Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1919)
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 863-864 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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863 VOLK UND LAND den, Weil wir im kapitalistischen wie im sozialistischen Lager auf den exponiertesten Punkten stehen. Die Judennot. Inzwischen werden die Juden auf tausend Pu nkten gehänselt, gekränkt, gescholten, geprügelt, geplündert und erschl agen. Werden einige Wohlhabende meinen, der Druck sei noch nicht groß genug für die Auswanderung und selbst bei gewaltsamen Judenaustreibungen zeige sich, wie ungern unsere Leute gingen? Ja, weil sie nicht wissen, wohin! Weil sie nur von einem Elend ins andere kommen. Aber wir zeigen ihnen den Weg in das gelobte Land. * Die praktischen Leute. Ein Praktiker wird also beiläufig folgendes sagen: „Zugegeben, jiaß die jetzigen Zustände der Juden am vielen Orten unhaltbar sind und immer schlechter werden müssen; zugegeben, daß die Aus wände run gslu s t entsteht; zugegeben sogar, daß die Juden nach dem neuen Lande wandern, wie und was werden sie dort verdienen? Wovon werden sie leben? Der Verkehr vieler Menschen läßt sich doch nicht künstlich von einem Tag auf den andern einrichten.“ Darauf ist meine Antwort: Von der künstlichen Einrichtung eines Verkehrs ist gar nicht die Rede, und am allerwenigsten soll das von einem Tag auf den andern gemacht werden. Wenn man aber den Verkehr auch nicht einzuriditen vermag, anregen kann man ihn. Wodurch? Durch das Organ eines Bedürfnisses. Das Bedürfnis will erkannt, das Organ will geschaffen werden, der Verkehr macht sich dann von selbst. Ist das Bedürfnis der Juden, in bessere Zustände zu gelangen, ein wahres, tiefes, ist dasi zu schaffende Organ hinreichend mächtig, so muß der Verkehr im' neuen Lande sich in Fülle einstellen. NunsinddiepraktisiChenLeutewohl in der Regel nur Routiniers, unfähig, aus einem Kreis alter Vorstellungen herauszutreten. Aber ihr Widerspruch gilt und vermag dem Neuen sehr zu schaden; wenigstens so lange das NeUte selbst nicht stark genug ist, die Praktiker mit ihren morschen Vorstellungen über den Haufen zu werfen. Das liegt freilich in der Zukunft, wie die Entwicklung des Bahnverkehrs für die Menschen der dreißiger Jahre in der Zukunft lag. Die Eisenbahnen wurden dennoch gebaut. Manjstglücklicherweise über die Bedenken von Praktikern der Postkutsche hinweggegaiigen. \ Und mit der schrecklichen Macht der Gewohnheit muß die herrliche Macht der Begeisterung ringen. Unser Menschenmaterial. Nun Würden ja schon die Aermsten zur Gründung des Staates genügen, ja sie sind das 864 tüchtigste Menschenmaterial für eine Landnahme, weil man zu großen Unternehmungen ein bißchen Verzweiflung in sich haben muß. Aber indem unsere Desperados durch ihr Erscheinen, durch ihre Arbeit d e n Wert des Landes heben, machen sie allmählich auch für Besitzkräftigere die Verlockung entstehen, nachzuziehen. Der Jude ist sparsam, findig und erfüllt vom stärksten Familiensinn. Solche Menschen eignen sich zu jeder Erwerb Stätigkeit. Aber wenn sich auch am Feierabend herausstellt, daß sie mit all der braven Arbeit nur 1 Fl. 50 Kreuzer oder 3 Frcs. oder was Sie wollen verdient haben, werden sie doch mit Hoffnung in den nächsten Tag blicken,- der vielleicht besser sein wird. — Wir haben ihnen die Hoffnung geschenkt. Die neue Tätigkeit werden unsere findigen Leute rasch erlernt haben. Juden passen sich bekanntlich schnell jeder Erwerbsgattungan. So können viele Händler zu KleinindustriellenderLandwirtschaft gemacht werden. * Die neue Zeit. In unserer, vermöge der technischen Fortschritte wunderbaren Zeit, sieht auch der geistig [Aermste mit seinen verklebten Augen rings um sich her neue Güter auftauchen. Der Unternehmungsgeist hat sie geschaffen. Die Arbeit ohne Unternehmungsgeist ist die stationäre, alte; ihr typisches Beispiel, die des Ackerbauers, der noch genau dort steht, wo sein Urvater vor 1000 Jahren stand. Wenn wir Bauten aufführen wollen, werden wir nicht hilflose Pfahlbauten an einen Seerand stecken, sondern wir werden bauen, wie man es jetzt tut. Wir werden kühner und herrlicher bauen, als es je vorher geschehen ist. Denn wirhaben Mittel,dieinderGesch ichtejnoc'h nicht da Waren. •. Die Um wälzung. Nun meine ich, daß das elektriiche Licht durdhtaus nicht erfunden wurde, damit einige Snobs ihre Prunkgemächer beleuchten, sondern damit wir bei seinem Scheine die Fragen der Menschheit lösen. Eine, (und nicht die unbedeutendste, ist die Judenfrage. Indem wir sie lösen, handeln wir nicht nur für (uns selbst, sondern auch für viele andere Mühselige (und Beladene. Dazu muß vor allem in den Seelen tabula rasa gemacht werden von mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen. Indem ich nun zur Vernunft spreche, weiß ich dennoch Wohl, daß die Vernunft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen, nachgewachsen ist, d i e Jugend, welche die Alten mitreißt, auf starkenArmenhinausträgtunddieVernunftsgründeumsetztinBegeisteru ng.