Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1919)
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 877-878 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649299--0561-2649915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
877 VOLK und LAND 878 Der ostjüdische Arbeiter ist fleißig-, mäßig, alkoholischen und sexuellen Exzessen abgeneigt (gerade auf letzterem Gebiet allerdings hat der Krieg sehr geschadet und eine starke Vermehrung der sonst fast unbekannten Syphilis erzeugt), sparsam und sehr besorgt um seine Familie. Er verlangt, aber durchaus, daß seine Arbeit die beste ihm erreichbare Chance darstellt und verläßt sie leicht, wo das nicht der Fall ist, und er sie nicht dazu machen kann. Er ist nicht der Sklave der Arbeit und nicht der Gefangene seiner Klasse. Er ist nicht verliebt in seine Arbeit, er ist ihr unbefangener Beurteiler, und ich kann mir nicht gut denken, daß das neue Ideal, das uns so eindringlich und mystisch von Palästina aus gepredigt wird, jener Arbeiter, dem! die Arbeit sozusagen Religion ist, viele Anhänger findet i unter der ganz bewußten und kühldenkenden Arbeiterj Schaft des Ostens. Aber darum ist der ostjüdische Arbeiter sicher nicht weniger wert, fast möchte man sagen, im Gegenteil. ' Er ist eine ausgezeichnete Erstlingsform des werdenden Typus des neuen Arbeiters, der der Herr seiner Arbeit ist, des Arbeitsmenschen, im Gegensatz zum Proletarier, der der Arbeitssklave ist, und im Gegensatz auch zu jenem höchst anständigen und höchst konstruierten Typ des Arbeitsgläubigen, denn die Arbeit Inhalt ist. Daß dieses Herrenbewußtsein nicht ausartet, dafür bürgt neben dem starken Wirklichkeitssinn des Juden seine enge Verbundenheit mit dem Geist, der ihm den Inhalt der Arbeit nachgehen und sich mit ihr verknüpfen läßt. Ich denke, wenn wir all das betrachten, werden wir am jüdischen Arbeiter, am .jüdischen Massenmenschen einen ausgezeichneten Arbeiter für den Aufbau Palästinas haben. Trotz oder auch wegen seines Chancengefühls. Denn Palästina bedeutet für den jüdischen Mann von der Straße auch eine Chance, wie schwer auch,, immer die Verhältnisse dort zunächst noch sein mögen. „Chance“ heißt ja nicht nur wirtschaftliche Möglichkeit. Daß diese allein nicht bestimmend ist und nicht ausreicht, das eben hat der Jude wohl erkannt, er weiß viel zu gut, daß hoher Lohn allein das Glück nicht bedeutet. Ein starkes Gefühl für die Möglichkeit der freien Entwicklung seiner besonderen Art und Fähigkeiten ist in ihm lebendig und macht ihm sein Herz schneller schlagen, wenn er an Palästina denkt. Wie oft, wenn ich in Arbeiterbaracken kam, im Urwald Litauens ebenso wie in der deutschen Fabrik, grüßte mich das Zionszeichen von der Wand des Raumes, in dem die Juden wohnten. Aber wir sollen uns allerdings hüten, dieses Gefühl zu mißdeuten. Wir werden Arbeiter genug nach Palästina bekommen, auch wenn die rein ökonomische Chance dort nicht besser ist als in anderen Einwanderungsländern. Aber in Palästina darf die Chance für den Arbeiter nicht geringer sein als für jeden anderen. Nur um der Arbeit willen wird der jüdische Arbeiter nicht in Palästina Arbeiter sein. Wenn wir das wissen und danach handeln, werden wir uns auf den jüdischen Arbeiter auch in und für Erez Israel uneingeschränkt verlassen dürfen. PALAESTINA UND DIE Von A. Wolli Die Geschichte der jüdische Legion wird erst später einmal geschrieben werden. Es wird dann eine Geschichte sein, die von Opferwilligkeit und Großzügigkeit auf der einen Seite und von Kleinlichkeit und Selbstsucht auf der andern Seite zu berichten haben wird. Der unparteiische Historiker wird sowohl die Klagen, welche von den jüdischen Legionären erhoben werden wie auch die, welche sich gegen sie richten, sorgfältig sichten müssen und wird vielleicht den größten Teil beider für unberechtigt erklären. Eines aber scheint schon heute klar: daß diese Geschichte eiin hartes Urteil fällen wird gegen diejenigen, gegen welche sich die Anklagen dSer Legionäre in erster Linie richten : die jüdische Verwaltung in Palästina, die zionistischen Führer und hauptsächlich di|e jüdischen Kolonisten im Lande. Es ist höchste Zeit, daß man sich endlich einmal daran erinnert daß diese Leute sich der jüdischen Legion schließlich nicht nur aus rein idealistischen Gründen, aus Liebe zum Volk und zum Lande, angeschlossen haben. Es haben dabei auch andere -Beweggründe mitgesprochen. Sogar solche, mit denen man nicht sympathisieren kann, oder die ,main gar ablehnen muß. Wie groß die Zahl derer ist, welche sichder Legion aus solchen egoistischen Gründen heraus angeschlossen haben, ist schwer zu sagen. Wie es scheint, ist sie nicht sonderlich groß gewesen. Immerhin haben sie viel dazu beigetragen, daß man mit der Legion und mit den Legionären unzufrieden geworden ist. Sie haben die Begeisterung der andern Legionäre gestört. Sie haben notwendigerweise den Respekt und die Bewunderung, welche man der Legion entgegengebracht hat, vermindert. Und sie haben weder der Legion, noch dem jüdischen Volke Ehre gemacht. 'Sie sind die ersten gewesen, welche JUEDISCHE LEGION*) ncr - New-York. die Reihen der Legion verlassen haben, als man gegen Ende des Krieges sie vor die Wahl stellte, nach Palästina zu gehen oder nicht. Sie sind die Hauptunzufriedenen in Palästina selbst gewesen. Sie sind es, die man heute über das Fiasko der Legion am lautesten schreien hört, und sie sind es auch gewesen, die jetzt mit allen Kräften danach streben, Erez Israel so schnell als möglich zu verlassen und die Arbeit dort im Stich äu lassen. Solche Leute hat es leider viele in der amerikanisch-jüdischen Legion gegeben. Noch stärker waren sie in der englisch-jüdischen Legion, in die man durch die Fremdenhetze mit Gewalt Leute hineingetrieben hat, die später ihr mehr geschadet als genützt haben. Da ein Teil dieser englischen Legionäre nur dem Zwang gehorchte, war eine * gewisse Demoralisation dieser Truppe nicht zu vermeiden. Und auf diesen Umstand wird letzten Endes die Enttäuschung zurückgeführt, die man heute gegenüber der Legion empfindet. Das mag richtig sein. In noch höherem Grade ist aber sicherlich wahr, daß die Hauptschuld an dem heutigen Katzenjammer die zionistischen Führer hier und in Erez Israel, sowie die jüdische Bevölkerung Palästinas durch ihre mangelhaften Beziehungen zum jüdischen Legionär tragen. Schon als man die Legion in Amerika aufstellte, konnte man die Beobachtung machen, daß *) Diesen Aufsatz entnehmen wir der großen amerikanisch-jüdischen Zeitung „Der Tog“. Er ist geeignet, wenigstens etwas von dem Dunkel zu erhellen, in das für die deutschen Juden die Vorgänge in Palästina teilweise gehüllt sind. D. Sch.