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Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 867-868

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 867-868 (sequence 6)
Language
German
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867 VOLK UND LAND 868 einzuführen. Ich erwähne vor allem die Hirsch Kupfer- und Messingwerke Akt.-Ges. in Eberswalde, die in vorbildlicher Weise bemüht war, den besonderen Bedingungen dieses Versuches gerecht zu werden. Die Arbeiter wurden zunächst mit gewöhnlicher Erdarbeit beschäftigt und erhielten von Anfang an den gleichen Lohn, wie die deutschen Arbeiter, — obgleich sie, besonders im Anfang, gewiß viel weniger leisteten. Der Lohn war hoch, es konnte im Akkord gearbeitet und verhältnismäßig viel Geld verdient werden. Die anfangs nicht sehr guten UnterkunftsVerhältnisse wurden später durch Aufstellen einer modernen, geräumigen, gut eingerichteten Baracke wesentlich gebessert. Die jüdischen Arbeiter arbeiteten zunächst in nur aus Juden bestehenden Kolonnen, allerdings unter Aufsicht eines christlichen Schachtmeisters, aber es war ein jüdischer Beamter besonders damit betraut, sich um die jüdischen Arbeiter zu kümmern, ihre Wünsche emtgegenzunehmen usw. Vom ersten Tage an wurden die jüdischen Arbeiter in jeder Hinsicht als völlig gleichwertig den. nichtjüdischen betrachtet, es gab keinerlei Ausnahmebehandlung (also auch kein rituelles Essen und keine SChabbosruhe, die von den Arbeitern übrigens in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle auch nicht Verlangt wurde). Dagegen gab es einen Betsaal, an den jüdischen Feiertagen auf Wunsch Ruhetag und Gelegenheit zum Besuch des Gottesdienstes, zu Chanukkah sogar eine besondere Bescherung, die Firma abonnierte Warschauer jüdische Zeitungen für die Arbeiter und nahm sich überhaupt ihrer Interessen in weitestem Maße an. Wenn sich die Arbeiter an die Arbeit gewöhnt hatten, hatten sie die Möglichkeit, in den Fabrikbetrieb, in die Gießerei usw. hineinzukommerT, d. h. also allmählich zum gelernten Fabrikarbeiter aufzurücken. Es ist interessant, daß sie in ihrer großen Mehrzahl keinen Gebrauch von dieser Möglichkeit machten, bei der schweren Erdarbeit verblieben, einmal weil sie ihnen bessere Verdienstmöglichkeiten bot — die Leute waren Ungemein fleißig, nützten jede Gelegenheit zu Ueberstunden und Sonntagsarbeit aus usw. — dann auch, weil sie bei der Erdarbeit unter sich blieben, während sie im Fabrifcbetrieb natürlich in einer Reihe mit den nichtjüdischen Arbeitern hätten arbeiten müssen, was ihnen, obwohl keinerlei Differenzen zwischen den beiden Kategorien Arbeitern vorkamen, offenbar wtenig sympathisch war. Wichtig war, daß die Arbeiter, wenn sie wollten, die Stelle verlassen konnten, daß die Firma ihnen sogar behilflich war, nach Berlin zu kommen, sie natürlich niemals verfolgte, wenn sie etwa — was auch schon einmal vorkam — kündigungslos die Arbeit verließen usw. Alles in allem glückte der Versuch sehr gut, der Name „Messingwerk“ hatte in Polen bald einen ganz besonderen Klang, und es war nicht selten, daß uns Frauen ihre Männer, Eltern ihre Söhne mit der Bitte brachten, ihnen zu einer Stelle in Messimgwerk zu verhelfen. Besonders muß betont werden, daß sowohl die Firmen selbst, wie auch ihre Bauunternehmer, die mit den Arbeitern direkt zu tun hatten, sich von ihnen durchaus befriedigt zeigten und gern bereit gewesen wären, viel mehr einzustellen, wenn die äußere Möglichkeit dazu vorhanden gewesen wäre. Im Durchschnitt waren bis zu 100 jüdische Arbeiter in Messingwerk beschäftigt, darunter manche über ein Jahr und länger. /So lange wie die Einlassungshesdhränkungen für ungelernte jüdische Arbeiter nicht aufgehoben waren, konnten wir Arbeiter wie für Messingwerk nur unter Umgebung der behördlichen Bestimmungen nach Deutschland bringen, was natürlich in der Regel nicht möglich und nicht angängig war. Um andere Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, war es daher nötig, sich Um die Arbeitsverhältnisse auch im besetzten Gebiet zu kümmern, wo dauernd jüdische Arbeiter in großer Zahl verlangt wurden. Die Arbeitsstätten, um die es sich handelte, lagen fast ausschließlich im Gebiet Ober-Ost, in Litauen, Kurland, dem besetzten Teile Weißrußlands usw. Dort trugen sich jeden Tag die abscheulichsten, niederträchtigsten, gemeinsten Dinge zu. Gerade als idh meine Arbeit in Warschau begann, kam ein Transport Arbeiter zurück, die seinerzeit zwangsmäßig zur Eisenbahnarbeit nach Litauen gebracht worden waren. Die Leute hatten unter den unerträglichsten Verhältnissen, zu den niedrigsten Löhnen, bei schlechtester Verpflegung in dem furchtbar kalten Winter 1916/17 dort oben arbeiten müssen. Viele waren dabei gestorben, andere vollständig zugrunde gerichtet. Ich sah Menschen, denen die Gliedmaßen abgefroren waren, verkrüppelt, verlaust, zerlumpt, körperlich und moralisch ganz verkommen, stand der Trupp von einigen hundert Leuten, fast ausschließlich Juden, auf dem Hof der Zitadelle in Warschau. Die Leute erzählten vo(n den schwersten Mißhandlungen, denen sie ausgesetzt waren, von dem furchtbaren Hunger, unter dem sie gelitten hatten, es war ein wahrhaft bejammernswerter Anblick, eine Schande für die deutsche Verwaltung. Idh wandte mich .natürlich sofort mit energischen Vorstellungen an die deutschen Behörden. Man gab zu, daß das bisherige System unhaltbar sei, und daß schon im Interesse der zu leistenden Arbeit durchaus ein besseres Veihältnis zu den Arbeitern angestrebt werden, müsse. Da die militärischem Widerstände gegen eine prinzipielle Neuregelung der Arbeiterverträge im besetzten Gebiet vorläufig nicht zu überwinden waren, verlangte ich, diaß einmal ei,n Modellversuch unter neuen Bedingungen mit einer nur aus Juden bestehenden Kolonne unternommen werden solle. Dieser Versuch, der sich erst glücklich anließ, ist aber gescheitert, weil eben der Geist der Tyrannis, der die militärischen Behörden von oben bis unten beherrschte, alle noch so gut ausgedachten Vorsichtsmaßregeln zuschanden machte. Nicht einmal die Mißhandlung der Arbeiter konnte beseitigt werden, das einzige, was erzielt wurde, war eine verhältnismäßig geringfügige Erhöhung der Löhne. Ich sah mich daher — so leid mir das im Interesse der Arbeiter tat, die sich jeden Tag in großer Zahl nach Ober-Ost vermitteln ließen — genötigt, jede Mitwirkung an einer Vermittlung von jüdischen Arbeitern in das besetzte Gebiet abzulehinen und! mich darauf zu beschränken, den Arbeitern abzuraten, Arbeit im besetzten Gebiet anzunehmen. Umso energischer verfolgte ich meine Bestrebungen auf Aufhebung des Einlaßtverbotes für .jüdische Arbeiter nach Deutschland. Schließlich, nach monatelangen Bemühungen, gelang das, und damit war endlich das große deutsche Reservoir für jüdische Arbeiter wieder geöffnet. Jetzt handelte es sich darum, Unternehmer in größerer Zahl zu finden, zu denen man jüdische Arbeiter mit gutem Gew'issen verpflichten konnte. Hier war die Arbeit des Verbandes der Arbeitsnachweise der Großlogen sehr nützlich, der in immer erneuten Rundfragen bemüht blieb, geeignete Arbeitsstellen für die Arbeiter zu finden. Wie vorsichtig aber auch dabei verfahren werden mußte, ergab der erste Fall einer Vermittelung ungelernter Arbeiter in größerem Stil nach Aufhebung der Einlassungsbeschränkungen. Als ich von einer schweren Ruhrerkrankung, die ich mir in Wilna zugezogen hatte, nach Warschau izurückkehrte fand ich eine große Vermittlung in Gang für eine große Arbeit in Deutschland. Diese Anwerbung fand schon nach dem von mir eingerichteten neuen System statt. Der Arbeitsvertrag war wesentlich vereinfacht und wurde den Arbeitern ganz genau erklärt. Alle wur<#em darüber aufgeklärt, daß sie, einmal nach Deutschland vermittelt, nach den kriegsgesetzlichen Bestimmungen bis zum Ende des Krieges in Deutschland bleiben müssen. Andererseits verpflichtete sich die Firma ausdrücklich, den Arbeitern in der Regel nach sechs Monaten einen Urlaub zu gewähren und ihnen nach sechs Monaten ohne weiteres den Austritt aus dem Vertrage zu gestatten. Die Löhne waren die des deutschen Tarifvertrages, die Art der Verpflegung War genau festgesetzt, ein Ruhetag jede Woche wurde ausdrücklich be-

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