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Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 873-874

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 873-874 (sequence 9)
Language
German
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873 VOLK UND LAND 847 ihre Heimat entlassen wurden und daß ihnen ihre Kleidung und sonstige Habe, die sie bis dahin regelmäßig hatten in Berlin zurücklassen müssen, wenigstens nachträglich ausgehändigt wurde. Die Behandlung dieser Fragen fiel schon in das Kapitel der Fürsorge, das einen großen Teil unseres Wirkens ausmachte. Die Deutsche Arbeiterzentrale hatte eine sehr ausgedehnte Fürsorgeabteilung, die recht gute Arbeit leistete. Allmählich brachten wir alle die Juden betreffenden Fälle unter unsere Verwaltung. Wir stellten den Aufenthaltsort vermittelter Arbeiter fest, die ihren Angehörigen nicht schrieben, sorgten dafür, daß sie Geld nach Hause sandten, vermittelten ihnen Urlaub, befreiten sie von der Haft, wenn sie nicht mehr nach Deutschland zurückkehren wollten und deshalb eingesperrt worden waren, lösten sie, soweit das irgend möglich war, aus Kontrakten, die sie nicht mehr einhalten wollten, verfochten ihre Ansprüche gegen die Arbeitgeber, schafften Eltern ihre Kinder zurück, die sich leichtsinnigerweise und ohne Wissen der Eltern in die Fremde hatten vermitteln lassen usw. Einen recht großen Teil unserer Arbeit machte die Durchführung von Alimentationsforderungen solcher Ehefrauen aus, deren Männer nach Deutschland gegangen waren und dort, indem sie die Gültigkeit der Eheschließung bestritten, versuchten, sich der Unterhaltung ihrer zurückgelassenen Frau und oft sogar ihrer Kinder zu entziehen. Diese Fälle waren leider gar nicht so selten, und sehr oft spielte dabei ein neues Verhältnis oder gar eine neue Ehe eine Rolle, die der Mann in Deutschland eingegangen war. Es gelang uns, den Grundsatz zur allgemeinen Geltung zu bringen, daß alle Ehen von den deutschen Behörden als gültig betrachtet wurden, die nach der Ueberzeugung der Volkskreise, aus denen die Parteien stammten, als gültig anzusehen waren. Das war sehr wichtig für die gerichtliche Verfolgung von Unterhaltsansprüchen der zahlreichen Ehefrauen, die mit ihrem Mann lediglich nach jüdischem Ritus verheiratet waren und verwendbare Papiere hierüber nicht vorzeigen konnten. Gerade in diesen Fällen gelang es uns, viel Elend zu lindern und auch manche gefährdete Ehe dadurch wieder einzulenken, daß wir auch der Frau die Möglichkeit verschafften, ihrem Manne nach Deutschland naehzukommen, was im allgemeinen nur nichtjüdischen Ehefrauen von den Deutschen erlaubt war. Ich habe diese Seite der Tätigkeit der „Jüdischen Abteilung“ immer als die wichtigste betrachtet, und sie wurde uns sehr bald auch die liebste. Gerade sie war es, die uns in engsten Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung brachte, uns einen tiefen Blick in das Leben des jüdischen Proletariats tun ließ, uns den Männern und Frauen, den Vätern und Müttern, menschlich sehr nahe brachte und uns mehr vom Judentum des Ostens zeigte, als wir sonst bei noch so langem Aufenthalt in Polen hätten kennen lernen können. Unser Büro wurde allmählich ein Zufluchtsort aller Juden, die irgend etwas in Deutschland oder bei deutschen Be- . hörden durchzusetzen hatten, Bis zu 50 Parteien und mehr haben wir oft an einem Tage behandelt, und es waren keineswegs nur Angelegenheiten, die aus einem Arbeitsverhältnis stammten, mit denen mau zu uns kam. Paßfragen, Reiseerlaubnisse, Eingaben irgend welcher Art, Berufungen gegen richterliche Urteile oder gegen Strafverfügungen wurden uns vertrauensvoll zur Abfassung und Erledigung übergeben. Das Vertrauen, das die Masse des Proletariats in Warschau uns entgegenbrachte, war zum Schluß ohne Grenzen und stand in einem etwas merkwürdigen Gegensatz zu den Angriffen, mit denen das Organ des „Bundes“ unsere Tätigkeit glaubte bekämpfen zu müssen. Sehr viel Leid haben wir so kennen gelernt, mit sehr viel Unglück haben wir uns befassen müssen, sehr viel Schmutz wurde zu uns hin eingetragen, und wir sind nicht immer zufrieden aus dem Büro nach Hause gegangen. Aber wenn wir am Ende der Woche unsere! Aufstellung machten, und alles überdachten, so sahen J wir jedesmal, daß wir doch hatten Vielen helfen können. J Und ich denke, es gibt im jüdischen Proletariat in j Warschau Familien genug, die uns in gutem Andenken! behalten haben. Gegenüber der Fürsorgetätigkeit unserer Abteilung nahm die von ihr betriebene Arbeitervermittlung einen verhältnismäßig geringen Umfang ein. Das lag sowohl an der von uns vorgenommenen strengen Auswahl der Betriebe, wie an der, der wir die sich meldenden Arbeitswilligen unterwarfen. Wir haben radikal mit einem System gebrochen, dem es in der Hauptsache auf die Zahl der erzielten Vermittlungen ankam. Ganz im Gegenteil verfolgten wir immer das Prinzip, die Anwerbung so auszuführen, daß beide Teile, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, insbesondere aber der letztere, tatsächlich damit zufrieden sein sollten. Das bedingte für den Arbeitgeber eine strenge Kontrolle, die von lins auf das Rigoroseste durc.igefüli: t wurde und zu wiederholten Beschwerden der Firmen und Behörden gegen uns Anlaß gab. Die Arbeitswilligen aber mußten auf das Genaueste geprüft und untersucht werden, ehe wir sie zur Vermittlung zuließen. Das war unbedingt nötig bei einer an körperliche Arbeit wenig gewohnten, durch die Kriegsnot physisch ungeheuer heruntergekommenen, vollständig unterernährten Masse, die sich bedenkenlos zu jeder, auch der schwersten Arbeit verpflichtete, der sie ohne weiteres erlegen wäre, wenn sie sieh ihr wirklich unterzogen hätte. Diese Leute wußten ja im allgemeinen nicht, was die Arbeit bedeutete, welche Anforderungen an ihren Organismus sie stellte, und wir mußten immer wieder darauf bedacht sein, sei es, entweder die Arbeitgeber zu geringeren Ansprüchen an die verlangte Arbeitsleistung zu zwingen, sei es, die Arbeitsuchenden auf ihre Eignung genau zu untersuchen und nur die noch Leistungsfähigen zuzulassen. In der Regel wurden nicht einmal 30 o/o der sich Meldenden von uns angenommen, und von diesen wurde bei der von uns eingerichteten und sehr genau durchgeführten ärztlichen Untersuchung durchschnittlich noch einmal die Hälfte und mehr zurückgewiesen. Das war oft hart, und es kam uns nicht leicht an, gerade den Aermsten der Armen den so heiß verlangten Zutritt zur Arbeit zu verweigern. Es war der einzige Weg, diese Unglücklichen vor Ausbeutung und Siechtum zu bewahren und die Möglichkeiten, die wir nun einmal für die anständige und geregelte Arbeitszuweisung eröffnet hatten, nicht auch für diejenigen zu verderben, die noch fähig waren zu arbeiten. So war unsere Tätigkeit fast mehr eine gegen die Vermittlung jüdischer Arbeiter, und tatsächlich ist auch unter unserer Verwaltung gegenüber der frühen betriebenen skrupelloseren die Zahl der vermittelten jüdischen Arbeiter beträchtlich gesunken. Dafür aber waren die vermittelten Arbeiter jetzt in der Regel zufrieden, während früher die Verschickung auf eine Arbeitsstelle immer ein lebensgefährliches Experiment für den Arbeiter darstellte. Wenn ein Vorwurf unberechtigt war, so war es der, den der „Bund“ gegen uns erhob, daß wir die jüdischen Arbeiter dem deutschen Militarismus auslieferten. Gerade das Gegenteil war richtig, und der „Bund“ hätte wohl die Möglichkeit gehabt, sich davon zu überzeugen, wenn er nur einmal die ihm immer angebotene Eiivsicht in unsere Tätigkeit genommen hätte. Im übrigen hat der deutsch- Militarismus wirklich keinen Vorteil von unserer Anwesenheit im besetzten Gebiet gehabt. Wir waren — das ist keine Ruhmrederei — die einzige jüdische Stelle im1 besetzten Gebiete, die systematisch die Oeffentlichkeit aufklärte über das, was dort vor sich ging. Es erübrigt sich, an dieser Stelle auf diese Seite unserer Tätigkeit einzugehen. In wachsendem Maße ergab sich auch die Möglichkeit, auf die Behörden und die Art ihrer Tätigkeit direkt einzuwirken, ihre Vorurteile zu beseitigen und

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