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Volk und Land · 1919-07-17 · Heft 29-30 (17.7.1919) · p. Seite 895-896

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 29-30 (17.7.1919)
Date
1919-07-17
Page
Seite 895-896 (sequence 4)
Language
German
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8g 5 VOLK UND LAND 896 wurden, strömten erwerbshungrige Schaven nach dem eisigen Alaska. Ich spreche nicht von den Goldsuchern, sondern von den Unternehmern, die sich den Goldsuchern an die Fersen hefteten. Plötz- Jieh wanderten Betten, Tische, Stühle, Hemden, Stiefel, Röcke, Konserven, Weinflaschen, Aerzte, Lehrer, Sänger nach Klondyke — mit einem Wort, alles was man braucht una nicht braucht, wanderte hin, weil einige Leute dort Geld in der konzentriertesten Form erlangten. Die Nachsitrömenden w aren nur zum Teile Goldgräber. Sie gingen nicht dem Verdienste nach, der in der Erde verborgen war, sondern dem, der schon zu Tage lag. Sie wollten an dem bereits gefundenen Golde „verdienen.“ Ich habe dieses grelle Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie jede Erwerbsgelegenheit, wenn sie den Unternehmungsgeist ansprichtj schnell noch andere Erwerbsgelegenheiten schafft. Jeder praktische Mensch weiß das beinahe instinktiv, ohne erst auf die Professoren der Nationalökonomie zu warten, die es ihm in geheimnisivollen Ausdrücken erklären. Tatsächlich gehörten wir Juden schon seit langer Zeit zu den findigsten Unternehmern. Nur auf unsere eigene Zukunft hatten wir früher nie wirtschaftliche Hoffnungen gebaut. Warum? Weil die Sicherheiten fehlten. Wenn die Sicherheiten aber geschaffen wurden, mußten wir in diesem Lande mindestens dieselbe Unternehmungskraft betätigen, wie in anderen Ländern. Darum machte mir das Hervorkomtnen der notwendigen Kapitalien keine übermäßige Sorge. War das Land bereit und die Einwanderung eingeleitet, so mußte jedes angemessene Gelderfordernis aufzubringen sein. Der Charter Wurde abgeschlossen. Wir erlegten die Bezahlung. Da mir von diesem Augenblick an die Leitung der Kolonisation übertragen war, bedang ich mir vor allem aus, daß der Charter vorläufig noch nicht veröffentlicht werden dürfe. Ich wollte kein tumultuarisches Einwandern haben. Es wäre gewiß zu argen Unordnungen gekommen. Die ärmsten, gierigsten Leute wären hierhergestürzt, Kranke und Alte hätten sich hergeschleppt. Wir würden vor allem anderen Hungersnot und Epidemien gehabt haben. Es gibt ein altes französisches Theaterstück, das heißt: die Furcht vor der Freude. So wie es darin zugeht, so hatte auch ich Furcht vor der Freude meiner armen Juden. Ich mußte sie behutsam vorbereiten. Ich mußte auch uns vorbereiten. Das Direktorium ernannte mich zum General- Manager auf fünf Jahre. Dann erhielt ich für die ersten Ausgaben den Kredit von einer Million Pfund eingeräumt. Einer meiner Ingenieure meinte, daa sei wenig. Für den Anfang reichte es! jedenfalls. Ich machte mir also meinen Plan. Wir waren im Herbst. Nach dem Winterregen wollte ich die geordnete Wanderung beginnen lassen. Ich hatte beiläufig vier Monate zur Arbeit vor mir. Da durfte keine Stunde verloren werden. Vor allem richtete ich mir meine Zentralkanzlei in London ein und stellte für die wichtigsten Abteilungen Chefs auf, die ich kannte oder die mir gut empfohlen waren. Smith für Personentransport, Rübenz für Frachten, Steineck für 'das Bauamt, Warszawsiki für Maschinenkaut, Alladino für Landkauf, Kohn und Brownstone für die Verpflegung, Harburger für Sämereien und “Baumpflanzungen. Leonkin hatte das Rechnungsdepartement, Wellner war mein Generalsekretär. Das Erste war, daß ich Alladino nach Palästina schickte, um so viel Land zu kaufen, als er nur bekommen konnte. Er war ein spaniolischer Jude, des Arabischen und Griechischen kundig, ein verläßlicher, kluger Mann aus einer jener stolzen Familien, die ihren Stammbaum bis in die Zeit der Vertreibung aus Spanien nachweisen. Vor der Veröffentlichung des Charters waren die Bodenpreise mäßig. Ich durfte darauf rechnen, daß der undurchdringliche Alladino sich auch von den pfiffigsten Agenten nicht werde überlisten lassen. Die Landkäufe gingen natürlich aut ein anderes Konto der Neuen Gesellschaft, es waren dafür zunächst zwei Millionen Pfund Sterling bewilligt. Fünfzig Millionen Francs waren für die damaligen Bodenverhältnisse in Palästina eine große Summe. Da ich mir beim Abschluß des Charters von der türkischen Regierung hatte versprechen lassen, daß die bisherigen behördlichen Einwanderungssch'wierigkeiten bis auf weiteres! bleiben sollten, war ich gegen eine überstürzte Immigration ziemlich gesichert. Eine in kleine numerierte Gevierte eingeteilte Landkarte von Palästina wurde in meinem Bureau aufbewahrt, die genaue Kopie nahm Alladino mit. Er hatte mir einfach die Nummern der Parzellen, die er angekauft hatte, zu telegraphieren. So wußte ich jeden Tag, wieviel und welchen Boden wir bereits besaßen und konnte danach meine Dispositionen treffen. Zur gleichen Zeit schickte iCh den Botaniker Harburger nach Australien zum Ankäufe von Eukalyptusbäumchen. Auch hatte er diskretionäre Vollmacht zur Anschaffung solcher Setzlinge der Mittelmeerflora* die er zu Nutz und Zier nach Palästina verpflanzen wollte. Alladino und Harburger reisten zusammen nach Marseille. Dort trennten sie sich, Alladino ging mit dem nächsten Schiffe nach Alexandrien. Harburger reiste langsamer die Riviera hinunter, überall Bestellungen bei Gärtnern und Pflanzenhändlem für das kommende Frühjahr machend. Seine Aufgaben zeigte er täglich Rübenz an. Eine Woche später schiffte sieb Harburger in Neapel nach Port-Said ein, und ich hörte dann erst wieder von ihm, als er in Melbourne angelangt war. Ferner schickte ich sofort den Maschineningenieur Warszawsiki nach Amerika zum Einkaut der neuesten landwirtschaftlichen Geräte, Maschinen und aller Arten von transportablen Motoren, Straßenwalzen und so weiter. Warslzawski hatte, wie alle meine Chefs, den Auftrag, sich nie ängstlich an meine Detailbefehle zu halten, sondern nur das Praktische ausizuführen. Lange Berichte wünschte ich nicht. Alles Wichtige mußte mir aber sofort mit Ziffern und Tatsachen telegraphiert werden. Wer irgendwo etwas Neues, Praktisches, für unsere Zwecke Verwendbares sah, auch wenn es nicht in sein Ressort einschlug, hatte es mir sofort zu signalisieren, am liebsten telegraphisch. So habe ich im Verlaufe der Zeit manche glänzende Anregung bekommen. Unser Weric ist nur darum gelungen, weil es Fort und fort aiut der modernsten Höhe der Zeit war. Ich sagte Warszawski beim Abschiede bloß: Kaufen Sie kein altes Eisen! Er verstand mich. Warszawski hatte noch einen Nebenauftrag. Er sollte die Rückwanderung der nach Amerika verschlagenen osteuropäischen Emigranten einleiten. Aut dieses Bevölkerungselement legte ich das größte Gewicht. Es waren Leute, die sich schon einmal mit Energie aus! elenden Verhältnissen losgerissen und nachher die gute amerikanische Schule des Lebenskampfes durChgemacht hatten. New York war zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts die größte Judenstadt der Welt. Freilich konnten sich diese osteuropäischen

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