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Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 875-876

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 875-876 (sequence 10)
Language
German
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875 VOLK UND LAND 876 sie von falschen und schädlichen Maßnahmen abzuhalten. So hat die „Jüdische Abteilung der Deutschen Arbeiterzentrale“ viel Böses verhindert und viel Gutes erwirken können, und ihre Existenz ist den polnischen Juden reichlich zugute gekommen. Abgesehen aber von der rein menschlichen Befriedigung an unserer Arbeit, die wir in reichstem Maße auszukosten Gelegenheit hatten, haben wir dabei auch Einblicke in die Zusammenhänge des jüdischen Proletariats getan, die gewiß keiner von den drei dabei tätigen Menschen (außer mir arbeiteten in der Abteilung als mein Vertreter mein Bruder und eine Dame, Fräulein Reuß aus Berlin), mehr missen möchte. Wir haben erkannt, daß es nicht angängig ist, auf die Masse der jüdischen Arbeiter oder des jüdischen Proletariats diejenigen Begriffe anzuwenden, die für das europäische oder das amerikanische Proletariat gelten. Der ganze " Begriff der Masse stellt sich bei Juden anders dar, als wir ihn sonst zu sehen gewohnt sind. Die jüdische Masse ist vielmehr eine Sammlung von Einzel-Individuen, als ein geschlossener Körper, Individuen, die nicht auf einen Begriff, sondern durch eine Erkenntnis geeint sind und die daher jederzeit bereit sind, sich einer anderen Erkenntnis zu fügen und eine neue Masse zu bilden. Sie sind leicht zu begeistern, ungeheuer viel Temperament steckt in ihnen, aber sie sind auch scharfe Kritiker, und ihre Begeisterung will immer aufs neue errungen werden. Sie sehen das Kleine, das Nebensächliche, aber eben darum lassen sie sich von ihm nicht fangen. Sie begreifen den Sinn des Masseseins, darum sind sie leicht zu organisieren. Aber sie verlangen von ihrer Organisation Inhalt, ständig erkenntlichen Zweck, sind mit einem Wort intellektuell, Ihre Liebe ist groß, ihr Vertrauen ist groß, ihre Treue ist groß, mir scheint, sie können nicht hassen. Ihr Einheitsgefühl ist groß, und ich habe keine ausgesprochenere Solidarität gefunden, als um auf eine ganz andere Schicht zu exemplifizieren z. B. unter den jüdischen Dieben in Warschau, die überhaupt ganz besondere Kerle waren und einen speziellen Begriff von diebischer Berufsehre hatten; z. B. sah der Taschendieb mit ungeheurer Verachtung auf den Einbrecher und mit verständnisvoller Anerkennung auf den Schutzmann, der ihn überlistet hatte. Was immer am meisten auffiel, war die enorme Vitalität der Juden, ihre unzerstörbare Lebenskraft und ihr unzerbrechbarer Lebensmut. In all dem furchtbaren Elend, in dem sie leben, in der entsetzlichen Not, in die der Krieg sie brachte, ich kann mir nicht vorstellen, daß fcs etwas Schlimmeres geben kann als die Kellerquartiere der Warschauer und Wilnaer Judenstadt und daß menschliche Wesen etwas Schlimmeres haben ertragen müssen als die Hungersnot im Winter 1916/17 — ist mir nicht ein Fall von Selbstmord eines Juden aus Not bekannt geworden, mit Ausnahme einiger bereits erwähnter Fälle, wo Mütter, deren Männer zur Zwangsarbeit genommen wurden, Selbstmord begingen, um ihren Kindern die Vorteile zukommen zu lassen, die Waisen allenfalls genossen. Diese Vitalität findet ihren bezeichnendsten Ausdruck in jenem Gefühl für die Chance, die das wirtschaftliche Leben des polnischen Juden bestimmt. Ihm ist es nicht gegeben, das Leben zu genießen — wann hätte er dazu die Möglichkeit gehabt? Die Erbärmlichkeit seiner materiellen Lage würde ihn zwingen, sich vom Leben unterjochen zu lassen. Aber sein Lebensdrang läßt das ebenso wenig zu, wie seine Lebensfähigkeit und zwingt ihn umgekehrt dazu, das Leben beherrschen zu lernen. Er steht in ständigem Kampf mit dem Leben, und zwei Jahrtausende des Kampfes haben aus ihm einen Gegner von höchsten Fähigkeiten gemacht. Mag das Leben kommen mit welchem Druck und welcher Gewalt immer, der Jude findet eine schwache Stelje io der Rüstung, sei sie auch noch so unscheinbar. Er ist immer auf der Lauer nach der Chance und nach der besseren Chance. Eine Arbeit wird ihm geboten, sie ist eine Chance, die im Augenblick einzige oder beste. Aber bei der Arbeit sucht er nach der besseren Chance, und er wird sie bestimmt finden. Sei es eine bessere, einträglichere Arbeit, sei es ein Handel, irgend etwas, das ihm ein höheres soziales Niveau ermöglicht, eine stärkere Beherrschung des Lebens, als die Arbeit bs tut. Darum hat er nicht das Verhältnis zur Arbeit, wie es „der Arbeiter“ hat. Sie unterjocht ihn nicht, sie wird nicht ein Teil von ihm' er steht ihr objektiv gegenüber, er würdigt sie als eine Chance. Es läßt sich vielerlei gegen eine solche Anschauungsweise sagen, aber sie allein hat es möglich gemacht, daß wir Juden noch da sind, daß die polnischen Juden das Entsetzliche ertragen haben, das auf ihnen lastet seit Jahrzehnten und das sich im Kriege verzehnfacht hat. Dieses Gefühl für die bessere Chance ist es auch, das die Juden nicht so leicht zum „klassenbewußten“ Proletarier werden läßt, er ist int allgemeinen klassenbewußt nur in dem Sinne, als er seine Klasse genügend kennt, um sie verlassen zu wollen. Er strebt nach der Selbständigkeit, wo er auch sei, und auch dieses ist einer der Gründe für seinen enormen Bildungsdrang, der aber noch auf etwas anderem beruht, auf der Achtung der Juden vor dem Geist. Niemals sah ich dies mehr und deutlicher als bei den jüdischen Arbeitern in Warschau, die überall den Geist suchen und wo er nicht ist, ihn hineinbringen. Darum lieben sie nicht die „schwere“ Arbeit, die rohe, ganz geistlose. Aber sie haben sie doch ganz gut bewältigt, sind ganz gut mit ihr fertig geworden. Immer hatte man uns erzählt von der mangelnden Eignung der Juden für körperliche Arbeit. Und immer wieder habe ich gefunden, daß sie in wesentlichem beruhte auf der Mangelhaftigkeit der Chance, die sie bot. Wo die Arbeit schwer, der Lohn gering, die Behandlung schlecht ist, wo die Arbeit eine schlechte Chance darstellt, hat sie keinen Wert für den Juden, bleibt er nur so lange bei ihr, als er keine bessere Chance findet, die keineswegs eine andere Arbeit zu sein braucht. Aber wo der Ertrag derselben Mühe bei der Arbeit besser und sicherer ist, als der eines anderen Erwerbs, bleibt er nicht nur bei ihr, sondern wird ein guter, gewandter, brauchbarer Erd- und Landarbeiter, genau so wie jeder andere. Diese schwachen, verhungerten jüdischen Arbeiter aus Warschau und Lodz, alles frühere Kaufleute, Händler oder bestenfalls Handwerker, haben doch einige hundert Kilometer Eisenbahnen im besetzten Gebiet gebaut und auch betrieben. Wie hat man über sie geklagt, aber wenn wir erst die Arbeitsbedingungen in Ordnung gebracht hatten, ging es regelmäßig ganz gut* Man klagte über die Juden immer da, wo sie auch klagten. Und wo sie zufrieden waren, war es der Arbeitgeber fast regelmäßig auch. Das war im besetzten Gebiete so bei der schwersten Arbeit, bei Bahn- und Wegebau, bei Forstarbeit, im Bahnbetrieb usw., und war so in Deutschland in allen möglichen Fabriken und Arbeitsstätten, ja auch aus der Landwirtschaft erhielt ich gute Zeugnisse. (Ich habe eingehender darüber in den „Sozialistischen Monatsheften“ berichtet). Das habe ich aus meinen Erfahrungen gelernt: Der ostjüdische Arbeiter ist ein ebenso guter Arbeiter wie jeder andere und geeignet für jede Art Arbeit, die nicht unter besonders schweren äußeren Umständen stattfindet (Bergbau unter Tage, Entsumpfungen, Landwirtschaft auf schwerem Boden usw.) Er ist hervorragend geeignet, wo er seinen Intellekt mit der Arbeit verbinden und für sie in Anspruch nehmen kann. Der ostjüdische Handwerker und gelernte Arbeiter, wenn er sein .Fach wirklich gelernt hat — sehr viele geben sich als gelernte Arbeiter und Handwerker aus, die man bestenfalls als angelernte Arbeiter bezeichnen kann — ist in der Regel ein ganz besonders wertvoller Arbeiter.

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