Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 883-884

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 883-884 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649299--0564-2649918
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

883 VOLK UND LAND 884 Lohn für jedes Paar Schuhe; die ungelernten Gehilfen beziehen monatliches Gehalt. Vor dem Kriege hat der gelernte Handwerker pro 1 Paar Schuhe 1,20 Frcs., während des Krieges 1,50 Frcs. erhalten; jetzt bekommt er 5,00 Frcs. Der ungelernte Gehilfe erhielt vor dem Kriege 8—12 Frcs. pro Monat, jetzt 12—20 Frcs. Der Lehrling arbeitet zwei bis drei Jahre ohne Entgelt. Für die Anfertigung der orientalischen Schuhe gibt es überhaupt keine gelernten' Arbeiter. Hier sind ausschließlich Lehrlinge beschäftigt, die teils umsonst und teils für einen ganz geringen Lohn von 25—30 Piaster pro Monat arbeiten. Die Ursache hierfür ist, daß ein jeder, der die Anfertigung von orientalischen Schuhen ein bißchen gelernt hat, siich sofo rtselbständig macht. Der Preis der europäischen Schuhe ist verschieden. Schuhe, nach Maß und aus gutem' europäischem Material angefertigt, kosten 150—200 Piaster, nicht nach Maß angefertigte Schuhe kosten 100—150 Piaster, Halbschuhe kosten 100 Piaster. II. Das Schneiderhandwerk in Jaffa. Die Zahl der Schneider in Jaffa beträgt 59, hiervon sind 34 Juden (24 Askenasim, 10 Sefardim), 15 Mohammedaner, 10 Christen. Schneidergesellen gibt es 90, von denen 40 Juden (10 Askenasim, 12 Sefardim und 18 Jemeniten), 30 Mohammedaner und 20 Christen sind. Die Ausführung des Schneiderhandwerkes erfolgt nach zwei Systemen, nach europäischem und orientalischem System. Die jüdischen Schneider fertigen ausschließlich europäische Kleidung an. Von den Mohammedanern arbeiten 3 nach europäischem und 12 nach orientalischem Muster, von den Christen 4 nach europäischem und 6 nach orientalischem System. Der Umsatz einer Schneiderwerkstatt hängt von der Zahl der beschäftigten Gesellen ab. Ein gelernter und guter Arbeiter fertigt 10 Anzüge im Monat an. Die meisten Schneider liefern die Arbeit ,an Privatkunden, zuweilen auch an Konfektionsgeschäfte. Schneider, die 2—4 Gesellen beschäftigen und mit eigenen Stoffen arbeiten,'erzielen einen monatlichen Umsatz von 100—200 ägyptischen Pfund. Schneider, die mit Hilfe von 2—4 Gesellen und mit Stoffen, die ihnen von ihren Kunden geliefert werden, arbeiten, haben einen Umsatz von 40—80 Pfund monatlich. Betriebsgelder beschaffen sich die Schneider durch verschiedene Banken Und Leihkassen. Diejenigen Schneider, die Mitglieder der Baale Melacha sind, erhalten von ihrer Organisation außerdem1 ein kleines Darlehen. Im allgemeinen ist es so, daß die besser gestellten Schneider mit eigenen Stoffen arbeiten, während die minderbemittelten nur dann arbeiten können, wenn ihnen die Ware von ihren Kunden geliefert wird. Die meisten Zutaten und Stoffe beziehen die Schneider durch europäische Fabriken. Dieses Material wird über Aegypten importiert. Ehe Schneidergesellen zerfallen in zwei Kategorien, a. in solche, die die Arbeit zu Hause verrichten, ihre eigenen Nähmaschinen und ihr eigenes Garn benutzen. Diese erhielten vor dem1 Kriege und während des Krieges für die Anfertigung eines Mantels 7—10 Frcs., Beinkleider 3—5 Frcs. Jetzt werden für einen Mantel 17—20 Schilling und für Beinkleider 7—10 Schilling gezahlt. b. in solche, die in der Werkstatt arbeiten. Die gelernten unter ihnen erhalten einen Lohn entsprechend dem der unter a) angeführten Gesellen. Die noch nicht ganz ausgebildeten Gesellen erhalten einen Tagelohn von 7—10 Schilling (vor dem Kriege 2—4 Frcs.). Lehrlinge erhalten 3—6 Schiling pro Tag (vor dem Kriege 1—2 Frcs.). Die Löhne der mohammedanischen und christlichen Gesellen entsprechen denen der jüdischen. Der Preis eines kompletten Anzuges beläuft [ sich auf etwa 250—300 Piaster. Die jüdischen Schneider und Konfektionäre beschäftigen ausschließlich jüdi- I sehe Gesellen. Ein einziger Konfektionär beschäftigt einen Christen; ein griechischer Schneider beschäftigt eine Anzahl jemenitischer Gesellen. Die inländische Konkurrenz unter den Schneidern ist eine ganz geringe. Ein Schneidermeister, der bessere und ‘modernere Arbeit liefert, verdient mehr als sein Kollege, der weniger tadellose Arbeit an fertigt. Dagegen ist die ausländische Konkurrenz eine sehr schwere. De aus Europa eingeführten Kleidungsstücke sind um 50 o/o billiger als die im1 Inlande angefertigten. Das Schneiderhandwerk erwartet von der bevorstehenden Immigration einen großen Aufschwung. Unter den Schneidern und Konfektionären herrscht die Absicht, eine kooperative Gesellschaft zur Beschaffung von Stoffen für eigene Rechnung zu gründen und eine Kleiderfabrik zu eröffnen. Nähere Angaben liegen auch über das Schneiderhandwerk in Tiberias vor. Zurzeit gibt es in Tiberias nur 9 Schneidermeister, sämtlich Juden (3 Askenasim, 6 Sefardim). Christliche oder mohammedanische Schneider gibt es hier nicht. Bei Ausbruch des Krieges worden 10 jüdische selbständige Schneidermeister aus dem Lande vertrieben. Diese beabsichtigen, bei der ersten Möglichkeit nach Tiberias zurückzukehren. Fast sämtliche Schneider in Tiberias arbeiten nach europäischem Muster, 2 von ihnen beschäftigen sich auch mit Kürschnerei. Sie beschäftigen 22 Gesellen und Lehrlinge, 7 Gesellen sind im' Laufe des Krieges ausgewiesen worden. Die meisten Schneider besitzen nur eine einzige Nähmaschine. Konkurrenz gibt es unter den Schneidern in Tiberias so gut wie gar keine, da hier keine Konfektionsgeschäfte vorhanden sind. Außerdem haben sich die Schneider über den Preis geeinigt, so daß keiner billiger arbeitet als der andere. Es gibt ziemlich viel Arbeit in Tiberias. Ein Schneider, der zwei Gesellen und 3 Lehrlinge beschäftigt, erzielt einen Umsatz von 25—30 ägyptischen Pfund per Monat. An Kredit herrscht hier kein Bedarf, da die Schneider durchweg mit den Stoffen der Kunden arbeiten. Bei der Gründung der Handwerkervereinigung haben einige kleine Anleihen gemacht. Stoffe und Zutaten werden von europäischen Fabriken bezogen und werden durch Jerusalem, Jaffa und Beyrut importiert. Vor dem Krieg erhielt ein Schneidergeselle für die Anfertigung eines Anzuges 10—12 Frcs., jetzt 120—150 Piaster. Für einen einfachen Anzug aus baumwollenem Stoff zahlte man vor dem Krieg 4—5 Frcs. und jetzt 50—60 Piaster. Die Gesellen, die in der Werkstatt beschäftigt sind, erhielten vor dem Kriege 12—20 Frcs. pro Monat und ebensoviel während des Krieges. Jetzt erhält ein guter Arbeiter 2—2i/2 Schilling pro Tag. Ein Lehrling wird nicht bezahlt. Auch in Tiberias erwartet man einen Aufschwung der Branche durch die kommende Imigration. Die meisten Einwohner von Tiberias (Juden und Nichtjuden) tragen gegenwärtig nur selten europäische Kleidung. Die Anfertigung der orientalischen Kleidung erfolgt größtenteils durch Frauen. Man könnte die Lage der Schneider in Tiberias bessern, wenn man ihnen die Möglichkeit geben würde, Stoffe und Zutaten aus erster Quelle zu beziehen und sich dann mit der Lieferung fertiger Kleider zu beschäftigen. Es ist unmöglich, hier Nähmaschinen zu bekommmen. Die Schnei-. der in Tiberias befürchten, daß durch die bevorstehende Rückkehr ihrer Fachgenossen aus der Verbannung eine große Konkurrenz entstehen wird, ebenso befürchten sie den Import von fertigen Kleidern durch die ägyptischen Kleiderhändler.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.