Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 821-822 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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821 VOLK UND LAND =■ - - - 822 vorherrscht, sicher recht wenig. Innerlich gehen wir mit den sozialistischen Gruppen der Welt eine 'grolle Wegstrecke gemeinsam. So sind wir für Ausschaltung des Großgrundbesitzes in Palästina, für selbstarbeitende Kolonisten und Bauern, und diesen Standpunkt vertreten wir nicht erst seit der Revolution, sondern, unbeeinflußt von der sozialistischen Bewegung, aus dem Gefühl der sozialen Gerechtigkeit. Wir trennen uns i nur dort von den Sozialisten, wo es sich um das; jüdische Gemeinwesen handelt. Wo es sich darum handelt, müssen wir alle Meinungen hören, ob sie i für die Besiedlung Palästinas förderlich sind oder nicht. Wir können unmöglich diea llgemeine Norm auf stellen. Palästina muß sozialistisch aufgebaut werden, ein anj derer Aufbau kann nicht zugelassen werden. Denn dann j wären wir unehrlich. Wir würden nicht beachten, wie j sehr wir vielleicht noch der Privatinitiative und des j Privatkapitals zum Aufbau bedürfen werden. Und es! wäre inkonsequent, einen solchen Aufbau dann noch j sozialistisch zu nennen. Wir können nicht zu gleicher j Zeit zwei Herren dienen, dem Nationalismus und' dem j Sozialismus. Entweder man ist Nationalist oder Sozialist, j und dann muß man konsequent sein. Als Sozialist! muß mani mit den anderen mitgehem und kein palästinen- , sisches Experiment lösen wollen; als Nationalist, Zionist muß man nur an den Aufbau Palästinas denken und die Zionisten nicht am Hereinkommen hindern, welcher Art die Einwanderer auch seien. Glauben Sie vielleicht, daß die sozialistischem _Staaten je Geld hergeben 'würden für den Aufbau eines palästinensischen Gemeinwesens? Die jüdische Frage kann nur von Juden gelöst werden. Und glauben Sie, daß man in Palästina den Aufbau gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit, der Nichtsozialisten machen könnte? Wir glauben das nicht. Wenn Ihnen Ihr Sozialismus höher steht: wir Zionisten können nur sagen, wir sind! in jedem Falle für Palästina. Doch wir wollen den Sozialismus nicht so leicht abtun; wir wollen die sozialistischen Forderungen diskutieren. Auch wir sind wie gesagt unbedingt für Ausschaltung des Bodenwuchers und des Großgrundbesitzes. Aber wir sind dafür, daß dem Privatkapital und der Privatinitiative in den nächsten zwanzig Jahren zunächst einmal freier Spielraum gelassen wird aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen. Denn denjenigen, die hier in Europa zu leitenden Stellen und zur Selbständigkeit gelangt, die so weit sind, daß sie sich in Palästina ansiedeln können, denen muß zunächst die Möglichkeit der Ansiedlung gegeben werden. (Zwischenruf: Den andern aber auch!) Die Ansiedlung der anderen bleibt natürlich mit die wichtigste Aufgabe. Wenn Sie Forderungen aufstellen wie die Nationalisierung des Bodens und Abgabe nur an Pächter, So stehe ich auch auf diesem Standpunkte. Aber ich sage, ehe man diese" Prinzipien aufstellt, bedarf es der Zeit; es müssen auch bäuerliche Mittelbetriebe zugelassen werden. Ihre weiteren Forderungen der Verstaatlichung des Verkehrswesens nehmen wir ohne weiteres an. Ebensowenig ist über den Arbeiterkollektiv-Vertrag zu reden. Eine andere - Frage ist die Einführung von Produiktivgenossenschaften. Ich persönlich bin für die umfangreiche Einrichtung kleiner bäuerlicher Betriebe. Die Produktivgenossenschaften wollen auch kleine bäuerliche Betriebe schaffen. Werden die Arbeiter nicht ebensogut vorgebildet werden, wenn sie einige Jahre bei Kleinbauern lernen ünd dann angesiedelt werden? Wir können den Zionismus nicht mit Sozialismus verbinden. Denn Sozialismus ist bis jetzt noch Theorie. So die Produiktivgenossenschaften und vieles andere. Wir wollen sehen, ob diese Theorie sich in die Praxis umsetzen lassen wird. Wir sind für alles, 'was uns vernünftig und wirtschaftlich erscheint; aber von vornherein zu sagen, wir wollen Palästina sozialistisch aufbauen, das ist eben die Krankheit des Sozialismus. Er fragt nicht, ob seine Ideen ausführbar sindj, er verläßt den Boden der Wirklichkeit, auf den wir uns aber stellen müssen. Wir können also die Forderung nach Produktivgenossenschaften nicht annehmen, sondern wir sind für eine breite Ausdehnung des klein- und mittelbäuerlichen Besitzes, und eine Ausbildung der Arbeiter dort. Daneben wohl kann man versuchen, Produktivgenossenschaften zu errichten, aber in einem Umfange, daß sie keinen Schaden tun. Wie das gemacht werden kann, darauf will ich in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen. Dr. Strauß nimmt die kleinbäuerliche Siedlung als Grundlage an für den Aufbau des Landes überhaupt, eines sozialistischen Landes. Aber wir dürfen bei all dem nicht vergessen, daß wir vor allem ein jüdisches Palästina erstreben. Wir müssen un9 richten nach den Schriften der Propheten, durch die schon ein sozialistischer Geist weht. ' In diesem Sozialismus sahen sie die Grundlage für das ganze Judentum. Ich weiß .nicht, wie sich das Judentum in Palästina entwickeln wird, ich weiß nur, daß wir sehr viel werden arbeiten müssen. Aber wir dürfen keine Prinzipien aufstellen von „rein-sozialistischen Aufbau des Landes“; denn damit tragen wir den Klassenkampf hinein. Dieser Klassenkampf hat schon begonnen mit der Ausbreitung des Hapoel-Hazair in Palästina, der eine Kluft herbeiführte, die sich durch schwere Auseinandersetzungen nicht überbrücken ließ. Aber wir müssen in den nächsten Jahren geschlossen gemeinsam vergehen, und dürfen gar keine Zeit haben zur Aufstellung von Prinzipien. So haben wir es in Palästina getan. Wir haben immer gearbeitet, ohne im Zentrum der politischen Diskussionen zu stehen, und jeder hat seine Pflicht getan. Undi das ist es, was wir Palästinenser hier in Deutschland von euch verlangen: daß Ihr euch gründlich auf euren Beruf vorbereitet, hebräisch lernt und einen Teil des altjüdischen Geistes mitbringt. Denn arbeiten, nichts als arbeiten werden wir müssen in Palästina^ Leo Kaufmann: Es wird oft gefragt, warum wir in der Hechaluz- Bewegung eine so wichtige Angelegenheit sehen, die zentrale Bedeutung für Palästina haben soll. Da müssen wir uns zuerst eines bewußt werden, daß wir in einem Augenblick stehen, in dem sich noch nichts übersehen läßt. Und daß gerade auf unserer Zeit eine Verantwortung liegt, wie noch auf keiner andern. Und warum ist dieser Zeitpunkt für uns Juden so schwer? Es ist wohl so, daß. sich das Leben eines Volkes gestattet aus zwei Faktorenreihen. Denn jedem sich seines Wesens bewußten Volkes steht bewußt oder unbewußt, ein Vorbild vor der Seele, nach dem sich zu richten und sein Sein in der Außenwelt zu verwirklichen sein Streben ist. Aber da stößt das Volk in der Außenwelt auf Hemmungen. Ihre starren Formen sind dem Verwirklichungswillen des Volkes unüberwindlich. Es gibt eine Zeit, wo diese Gegenkraft der Außenwelt so stark ist, daß der Wille des Volkes, sein Leben auszuleben, sich nicht durchsetzen kann. Und diese Zeit war für das jüdische Volk die furchtbare Periode von 2000 Jahren der Diaspora. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, die starren Formen der Außenwelt sind flüssig geworden. Das ist der große, der schwere Augenblick, in dem wir stehen, daß wir die Möglichkeit haben, in Palästina das Leben des jüdischen Volkes wieder zu verwirklichen und mit voller Klarheit die Schwierigkeiten des Gelingens dieses Planes sehen. Wohl ist der Schwere etwas genommen durch die großen diplomatischen Erfolge, die wir gehabt haben. Aber diese Erfolge können uns Palästina nicht zu einem jüdischen Lande machen; sie können uns nur den Boden geben, die Grundlage dazu. Das jüdische Palästina kann uns nur werden durch die lebendige Arbeit jüdischer Menschen, das ist der einzige Weg zur Verwirklichung unseres Ideals. Es