Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-07-10 · Heft 28 (10.7.1919) · p. Seite 865-866

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (10.7.1919)
Date
1919-07-10
Page
Seite 865-866 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649299--0555-2649909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

865 VOLK UND LAND 866 OSTJUEDISCHE ARBEITER IM KRIEGE Von Julius Berger, Berlin. (Schluß). Um größere Massen jüdischer Arbeiter in Deutschland unterbringen zu können, war es nötig, eine Aufhebung des Einlassungsverbotes ostjüdischer ungelernter Arbeiter für die Industrie zu erwirken. Entsprechende Schritte wurden von mir getan und von der Deutschen Arbeiterzentrale unterstützt. Außerdem aber bestand die Aufgabe darin, geeignete Arbeitsstellen für diese Arbeiter in Deutschland zu finden. Das heißt, es mußten Arbeitgeber gefunden werden, die bereit und imstande waren, die jüdischen Arbeiter mit solchen Arbeiten und unter solchen Bedingungen zu beschäftigen, wie sie der Struktur der in Frage kommenden Arbeiterschaft entsprachen. Wie aber war die Struktur dieser jüdischen Arbeiter? Bei den jüdischen Arbeitern handelte es sich im wesentlichen nicht um: das, was wir in Deutschland „Arbeiter“ nennen, um Fabrikarbeiter oder um an schwere Arbeit oder an Massenarbeit (im Gegensatz zur Einzelarbeit) gewohnte Menschen. Jüdische Fabrikarbeiter gibt es in Polen verhältnismäßig sehr wenig, einige Tausend in den großen Industriezentren, vor allem in Lodz. Schwerarbeiter, wie Erdarbeiter, Bauarbeiter und dergl. findet man selten. Die eigentliche Arbeiterschaft setzte sich zusammen in den Fabrikstädten aus Spinnern, Webern, Färbern, dann aus Handwerkern, vor allem Schneidern und Schustern, auch Schlossern, Uhrmachern, Sattler und Lederarbeitern, Mützenmachern, Droschkenkutschern, sehr selten Fuhrleuten. Wie man sieht, meistens Berufe, die keine großen körperlichen Anstrengungen verlangen, und die zudem Im Kriege in Deutschland selbst arbeitslos wurden. Die große Masse dagegen, die sich meldete, waren deklassierte Kleinbürger, bestenfalls ehemalige Handwerker, meistens durch den Krieg vollkommen proletarisierte Kaufleute, Händler, Agenten, die vielerlei Arten Luftmenschen, die das Ghetto des Ostens erzeugt. Zum großen Teil stark oder auch ganz unterernährte Menschen, fast alle nicht an körperliche Arbeit gewöhnt, dagegen alle noch in einem sozusagen bürgerlichen Verhältnis zur Arbeit stehend. Das heißt, für sie ist die Arbeit, der sie sich gerade verschreiben, nur eine von vielen Chancen des Erwerbs, die zurzeit am aussichtsreichste, die man aber sofort mit einer anderen Chance vertauscht, wenn sich eine bessere, bequemere, einträglichere, zukunftssichere bietet. Alle diese Menschen sind kleine „Baalhabattim“, individuell veranlagte Persönlichkeiten, die gewohnt sind, jeder für sich den Kampf mit dem Leben aufzunehmen; die ihren Stolz darin finden, Einzelne zu sein, und die eine Einordnung in die Masse, in den Betrieb, als Degradierung, als Raub an Ihrer Persönlichkeit und an uen besonderen Aussichten empfinden, die das Durchsetzen der Persönlichkeit ihnen bietet. So ist der jüdische Handwerker in Polen — Einkäufer, Anfertiger und Verkäufer in einer Persoa, er will alle Chancen seines Gewerbes in seiner Hand haben. Darum fällt diesen Menschen das schwer, was man in Deutschland Disziplin nennt, die Einordnung, die Unterordnung, die Einstellung in die Reihe, was aber auch gleichbedeutend ist mit dem Verlust des Persönlichkeitswerles, mit dem Nummerwerden. Diese Menschen, auch wenn sie von der ihnen aufgetragenen Arbeit noch nichts verstehen, versuchen, in ein persönliches Verhältnis zu ihr zu kommen, sie zu meistern, sich nicht von ihr meistern zu lassen. Sie denken über sie nach, kommen auf VerbesserungsVorschläge, die, da ihnen die Kenntnis fehlt, meistens wohl nicht viel wert sind, sie versuchen, der Arbeit die chancenreichste Seite abzugewinnen, die oft gleichbedeutend ist mit der leichtesten, bequemsten, die ihnen noch Zeit für irgendeine andere Chance läßt. Es sind unbequeme Arbeiter für den Arbeitgeber, oder mehr noch für den Werkführer und den Vorarbeiter. Sie haben gar keinen Respekt vor der hierarchischen Ordnung und Unterordnung, um so mehr vor der auf Geist gegründeten. Sie verlangen sozusagen, daß ihnen der Sinn der Arbeit, der Zweck des Betriebes einleuchtet, erklärt werden muß, und sie sind bereit, in eine Diskussion darüber einzutreten. Sind es schlechtere Arbeiter? Wer möchte das behaupten? Ich habe in ihnen immer das beste Material für den werdenden Typ des neuen Arbeiters, des Arbeiters der Zukunft gesehen, und es wundert mich nicht, zu erfahren, daß das Rätesystem, das gewollt oder ungewollt eines von den Mitteln ist, die entpersönlichte Arbeit wieder in ein Verhältnis zum Individuum zu bringen, von den jüdischen Arbeitern Polens so nachdrücklich verlangt wird. Man konnte mancherlei Bezeichnendes sehen , z* B. daß sie, wenn es irgendwie ging, nicht in den Gemeinschaftsküchen der Fabriken essen, ganz bestimmt aber nicht in den Gemeinschaftshäusem wohnen wollten. Auf das tiefste verhaßt war ihnen die noch so saubere, geräumige, hygienische Baracke, das noch so billige oder gar kostenlose Massenquartier. Sie verlangten ihr Zimmer für sich, und wenn es noch so klein und eng Und schmutzig und noch so teuer war, und verzichteten gerne auf die mannigfachen Vorteile, die, wenigstens in einem anständigen Betriebe, mit dem Massenquartier oder der Arbeiterwohnung verbunden waren. Sie haßten die geistlose, die ,.schwarze“ Arbeit, aber wenn es eine Arbeit gab, bei der sie ihren Intellekt einigermaßen betätigen konnten, waren sie ausgezeichnete Arbeiter. Die im Kohlenschacht nichts leisteten, sich und dem Unternehmen zur Last fielen, waren glücklich, als sie — zu geringerem Lohn — Maschinenwärter werden konnten und waren hald in ihrem Fach so tüchtig, hatten die Finessen der Oel- und Putzwollersparnis bald so gut heraus, daß man sehr zufrieden mit ihnen war und sie gut bezahlte. In ihren Mußestunden aber saßen sie da und studierten „auf Ingenieur“ nach einem Buch, das sie sich von ihrem Direktor erbeten hatten. Arbeiter, die als Transportarbeiter auf der Werft bald versagten, wurden sehr gute Arbeiter am Sauerstoffgebläse, das ihnen vordem {lieht einmal dem Begriff nach bekannt war. Es war gewiß nicht einfach, für größere Massen so gearteter Menschen, die über Vorkenntnisse nicht verfügten und, um ihre in Polen verbliebene Familie ernähren zu können, ziemlich hohe Lohnforderungen stellen mußten, die richtigen Arbeitsstätten zu finden,- besonders nicht im Deutschland des Krieges. Umsomehr, da sie zum Teil aus unglaublichen sozialen Verhältnissen kamen, aus einem Elend, das uns in der Erinnerung heute noch wie etwas ganz Undenkbares erscheint, und daß sie von den Begleiterscheinungen dieses Elends, äußerer und innerer Verwahrlosung, keineswegs frei waren. Immer wieder kam die Klage über die furchtbare Verschmutzung der Leute, über ihren Hang zur Unsauberkeit — allerdings nicht zum wenigsten aus solchen Betrieben, wo die Arbeiter es sehr schlecht hatten und in eine Passivität verfallen waren, die unter Umständen das beste Mittel war, um aus der Unerträglichkeit dieser Arbeitsstätte herauszukommen. Es mußten eben die Arbeitsstellen ebenso wie die Arbeiter sehr gut ausgesucht werden. Man mußte die Bedingungen der Arbeitsstätte genau kennen und sie auf ihre Eignung für die jüdischen Arbeiter ebenso geprüft haben, wie man sich vor einer wilden Anwerbung aller sich Meldenden hüten mußte. Es gelang zunächst, ein paar ganz wenige Unternehmungen zu finden, deren Chefs, selbst Juden, dem Problem Interesse entgegenbrachten und bereit waren, sich dem Versuch zu unterziehen, diese Arbeiter in die deutschen Arbeitsgewohnheiten und Betriebsmethoden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.