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Volk und Land · 1919-07-03 · Heft 27 (3.7.1919) · p. Seite 833-834

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 27 (3.7.1919)
Date
1919-07-03
Page
Seite 833-834 (sequence 5)
Language
German
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833 ..- - ..^.=■ - VOLK zurückgezogen und die Arbeiter ihrem Schicksal über, lassen hatte. Auch diese Vermittlung war natürlich durch die Deutsche Arbeiterzentrale erfolgt. Ihr System war einfach: Arbeiter nach Deutschland zu bringen. Ob sie geeignet waren und vvas später aus ihnen wurde, kümmerte die Arbeiterzentrale nicht, zum mindesten nicht die an werbender» Organe. So hatte diese Vermittlung ein furchtbares Elend der von ihr erfaßten Arbeiter zur Folge, der polnischen ebenso wie der jüdischen. Es waren ziemliche Mengen jüdischer Arbeiter herübergekommen, zuerst der größere Teil der verfügbaren und brauchbaren gelernten Arbeiter, also Schlosser, Schmiede, Tischler, Mechaniker usw. Vor allem aber über 10 000 ungelernte Arbeiter, denen es im wesentlichen überall in Deutschland so oder ähnlich erging wie den nach Oberschlesien vermittelten, von denen oben berichtet ist. Sie waren angeworben ohne jede Auswahl, wer immer sich meldete, kam herüber, ohne jede Rücksicht, ob die Arbeit für ihn passend war oder der Lohn so groß, daß dem Hauptgrund, der die Juden zur Auswanderung nach Deutschland trieb, Genüge geschehen konnte, nämlich daß sie ihre zurückgebliebenen Familien von ihrem Lohne ernähren konnten. Dem war in QO Prozent der Fälle nicht so und das Resultat war, daß die jüdischen Arbeiter höchst unglücklich, die Arbeitgeber aber sehr unzufrieden Waren. In Scharen brannten die Juden durch, kamen in die Großstädte, \vo sie mangels Aufenthaltserlaubnis bald mit der Polizei in Konflikt kamen, eingesperrt wurden, den Hilfsorganisationen zur Last fielen usw. Besser sah es um die gelernten jüdischen Arbeiter aus. Gelernte jüdische Arbeiter in Deutschland Unterzubringen, war immer leicht. Alle Firmen, die wirklich gelernte jüdische Arbeiter bekamen, waren fast ausnahmslos damit sehr zufrieden. Nicht so leicht war es, festzustellen, ob es sich in jedem einzelnen. Falle tatsächlich auch um gelernte Arbeiter handle. Zu Beginn ihrer Vermittlungstätigkeit hatte die Deutsche Arbeiterzentrale mehr oder minder unbesehen jeden sich Meldenden nach Deutschland geschickt. Es ergab sich sehr bald, daß die Angaben der Leute über ihren Beruf keineswegs immer stimmten, und daß bei einem sehr großen Teil der sich Meldenden die unrichtige Berufsangabe nur ein Mittel war, um aus der polnischen Hungersnot zunächst einmal nach Deutschland zu kommen, gleichviel wie und wohin. Infolgedessen waren die Arbeitgeber recht mißtrauisch geworden und erwies sich eine sehr genaue Prüfung aller sich meldenden gelernten Arbeiter als absolut erforderlich. Andererseits wurden gerade die hauptsächlichen Berufe der Juden in Deutschland nicht gebraucht, die Gewerbe der Bekleidungsbranche. Weder Schneider noch Schuster konnten unter den damaligen Verhältnissen in Deutschland Arbeit finden. So lag eine Möglichkeit, als gelernter Arbeiter nach Deutschland zu kommen, eigentlich nur für jüdische Schlosser, Tischler, Schmiede, Mechaniker und dergl. vor, In der Regel konnte jeder wirklich gelernte Arbeiter aus einem dieser Berufe ohne große Mühe und zu günstigen Bedingungen bei deutschen Firmen untergebracht werden, die, wie gesagt, im allgemeinen auch mit diesen Arbeitern durchaus zufrieden waren. Eigentümlicher- und bezeichnenderweise sind sehr viele jüdische Spinner und Weber aus Lodz in die deutschen Textilfabriken vermittelt worden, obwohl die Anwerbung ausländischer Arbeiter dieser Branchen mit Rücksicht auf das Ueberangebot von deutschen Arbeitern dieser Kategorien verboten war. Die Arbeitgeber schätzten die jüdischen Textilarbeiter besonders hoch und zahlten ihnen recht gute Löhne. Auf Grund der Erfahrungen mit der Masse der jüdischen (ungelernten) Arbeiter und mangels jeder tatkräftigen Einwirkung jüdischer Stellen — weder die UND LAND .--=■■■ T-.-.= 834 I deutsch-jüdischen Organisationen, noch das jüdische Referat bei der Zivilverwaltung in Warschau nahmen Einj fluß auf die ganze Entwicklung, sondern begnügten 1 sich mit einem höchst problematischen Einschreiten in Einzeliällen — wurde schließlich das bereits erwähnte Einlassungsverbot gegen ungelernte jüdische Industriearbeiter erlassen. Von da ab konnten Juden aus Polen I nur mehr als gelernte oder als Land- und Bergwerks- : arbeiter nach Deutschland vermittelt werden, indes die ca. 15 000, die sich bereits in Deutschland befanden, ' ein höchst unglückliches Leben führten.! Die polnischen Arbeiter blieben von diesem Verbot : verschont. Zwar ging es auch Ihnen sehr schlecht. Aber einmal waren sie schwere körperliche Arbeit mehr gewohnt als die Juden, dann aber, und das ist das Entscheidende, kamen sie aus einem viel tieferen : kulturellen Milieu, waren viel einfacher, Viel anspruchsi loser, ließen sich ohne viel Widerstand noch so schlechte I Bedingungen gefallen und befanden sich sogar wohl j dabei, indeß die Juden sich beschwerten und entliefen. | Den Polen war das schwerer gemacht, weil sie kaum i eine Verständigungsmöglichkeit mit der deutschsprachigen Umgebung hatten, indeß sich die Juden mit ihrem Ji- J disch überall zurechtfanden. Mit den polnischen Arbeitern | wurde der deutsche Unternehmer fertig, mit den Juden nicht. So sah es in Deutschland aus. Im besetzten Gebiete i war es noch schlimmer. Auch dort war ein großer Bedarf an Arbeitskräften, aber hier hatte man sich zunächst mit der Zwangsarbeit geholfen. Zwangsarbeit der Zivilbevölkerung war in Polen während des ersten Jahres, im Gebiete Oberost bis Ende 1918 und im Etappen- und Frontgebiet wohl bis zum Ende der Besetzung eingeführt. Die Zivilbevölkej rung wurde mit Gewalt zur Arbeit in der Landwirtj schaft, beim Eisenbahn-, Wege- und Hafenbau, im Wald- I betrieb, aber auch zur Anlage Von Schützengräben und Verschanzungen gepreßt. Ich selbst habe einen Fall beschwerdeführend behandelt, in dem es sich um eine Zahnärztin aus Pinsk handelte, der bei der erzwungenen Schanzarbeit im Schußbereich des russischen Feuers durch eine russische Granate der rechte Arm abgerissen worden war. (Die Dame konnte später nicht erlangen, daß ihr der Ersatzarm geliefert wurde, den ihr die deutsche Verwaltung zugesagt hatte, und wurde zudem noch vom militärischen Befehlshaber in Pinsk malträtiert, um von ihr einen Widerruf ihrer uns .gemachten Aussagen zu erzwingen). Die Aushebung zur Zwangsarbeit erfolgte in der brutalsten Weise, nachts aus den Betten heraus, Kinos wurden umstel: und die ganze Besucherschar abgeführt, Freikonzerte wurce.i veranstaltet und das ahnungslose Publikum zusammengetrieben und fortgebracht, Eltern wurden solange eingesperrt, bis ihre Kinder sich freiwillig aus Liren Verstecken heraus meldete» usw. Tausende junger Männer und Mädchen haben wochen- und monatelang in Verstecken, in Kellern usw. gelebt, um der Zwangsarbeit zu entgehen, die übrigens auch ein beliebtes Mittel zur Erpressung von Bestechungsgeldem war. Tatsächlich blühte unter ihr der Menschenhandel in der krassesten Form. Namenloses Elend wurde durch sie heraufbeschworen. Ganze Familien wurden zerr s:en ünd haben sich nie wieder zusammengefunden, viele Kinder, insbesondere junge Mädchen, sind spuros verschwunden. Ich habe Fälle erlebt, wie diesen^ wo eine Mutter ‘ ins Wasser ging, deren Mann, bis er zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, mit ihr in Wohlstand gelebt ha te, und die jetzt mit ihren Kindern in solches Elend gekommen war, daß sie sich tötete, um ihre Kinder zu Weisen zu machen und die öffentliche Wohltätigkeit zu zwingen, sich ihrer anzunehmen. Die Behandlung in der Zwangsarbeit war entsprechend dem ganzen System. Der Lohn war eigentlich nur fiktiv, bestenfalls so gering, daß er bei der miserablen Verpflegung allen-

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