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Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 871-872

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 871-872 (sequence 8)
Language
German
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871 keine jüdischen Arbeiter im besetzten Gebiet noch angeworben werden ohne unsere vorherige Zustimmung. Damit verschwand vor allem auch der letzte Rest von Zwangsarbeit — oder sollte wenigstens verschwinden — der noch im Etappengebiete zu finden war. Alimähhch hatten, wie gesagt, die Betriebsleiter eingesehen, daß jede Art von Zwang bei der Arbeit diese unlohnend machte. Infolgedessen gelangten an uns immer größere Anforderungen nach freien Arbeitern fürs besetzte Gebiet. Da die nichtjüdischen Arbeiter durchweg für die Arbeit in der deutschen Landwirtschaft und den deutschen Bergwerken reserviert bleiben sollten — in die wir jüdische Arbeiter prinzipiell nie verpflichteten — so standen für diese, in die Zehntausende gehende Nachfrage im wesentlichen nur die jüdischen Arbeiter zur Verfügung. Bei dieser Sachlage und da ja die ganze Anwerbung von Juden ausschließlich von der Zustimmung der jüdischen Abteilung abhängig war, hatte diese nunmehr die 'lange erstrebte Möglichkeit, auch bestimmend auf die Gestaltung der Arbeitsbedingungen im besetzten Gebiet einzuwirken. Dies war umso bedeutsamer, als damals eben wieder ein vollständiges Verbot der Einlassung jüdischer Arbeiter nach Deutschland erfolgte, die vielberühmte „Grenzsperre“, gegen die ich mit meinem so betitelten Artikel in der „Jüdischen Rundschau“ als Erster den Kampf in der Oeffentlichkeit aufgenommen habe. Wir waren damals sehr froh, daß wir trotz dieses schweren Rückschlages die Möglichkeit hatten, der damals wieder so stark einsetzenden Nachfrage von Juden nach Arbeit in verhältnismäßig großem Unifange durch die Vermittelung näth Ober-Ost begegnen zu können. Für diese Vermittlung galten dieselben Grundsätze wie .für die nach Deutschland. Nur solche Arbeitsstätten wurden bedacht, die vorher von uns besucht und einwandfrei befunden worden waren, nur solche Betriebe und Unternehmer, die unseren Vertrag akzeptierten und sich unsere dauernde Kontrolle gefallen ließen. In schwierigen Verhandlungen und Konferenzen mit den Behörden und Unternehmern wurden die Arbeitsbedingungen neu festgelegt, die Löhne wesentlich erhöht (gerade in diesem Punkt setzte regelmäßig der besondere Widerstand der Militärbehörden ein, die für alles Geld hatte, nur nicht für menschenwürdige Arbeitslöhne). Sehr viele Besichtigungsreisen an alle möglichen Arbeitsstätten in Litauen, Kurland, Weißrußland wurden unternommen, jedem sich ergebenden Mißstand unweigerlich nachgegangen und mehr als ein Offizier wurde auf unsere Anzeige hin verwarnt oder gar versetzt. Fast 2000 Arbeiter haben damals gute Stellen im besetzten Gebiet selbst gefunden, auf einen nun 4 Monate währenden Vertrag zu Löhnen, die 100 o/o über den bis dahin von den deutschen Behörden gezahlten lagen und allmählich nicht mehr hinter den deutschen Normallöhnen zurückblieben. Jeder Arbeiter hatte seinen Vertrag in jüdischer Sprache in der Tasche. Das Aufsichtspersonal wußte, daß mit uns nicht zu spassen war, jede Firma wurde erbarmungslos gesperrt und bekam keinen einzigen Arbeiter mehr, die in die alte Methode zurück fiel oder gerügte Mißstände nicht abstellte. Einer von den beiden Leitern unserer Abteilung war eigentlich dauernd unterwegs aiuf Besiehtigungsreisen, und es wurde so allmählich ein fast einwandfreier Zustand geschaffen. Natürlich hatten wir immer wieder mit den Behörden und dem Machtdünkel einzelner Offiziere zu kämpfen, aber wir haben ausnahmslos unseren Standpunkt durchgesetzt. Die neuen Bedingungen, die wir durchsetzten, galten nicht nur für Neuanwerbungen, sie wurden automatisch auf die Zehntausende jüdischer Arbeiter ausgedehnt, die bis dahin unter sehr ungünstigen Verhältnissen und Bedingungen gearbeitet haben. Allmählich kamen so alle Arbeitsstätten unter unsere Kontrolle und wurde die allgemeine Lage der Arbeiter.im besetzten Gebiet von Grund auf gebessert. 872 Der einzige Großbetrieb im besetzten Gebiet, der unserer Kontrolle bis zum Ende unserer Tätigkeit entzogen war, war die berüchtigte Forstverwaltung Bialowies. ‘Gegen die Menschenschinderei des Majors von Escherich, des Leiters der Bialowicser Verwaltung, der seinen wissenschaftlichen Ruf durch die schauderhafte Sklavenwirtschaft, die er in Bialowies aufgerichtet hat, aufs ärgste beschmutzt hat, und seinen Einfluß in der Verwaltung war nicht aufzukommmen. Aber auch dort haben wir allerlei erreicht und die Arbeiter in diesem Betriebe, wo zeitweise bis zu 5000 Menschen beschäftigt waren, haben es uns sehr gedankt. Unser letzter Erfolg im besetzten Gebiet war die Aufhebung der Strafarbeiterkolonnen bei den Militär- Eisenbahn-Direktionen, deren eine wir auf unseren Besdchtigungsreisen in Neustadt (Novvo Miash) an der ostpreußischen Grenze sozusagen zufällig gefunden hatten. Sie bildeten den letzten Rest der früheren Zwangsarbeiterformationen und stellten ungefähr das Scheußlichste dar, das uns überhaupt begegnet ist. Ihr Leiter wurde auf unseren Bericht hin abgesetzt und zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, die Kolonnen aufgelöst und beinahe tausend, seit fast zwei Jahren verschollen gewesenen Juden ihren Familien wiedergegeben. Inzwischen hatte das preußische Ministerium des Innern zum lang angedrohten Hauptschlage gegen unsere Arbeitervermittelung ausgeholt. Es erfolgte die bekannte Grenzsperre, die allmählich von sämtlichen deutschen Bundesstaaten übernommen wurde. Damit war die Vermittlung von jüdischen Arbeitern nach Deutschland, gleichviel ob gelernte oder ungelernte, ausnahmslos verboten. Den Vorwand für dieses rein antisemitisch zu wertende Fremdengesetz gab damals die angeblich mit der jüdischen. Einwanderung verbundene Gefahr der Einschleppung des Fleckfiebers nach; Deutschland. Diese Verfügung ist erst zu Anfang W19 aufgehoben worden, wird aber in praxi auch heute noch durchgeführt, nur daß diesmal statt des Fleckfiebers der Bolschewismus zur Begründung herhalten muß. Damals ging das Preußische Ministerium des Innern so weit, daß es auch all denjenigen jüdischen Arbeitern die Rückkehr nach Deutschland verbot, die auf Grund behördlich bewilligten Urlaubs und obgleich sie von den deutschen Ortsbehörden zur Hinterlegung einer hohen Kaution gezwungen worden waren, die verfiel, wenn sie nicht zurückkehrten, in—ihre polnische Heimat zurückgekommen waren. Es hat eines sehr mühseligen Kampfes bedurft, um wenigstens diese, in ihrer Wirkung ganz ungeheuerliche Ausdehnung der Grenzsperre rückgängig machen zu lassen. Insbesondere war es nötig, einen Kampf gegen das Arbeitsamt der Kommandantur in Berlin zu führen, das unter Leitung des (jüdischen?) Rechtsanwalts Dr. Frankfurter, geradezu einen Vernichtungskrieg gegen die ostjüdischen Arbeiter in Berlin führte und gegen sie eine Ausweisungspraxis von einer brutalen Rohheit durchfuhrte, die ihresgleichen nur hat in der, die neuerdings unter dem sozialistischen Regime gegen die ausländischen Juden in Berlin wieder aufgenommen und erst in allerletzter Zeit wieder gemildert worden ist. Damals gelang es, die Militärbehörde dazu zu veranlassen, gegen die unmenschlichen Uebergriffe der Kommandantur in Berlin Einspruch m erheben. Jedenfalls konnten wir erreichen, daß die Ausweisungspraxis erheblich gelinder wurde und wir die Möglichkeit bekamen, in jedem einzelnen Fall einzugreifen. Bei den Zuständen, die sich allmählich herausgebildet hatten — die Leute wurden von der Straße weg verhaftet und nach Warschau und von dort strafweise ausgerechnet auf die berüchtigte „Deutsche Teufelsinsel“, nämlich in den Forst von Bialowies, gebracht, —' war unser Einschreiten von großer Bedeutung. Zwar gegen die Ausweisung an und für sich ko. aten wir nichts machen. Dagegen erreichten wir, daß die zwangsweise Verschickung nach Bialowies eingestellt wurde, daß die Leute, einmal nach Polen zurückgebracht, sofort in VOLK UND LAND

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