die mir aber die Mühe sehr vereinfachten. Ich konnte Dank meinem Nachrichten- und Kartendienst Jahre hindurch jeden Tag den ganzen Stand unserer Bewegung deutlich bis in die letzten Einzelheiten überblicken. Diese Landkarten und Telegramme begleiteten mich überall hin. Später kamen Stecknadeln mit Ziffern für die Eisenbahn- und Schiffsmarkierung hinzu. Ich wußte zu jeder Stunde, wieviel Transporte unterwegs una genau an welcher Stelle sie waren. Befand ich mich selbst auf der Reise, so wurden mir die eingelaufenen Depeschen zweimal täglich in einem Gesamtberichte von meinem braven Wellner aus London nachgedrahtet. Vielfach war in früherer Zeit die Ansicht verbreitet gewesen, daß die Aussicht aut eine bevorstehende Auswanderung die Leute demoralisieren müsse. Niemand würde mehr Lust zur Arbeit oder zur Erfüllung seiner Verpflichtungen haben, wenn er demnächst wegziehen sollte. Das Gegenteil des Befürchteten trat ein. Da die Ortsgruppen in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse nur die Anständigsten, Fleißigsten vorschlagen durften, so entstand überall ein löblicher Wettbewerb um die Aufnahme in die Liste. Diese wurde unversehens das Ehrenbuch der Gemeinden. Wen man für würdig erklären sollte, ins gelobte Land zu ziehen, der mußte sich redlich bemühen. So ergab sich daraus eine Nebenwirkung; ich gestehe offen, daß ich diese nicht im Traum erwartet hätte. Und sie war doch eigentlich so leicht vorauszusehen gewesen. Mancher unordentliche oder hoffnungslose Mann strengte sich mehr an, als bisher, und wirtschaftete vernünftiger. Mancher Haushalt wurde befestigt, mancher halb Verlumpte raffte sich wieder auf. So war die Wirkung des geregelten Auswanderns auch auf die ganz vorzüglich, die noch dableiben mußten. Und wie sie sich innerlich erhoben, so wurden sie auch ihren . äußereH Verpflichtungen gerecht. In der Instruktion an die Ortsgruppen war mit größter Deutlichkeit gesagt, daß nur diejenigen angenommen werden könnten, die von ihrer politischen Behörde ein richtiges Abgangszeugnis erhielten. Für Vagabunden hatten wir keine Verwendung. Von den Regierungen, die über unser Werk vollkommen unterrichtet waren, wurden wir nach Möglichkeit unterstützt. Uebrigens kam das erst später. In den ersten Wochen, nachdem ich Alladino, Warszawski und die anderen ausgeschickt hatte, war ich nur mit meinem Chefingenieur Fischer, Steineck und Wellner in London. Da wurden die großen technischen Pläne zum erstenmal umrissen. Viele davon sind heute verwirklicht. Manche mußten wir aufgeben; andere wurden noch großartiger ausgeführt, als wir gehofft hatten. Ich behaupte nicht, daß wir Nochnichtdagewesenes geleistet haben. Die amerikanischen, englischen, deutschen und französischen Ingenieure haben das alles schon vor uns gemacht. Aber im Orient waren wir doch die ersten Boten dieser Kultur. Von Steineck ließ ich Pläne für Arbeiterhäuser und Stationsgebäude anfertigen. Einige billige Typen mußten für den Anfang genügen. Hauptsache war die rasche Herstellung. Aut Schönheit konnte in der ersten Zeit nicht reflektiert werden. Die großen Leistungen Steinecks in der zweck mäßigen, graziösen und stellenweise majestätischen Anlage von größeren Ortschaften, Städten, sind späteren Daftims. Im Anfang hatte er

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