Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1919)
- Date
- 1919-07-03
- Page
- Seite 837-838 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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837 VOLK UND LAND 838 aufgestiegen, wie es im allgemeinen gehandhabt wurde. Es erschien mir als . unumgänglich, den Notleidenden Arbeit, nicht Almosen zu verschaffen und m dem Zu eck eine Arbeitsvermittlung großen Stiles im Lande einzurichten. Meine Vorschläge scheiterten an der Unfähigkeit der deutschen Verwaltung ynd ihrer Angst, es könne ein Außenstehender einen zu tiefen Einblick im ihre Mißwirtschaft tun. Ich wurde zur Abreise aus Polen veranlaßt und bald darauf zum Militär eingezogen. Trotzdem setzte ich meine Bemühungen 'fort, eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen, die durch die inzwischen erfo’gte Einführung der Zwangsarbeit g nz unerträglich geworden waren. Bei den Verhältnissen, die damals in Deutschland herrschten, bestand gar keine Möglichkeit, von außen heraus durch eine Einwirkung auif deutsche Ste len oder gar eine öffentliche Erörterung die Mißstände zu beseitigen. Die freien Gewerkschaften verhielten 'sich ablehnend. Die Behörden hatten nur ein Interesse daran, möglichst viel Arbeiter zu bekommen, gleichviel aut welche Weise und unterdrückten mit äußerster Strenge jeden Versuch einer Kritik. Die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland gingen höchstens Einzelfällen nach, die politischen Organisationen — mit Ausnahme der Zionisten — wollten von diesen Dingen nichts wissen, stellten sich hinter die Regierung und waren der Grenzsperre garnicht so abgeneigt, die jüdischen Organisationen in Polen aber waren nicht willens oder nicht imstande, den Problemen näher zu treten. Sowohl der „Bund“, wie die „Poale-Zion“ in Warschau weigerten sich, bei irgendeiner Arbeitsvermittlung zu helfen, die zu Gunsten der deutschen Macht geschah. Bei der ganzen Sachlage und bei der Verfolgung, der der „Bund * und vor allem der Verband „Poale-Zion“ seitens der deutschen Verwaltung im besetzten Gebiete ausgesetzt war, konnte man allerdings unmöglich eine Mitarbeit der Arbeiter-Organisationen verlangen. Die bürgerlichen Organisationen wiederum standen aus allgemein politischen Gründen abseits jeder Arbeit, die a's eine Förde rung dier deutschen Besetzung hätte ausgelegt werden können. Dem gegenüber stand aber die- Tatsache -der großen unkontrollierten Vermittlung jüdischer Arbeiter, die trotz de9 offenen und versteckten Widerstandes der Arbeiter-Organisationen infolge der wachsenden Not einen immer größeren Umfang annahm. Um so nötiger schien es, eine grundlegende Besserung der Verhältnisse zu versuchen. Es dauerte aber über ein Jahr, bis es dank der sehr energischen Unterstützung durch Mitglieder der beiden sozialdemokratischen Parteien, — insbesondere bemühte sich mit Erfolg darum der Reichstajgsabgeordnete Gohen-Reuß und! aiuch Julius Kaliski und der Reichstagsabgeordnete Oskar Cohn nahmen sich der Sache wärmstens a*n •— möglich wurde, den Versuch einer großzügigen Organisation einer Vermittlung jüdischer Arbeiter im besetzten östlichen Gebiete zu beginnen. Im April 1917 konnte ich wieder nach Warschau gehen und habe mich dann ununterbrochen bis zum Ende der deutschen Okkupation im November 1918 der Fürsorgearbeit an jüdischen, Arbeitern widmen können. Wie die Dinge lagen, war an einigermaßen erfolgreiches Arbeiten nur zu denken, wenn man sich mitten in die Vermittlung hineinstellte, die nun einmal bei der Deutschen Arbeiterzentrale monopolisiert war. Nur so war Einfluß zu gewinnen und eine wirksame Besserung der Verhältnisse zu erzielen. Auch war es damit möglich, den lange gewünschten und dringend notwendigen Einblick in die Verhältnisse und Verwaltung des besetzten Gebietes zu tun, der einem Außenstehenden vollkommen versperrt war. War es ja nicht einmal den parlamentarischen Kommissionen, die hin und wieder nach dem Osten kamen, möglich gewesen, den Wall von Lüge_ und Täuschung zu durchbrechen, den die Militär- und Zivilbehörden undurchdring'ich um das besetzte Gebiet gelegt hatten. Ich muß an dieser Stelle bemerken, daß der Direktor d,er Deutschen Arbeite rzentrale meinen Besserungsbestrebungen immer in weitestem Maße entgegengekommen ist und reges Interesse für rdie Reformvorschläge gezeigt hat, die ich für die Arbeitervermittelung im allgemeinen und dik der Juden im besonderen machte. Nur dank dem Verständnis für meine Absichten, das ich bei ihm’ fand, konnte ich mir eine Stellung schaffen, wie sie in dieser Unabhängigkeit innerhalb des ganzen Apparates der deutschen Verwaltung im besetzten Gebiete einzig war. Ich war ganz frei und mit Vollmachten ausgest:.t;e*, die allmählich, wie sich zeigen wird, einen bedeutsamen Umfang erreichten. Als meine Arbeit begann, war, Wie gesagt, die deutsche Grenze für ostjüdische Arbeiter im wesentlichen gesperrt. Es durften nur gelernte jüdische Arbeiter nach Deutschland hineinkommen, und ungelernte ausschließlich für die Landwirtschaft und Öen Bergbau: Der Grund für diese Beschränkung lag in der angeblich schlechten Bewährung der jüdischen Arbeiter. Nun war es ganz ausgeschlossen, jüdische Arbeiter aus Polen als landwirtschaftliche Arbeiter nach Deutschland zu bringen* Die Verhältnisse auf den großen landwirtschaftlichen Gütern in Deutschland (um die es sich dabei fast ausschließlich handelte) lagen und liegen zum guten Teil auch heute noch so, daß es wohl zu begreifen ist, daß die deutschen Arbeiter sich weigern, als Arbeiter dorthin zu gehen. Die ausländischen Arbeiter, mit denen die deutsche Landwirtschaft zu arbeiten gewohnt war, waren ausschließlich polnische, ukrainische, russische Bauern von tiefster Kulturstufe, die allenfalls noch imstande waren, die schlechten Bedingungen und die schwere Arbeit zu ertragen, die in der Landwirtschaft die Regel waren. Die jüdischen Arbeiter waren zum weitaus größten Teil schon rein körperlich den Anstrengungen der landwirtschaftlichen Arbeit nicht gewachsen und gewiß nicht imstande, in den unkulturellen Verhältnissen, die ihrer warteten, heimisch zu werden. Aus diesem Grunde hatte die Deutsche Arbeiterzentrale in Warschau die Anwerbung von Juden für die Landwirtschaft im allgemeinen eingestellt, und eine meiner ersten Anordnungen war eine Verfügung, wonach prinzipiell Juden als landwirtschaftliche Arbeiter nicht angeworben werden durften. Polen gingen dauernd in verhältnismäßig großer Zahl nach Deutschland, und ihre Einlassung war nie beschränkt. Es kam übrigens kaum vor, daß ein landwirtschaftlicher Unternehmer oder eine Landwirtschaftskammer sich bereit erklärten, jüdische Arbeiter anzunehmen. Dasselbe galt für den bergbaulichen Betrieb unter Tage. Das ist nun einmal keine Arbeit für Juden, besonders nicht zu den Löhnen und Bedingungen, wie sie damals für ausländische Arbeiter im Bergbau üblich waren. Auch für Bergbauarbeit unter Tage wurden infolge meiner Anordnung niemals mehr Juden vermittelt. (Fortsetzung folgt.)