Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 869-870

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 869-870 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649299--0557-2649911
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

VOLK UND LAND 870 869 willigt, die Arbeiter sollten einen Versammlungsraum zur Verfügung haben, in dem sie eine Bibliothek aufstellen und jüdische Zeitungen auslegen könnten usw. Es war alles so genau vereinbart, daß man wirklich hätte annehmen können, die Sache müsse gut gehen. Statt dessen kamen bald Klagen der Arbeiter sowohl wie der Firma, die mich, sowie ich von meiner Erkrankung hergestellt war, veranlaßten, eine Besichtigungsreise durch sämtliche in Frage kommenden Betriebe der Firma zu unternehmen. Es erwies sich, daß die Ausbeutungssucht und das soziale Unverständnis der Firma oder ihrer leitenden Beamten erheblich größer waren, als ihre Gewissenhaftigkeit in bezug auf die Erfüllung ausdrücklich übernommener Verpflichtungen. Die Verhältnisse lagen zum Teil sehr schlecht, die einzelnen Stellen hielten sich keineswegs an die getroffenen Vereinbarungen, so daß die Arbeiter in großer Zahl aus den Betrieben entwichen und in Frankfurt und Berlin sich anderen Erwerb suchten. So unglücklich, dieser erste Versuch, wenigstens zum Teil, ausgelaufen war, so hatte er doch ein Gutes. Die offensichtlichen schweren Mißstände, die ich dabei aufgedeckt hatte, die Sorge um den Erfolg der weiteren Werbung der immer dringender benötigten Arbeiter in Verbindung mit meinen immer erneuten Eingaben und Vorschlägen, bewirkten eine bedeutsame Ausgestaltung meiner Stellung. Um es einfür allemal tonimöglidh zu machen, daß jüdische Arbeiter aus Polen unter von mir nicht gebilligten Bedingungen nach Deutschland kämen, erklärten sich die Behörden damit einverstamden, daß die von mir bisher sozusagen inoffiziell verwaltete Stelle nach meinem Vorschläge zu einer selbständigen „Jüdischen Abteilung der Deutschen Arbeiterzentrale“ erhoben wurde, der die Anwerbung jüdischer Arbeiter aus dem besetzten Gebiet nach Deutschland ausschließlich übertragen war, dergestalt, daß von jetzt ab kein Vermittlungsauftrag auf jüdische Arbeiter aus dem besetzten Gebiet mehr ausgeführt werden durfte, für den nicht ausdrücklich die Zustimmung der Jüdischen Abteilung vorlag. Diese wurde grundsätzlich aber nur gegeben für solche Betriebe, die vorher von mir besichtigt und auf ihre Zuverlässigkeit und Eignung für jüdische Arbeiter geprüft worden waren und sich mit den festgesetzten Lohn- und Arbeitsbedingungen vertraglich einverstanden erklärt batten. Danach durften den jüdischen Arbeitern keinesfalls niedrigere Löhne gewährt werden als den deutschen, mit denen sie überhaupt in jeder Beziehung gleichgestellt sein mußten. Die Verpfliohtungszeit durfte nie länger als sechs Monate betragen, und nach dieser Zeit durfte der Arbeitgeber die Arbeiter nicht ohne ihr ausdrückliches Zugeständnis weiter behalten. In diesem Falle mußte ein neuer Vertrag abgeschlossen werden, der die Arbeiter nicht ungünstiger stellen durfte als der vorige. Ungemein wichtig war ferner, daß es der Jüdischen Abteilung gelang, für den ganzen Betrieb der Arbeiterzentrale, also nicht nur für die jüdische Abteilung, die Vermittelung durch Einzelverträge durchzusetzen. Bis dahin waren nämlich die Arbeiter immer auf Sammelvertrage verpflichtet worden, so daß von einer Gruppe von 25 bis 30 Mann höchstens einer einen Vertragsabschluß besaß. Nun* mehr erhielt jeder Arbeiter einen rechtsverbindlichen Vertragsauszug, der die wesentlichen Punkte des Vertrages enthielt. Für die jüdischen Arbeiter, die bis dahin bestenfalls auch nur einen in deutscher oder polnischer Sprache abgefaßten Vertrag erhalten hatten, gab es von jetzt ab Verträge in jüdischer Sprache. So konnte also jeder Arbeiter sich nicht nur ganz genau über die für ihn wichtigen Punkte seines Vertrages in einer ihm geläufigen Sprache unterrichten, sondern er hatte auch für Klagen vor den Gewerbegerichten usw. eine bindende Handhabe, auf die er sieh bei Differenzen nunmehr immer berufen konnte. Der wichtigste Fortschritt aber, der gleichzeitig erzielt wurde, bestand in der nach langen Bemühungen endlich durchgesetzten gewerkschaftlichen Sicherung für die jüdischen Arbeiter in Deutschland. Zunächst wurde erreicht, daß dem Eintritt der ausländischen Arbeiter in die Gewerkschaften keine Schwierigkeiten seitens der Behörden mehr in den Weg gelegt wurde. Außerdem aber wurde bei der Zentralko-rnmission der deutschen Gewerkschaften! ein besonderes „Sekretariat“ für ostjüdische Arbeiter „eingerichtet“, und mit einem von uns vorgeschlagenen gewerkschaftlich geschulten Beauftragten einer jüdischen Arbeiterorganisation bekleidet. Diesem Sekretariat oblag der soziale und politische Schutz der ostjüdischen Arbeiter in Deutschland. Es arbeitete in engster Verbindung mit der „Jüdischen Abteilung der Deutschen Arbeiterzentrale“, die ihm sämtliche Arbeitsstellen namhaft machte, an die überhaupt jüdische Arbeiter vermittelt worden waren und es über alle Neuvermittlungen auf dem laufenden hielt, sich bei ihm über die Lohn- und Arbeitsbedingungen der verschiedenen Branchen, über einzelne Firmen usw. vor der Erteilung der An werbegenehm igung erkundigte, Beschwerden von Arbeitern, die gerichtlich nicht zu erledigen waren, überwies und dergl. mehr. Materiell wurde das Sekretariat unterhalten von dem gleichzeitig gegründeten „Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands“, das von den großen jüdischen Organisationen Deutschlands zur Fürsorge an den jüdischen Arbeitern eingerichtet wurde. Auch dieses Amt bekam sein Material von der „jüdischen Abteilung“. So war endlich und nach vielerlei Mühen, die auch nur andeutend zu schildern hier zu weit führen würde, die aber jeder ohne weiteres begreift, der den Antisemitismus der deutschen Behörden im allgemeinen und ihre ebenso törichte, wie gewissenlose Haltung gegenüber der Ostjudenfrage im besonderen kennen gelernt hat, eine einigermaßen befriedigende Regelung der Frage der jüdischen Arbeiter in Deutschland erreicht. Zum mindestens für diejenigen, die in Zukunft vermittelt werden sollten; für die vielen tausend, die vor Beginn meiner Wirksamkeit bereits nach Deutschland gebracht worden waren und sich zum größten Teil dort in sehr schlechten Verhältnissen befanden, unter teilweise ganz unerträglichen Lohn- Und Arbeitsbedingungen lebten, war jetzt wenigstens eine Instanz geschaffen, die sich — dank ihres gewerkschaftlichen Apparates — mit Erfolg ihrer Interessen annehmen konnte. Auch für die parlamentarische Behandlung berechtigter Beschwerden jüdischer Arbeiter war jetzt eine breitere Basis geschaffen und konnte eine Arbeitsteilung stattfinden, in die mehr arbeiterrechtlich zu betrachtenden Fälle der jüdischen Arbeiter in Deutschland, die das jüdische Arbeitersekretariat zur Kenntnis der Abgeordneten brachte, und in die mehr politisch zu wertenden Beschwerden aus dem besetzten Gebiete, für deren Behandlung im Parlament und der Oeffentlichkeit ich meine im Kampf mit der deutschen Mißherrschaft im besetzten Gebiet erprobten Wege weiter benutzte. Nachdem eine einigermaßen befriedigende Regelung der Arbeiterverhältnisse in Deutschland erreicht sichten, konnte die „Jüdische Abteilung sich, nicht zum wenig sten dank der inzwischen allmählich erfolgten Befestigung ihrer Stellung, nunmehr auch wieder der Ordnung der Arbeiterverhältnisse im besetzten Gebiet selbst zuwenden. Ich hatte seinerzeit, wie oben angegeben, infolge der damaligen Unmöglichkeit, auf die skandalösen Verhältnisse bessernd einzuwirken, jede Mitwirkung an der Anwerbung im besetzten Gebiet abgelehnt und mein Möglichstes getan, die Arbeiter vor der Annahme dieser Stellen zu warnen. Jetzt erreichte ich die ausschließliche Uebertragung der jüdischen Anwerbung auch für das besetzte Gebiet auf die Jüdische Abteilung und die Einräumung desselben Vetorechtes, das sie hinsichtlich der Anwerbung für Deutschland besaß, auch für die im besetzten Gebiet. Von da ab konnten (mit alleiniger Ausnahmme der Stellen in Lodz und Sosnowice, die der Deutschen Arbeiterzentrale nicht unterstanden) überhaupt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.