Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1919)
- Date
- 1919-07-03
- Page
- Seite 835-836 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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835 =r-^=r -rrrt-r -.- g-= VOLK UND LAND — 836 falls als €1« unzulänglicher Zuschuß zu deu Eriuhrungs kosten betrachtet werden konnte. Die Baracken waren schlecht, kalt, verfallen, feucht, verschmutzt. Körperliche Mißhandlungen äuch seitens der beaufsichtigenden Offiziere waren an der Tagesordnung, schwere Geld- und Gefängnisstrafen standen auf die geringsten Vergehen usw. Die Lager waren mit Stacheldraht umzäumt, der Briefverkehr mit der Fami.ie war sehr eingeschränkt oder ganz untersagt, die Leute blieben bis zu' zwei Jahren fort, verkamen körperlich und seel sch — die Zwangsarbeit in Ober-Ost, die ich gesehen habe, ist das Schändlichste und Verruchteste, was sich denken läßt und hat dem deutschen, Namen auf ewig Schande gemacht. Außerdem aber war sie so ziemlich das Unsinnigste und Dümmste, wais sich der berühmte Geist der deutschen Organisation im Kriege geleistet hat. Denn natürlich war der Arbeitsertrag 'dieser Sklavenwirtschaft unter jeder nur denkbaren Berechnung. Diese „Arbeiter“ arbeiteten1 selbstverständlich nur höchst widerwillig, übten jede Art passiver Resistenz, taten alles und jedes, um nur der verhaßten Zwangsarbeit zu, eht gehen. Sie beschmutzten die Baracken, zündeten sie an, zerschnitten ihre Decken (was aber auch geschah, um sich die dringend notwendige Fußbekleidung zu verschaffen, die ihnen ihr „Arbeitgeber“ nicht lieferte), ja, es sind Fälle aktenmäßig festgestellt. wo diese gewaltsam auf ein tiermäßiges Niveau hinabgezwungenen Elenden sich künstlich Geschlechtskrankheiten beibrachten, um nur ins Krankenhaus Und aus der Sklaverei hinauszukommen. Infolgedessen war die Arbeitsleistung ungeheuer gering. Der dbm, Erdbewegung kostete schließlich bis zu 60 M. gegenüber einem normalen Durchschnitt von, 2 M. bis 2,50 M. Schließlich waren alle Betriebsleiter, alle fachmännischen Vorgesetzten die schärfsten Gegner der Zwangsarbeit und dankten Gott, wenn, sie nicht gezwungen waren, Zwangsarbeiterkolonnen aufzustellen, sondern freiwillige Arbeiter anwerben durften. Aber es bedurfte einer kolossalen Anstrengung — neben der Jüdischen Abteilung der Arbeiterzentrale, insbesondere seitens des jüdischen Referates in Oberost — um den militärischen Befehlshabern endlich eine Verfügung abzuringen, wonach die ZwangsarbeiterkoJonnen aufgelöst und) neue nicht!mehr gebildet werden durften. Immerhin blieben im Etappen- und Frontgebiet noch einzelne Zwangsarbeiterformationen bestehen, und bei dem1 späteren Vormarsch über die alte Linie haben die deutschen Militärbefehlshaber auch sofort wieder, z. Bin Minsk, zum mindesten den Versuch gemacht, durch Einführung der Zwangsarbeit Propaganda für Deutschland zu machen. Ich habe noch im Juli 1918 Zwangsarbeiterkolonnen auch im Gebiete Oberost gefunden und ihre Auflösung veranlaßt. Die Zwangsarbeit wurde ursprünglich gegen alle Bewohner des besetzten Gebietes angewandt, sie entwickelte sich aber allmählich immer mehr zu einer jüdischen Angelegenheit. Schließlich bestandien die Kolonnen allein aus Juden und wurden auch nur mehr Juden eingereiht. Die Gründe liegen in der deutschen Politik im besetzten Gebiet, die die für die Gründung der „Randstaaten“ in Frage kommenden Völker einigermaßen schonte und' um so rücksichtsloser glaubte, gegen das jüdische Voik vergehen, zu dürfen, und dann natürlich in dem Antisemitismus der Deutschen im allgemeinen und der deutschen Offiziere find Beamten im besonderen. Ich habe an anderen Stellen wiederholt ausgeführt, wie verräterisch diese Elemente an ihrem Vaterlande gehandelt haben, indem sie auch politisch absolut gebotene Rücksichtnahme auf das jüdische Volk ihren gemeinen persönlichen Instinkten opferten. Damals habe ich geglaubt, daß diese antisemitische Befangenheit in der Politik stich auf die Kreise beschränke, denen das deutsche Volk vor und in dem Kriege ausgeliefert war. Inzwischen habe ich gelernt, daß das demokratische und sozialdemokratische Regime, das heute Deutschland beherrscht, sich auch in diesem Punkte nur wenig von seinem Vorgänger unterscheidet. Im General-Gouvernement Warschau, wurde die Zwangsarbeit gegen Ende 1917 abgeschafft, 'aber die Erregung über ihre Furchtbarkeit zitterte noch lange in den Herzen der Bevölkerung nach. Die Betriebsleiter indeß konnten sich auch den freiwilligen Arbeitern gegenüber durchaus noch nicht freimachen von den Anschauungen und Methoden, an die sie sich unter der Zwangsarbeit gewöhnt hatten. Die Arbeitgeber waren entweder militärische Unternehmungen — die Militär General-Direktion der Eisenbahnen, die Militär-Eisenbahn- Direktionen, die verschiedenen Forstverwaltungen —, oder sie standen unter militärischer Kontrolle. Auf all diesen Betrieben herrschte mehr oder minder das Kriegsrecht in der korrupten Form, in der es im besetzten Gebiete und dem „Feinde“ gegenüber zur Anwendung kam. Undi alle diese Betriebe waren beherrscht von dem bis ins Cäsarenwahnsinnige gesteigerten Eroberergefühl der deutschen Gewalthaber. Die Bevölkerung galt als feindlich, als bar jedies Anspruches auf Recht und menschliche Behandlung. Was ihr an solcher gewährt wurde, war Entgegenkommen, das verdient werden 'mußte. Prinzipiell war die Bevölkerung verpflichtet, für die Eroberer zu arbeiten. Wer das nicht tat, machte sich strafbar. Von irgendeinem1 Vertrag war auch bei der freiwilligen Arbeit überhaupt keine Rede, und. wenn er vorhanden war, galt er als ein Fetzen Papier. Die Löhne waren enorm niedrig, 1,10—1,80 M. pro Tag bei sehr schlechter, (Kriegsgefangenen-) Verpflegung. Die Behandlung war schlimmer als die der Kriegsgefangenen. Mißhandlungen waren an der Tagesordnung find eine Entlassung fand überhaupt nicht statt. Die unglücklichen Familien dieser Arbeiter waren Monate und Jahre lang ohne jede Nachricht von ihnen, es sei denn, daß sie, was sdhr oft vorkam, als Krüppel, ohne jeden Anspruch auf Rente zurückkamen. Auf der anderen Seite aber bestand trotz allem bei der jüdischen wie bei der polnischen Bevölkerung eine sehr große Nachfrage nach 'Arbeit. Infolge der immer furchtbarere Dimensionen annehmenden Hungersnot blieb den Arbeitern und dem proletarisierten Mittelstand nichts anderes übrig, als Sich zur Arbeit zu melden, trotz der furchtbaren Mißstände, die herrschten. Das Angebot an jüdischen Arbeitskräften war immer viel größer als die Möglichkeit der Vermittlung, die Büros der Arbeiterzentrale waren dauernd mit Arbeit suchenden Juden überfüllt, die immer sehr froh waren, wenn ihnen eine Arbeit zugewiesen wurde und wenn sie nicht gezwungen waren, in das Elend der Hungersnot zurückzukehren. Besonders groß war immer das Angebot jüdischer Arbeiter für Deutschland. Gelernte jüdische Arbeiter allerdings meldeten sich bald nur mehr in geringer Zahl. Sie waren im wesentlichen bereits in Deutschland oder im besetzten Gebiete untergebracht. Um so größer war das Angebot an ungelernten Arbeitern, die massenweise kamen, um sich nach Deutschland vermitteln zu lassen. Denn wie immer auch die Verhältnisse in Deutschland lagen, so waren sie in der Regel doch noch weit besser als im besetzten Gebiete. Vor allem war in Deutschland — wenigstens in der Meinung dieser Leute — eine größere Freiheit, die ihnen gestatten würde, sich irgendeinem aussichtsreichen Erwerb zu widmen, wenn sie es mit der vermittelten Stelle unglücklich treffen sollten. Deutschland war und blieb während der ganzen Zeit der Besetzung für die überwiegende Mehrheit der Arbeitsuchenden das Dorado, nach dem sie (strebten. Sehr viel weniger beliebt waren die Stellen im besetzten Gebiete und das mit Recht. Ich war auf diese Verhältnisse aufmerksam geworden, als ich im November 1915 und Januar 1916, also sehr bald nach der Eroberung Polens im Aufträge des amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees in Polen weilte. Mir waren sehr starke Bedenken gegen das Hilfswerk