Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 817-818 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 818 817 Bei allen Erörterungen muß man davon ausgehen: „Was entspricht dem jüdischen Geist? Was wird dem Geist und der Kultur derjenigen entsprechen, die das Land aufbauen?“ Ich will versuchen Ihnen darzulegen wie sich, von unserem Standpunkt aus gesehen, die Dinge zeigen. Zunächst die Frage der Nationalisierung des Bodens. In der Diskussion über diese Frage ist in der Rundschau von nichtzustimmendier Seite betont worden, daß grundlegende prinzipielle Differenzen im Zionismus nicht vorhanden seien. Die Tendenzen gehen dahin, Spekulation und Wucher auszuschalten. Ich glaube, daß dieser Gedanke, soweit er zionistisch ist, auch misrachistisch ist, daß wir alles bekämpfen müssen, was zu Wucher führen kann. Ich persönlich glaube, daß man noch weiter gehen muß. Nicht nur um Wucher und Spekulation auszuschalten, wollen wir die Nationalisierung des Bodens, sondern weil sie einer Tendenz entspricht, die wir als jüdisch bezeichnen .müssen. Es wird m. E. bei der Begründung, die hier für die Nationalisierung des Bodens gegeben ist, ein wichtiges Argument Vollkommen übersehen, und ich habe gerade dieses 'Argument bei Sternberg sehr verwünscht. Es ist die Frage der Jobeljahrgesetzgebung. Sie hatte neben der Wirkung, daß sie jeden Bodenwucher ausschließt eine viel weitgehendere, nämlich die, daß jemand bei Durchführung dieses Gedankens niemals gegen seinen Willen landlos sein könnte. Wenn sie durchgeführt würde, könnte es nicht geschehen, daß jemand seinen Eltern wird Vorwürfe machen können* daß sie ihn besitzlos an Grund gfeimacht haben. Auch wer in einer wirtschaftlichen Notlage seinen Boden verkauft hat, kann dann nicht völlig ohne Grundbesitz sein. Ünd diese Wirkung wird, wie ich glaube, durch keine andere Möglidiktit erreicht weiden k n ea. Wohl k nn durch andere Möglichkeiten Bodenwucher ausgeschlossen, cs kann aber niemals erreicht werden, daß jemand gegen seinen Willen landlos wird. Wenn wir sagen, daß war früher auch nicht möglich, so ist dies m. E. ein Streit um Worte. Es fehlte jedem die Möglichkeit, über diesen Besitz zu verfügen und die Tendenz wird hinreichend charakterisiert durch die Worte der Bibel Gott sprach: „Mein ist das Land.“ Es gibt also kein „Privateigentum“, das oberste Recht am Boden steht Gott zu. Wenn heute das ganze Volk in einem Zuge nach Palästina käme und wenn an diese Generation der Grundbesitz “verteilt würde und man sich weiter fortentwickelt, so würde niemand landlos sein. Heute, wo wir in Etappen herüberz ehen, werden wir, wenn die Verteilung nach Eigentumsgrundsätzen geschieht, dieses Ergebnis nicht erreichen. Nur wenn das ganze Volk das Eigentum an Grund Und Boden übermmünt und die Verteilung auf Grund der Erbpacht vor ach geht, wird erreicht werden können, daß der Boden Eigentum des Volkes ist und so die Nationalisierung des Bodens durdhgeführt wird. Wir haben dann eine Agrarpolitik im Sinne des jüdischen Gesetzes erreicht. Ueber die Fragen, die uns Dr. Strauß vorgetragen hat, habe ich noch Einiges zu sagen. Ueber diese Fragen kann es ein festes Programm noch nicht geben. Es ist nicht alles damit getan, daß wir hier Institutionen schaffen, sondern wir müssen uns schlüssig werden über den G e i st des Aufbaus. Wir müssen so aufbauen, daß es einen Klassenkampf nicht geben darf. Wir sehen, daß es in dem ganzen hebräischen Sprachschatz kein Wort für Mildtätigkeit gibt, daß das Wort „Zedakah“ gleichlautend ist mit Gerechtigkeit. So ergibt sich die Tatsache, daß alles, was wir tun, nur gerecht geschehen muß. Alle unsere Vorschriften sind tatsächlich in diesem Geist gehalten, unsere ganze Gesetzgebung zeigt sich in diesem Sinne. Wenn wir die Pflichten, die uns das Gesetz auferlegt, betrachten, so sehen wir, daß die Pflicht/zur Arbeit besteht, daß die Arbeit ein Befehl ist. Ich könnte Ihnen noch mehr in diesem Sinne sagen und Sie werden mir; glauben, wenn ich sage, wollen wir ein Gemeinwesen! im Sinne des Misrachi erreichen, so muß es im Geist j der sozialen Gerechtigkeit geschehen. S. Dyk: Sehr geehrter ©elegiertentag, auch ich will nichts gegen das Referat von Strauß sagen, denn dagegen zu sprechen, ist undenkbar. Nur möchte ich andere Wege als er anwenden, welche die durch die schrankenlose freie Konkurrenz bedingte ökonomische Krise ab wenden. Ich meine daher, man muß vorläufig noch das Private der Gemeinschaft überprdnen. Doch nicht die wirtschaftlichen Krisen sind das Problem des Sozialismus, sondern die Konstitution des Erwerbs einer wirtschaftlichen Gesellschaft unter den Mitgliedern der Gemeinschaft. Das ist das Problem des Sozialismus. Die wirtschaftlichen Krisen und die individuelle Produktionsweise a's Tatsache der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind so unhaltbar, daß sie unbedingt mit der Verwirklichung des Sozialismus beseitigt werden müssen. Der Sozialismus erstrebt die Beseitigung aller Ausbeutung. Er erstrebt eine Gemeinschaft, in der nicht das Geld das Wertmaß sein soll, sondern die Art der Arbeit selber, die für sich allein für den ökonomischen Erfolg sorgen wird. Keiner soll das 'Recht haben auf den Ertrag der Arbeit anderer, aber es soll auch keine Gleichmacherei stattfinden im sozialistischen Ztikunftsstaat. Jedem das Seine, das ist das Schlagwort des Sozialismus. Denn er will ein in Freiheit lebendes Volk. Um dieses Ziel des Sozialismus zu erreichen, muß man sich, glaube ich, nach Marx^ dem Vater des Sozialismus, richten. Er sagt, daß der Sozialismus eine geschichtliche Kategorie ist. Nicht plötzlich durch Proletarisierung und Klassenkampf kann man den Sozialismus Wirklichkeit werden lassen, sondern allmählich nur kann er gedeihen in der Sonne des Wachstums, in der Erziehung zum sozialistischen Geist. Und dieses Wachstum muß ein langsames sein, das hat Marx vorausgesagt, und wie vieles in der Praxis eintrjtt, wie er es vorausgesagt hat, so auch dieses. Die Erziehung der Menschen zum sozialistischen Geist kann nur allmählich vor sich gehen, sie muß Generationen umfassen, das unterliegt wohl keinem Zweifel. Denn nicht alle Menschen sind sozialistische Ethiker wie Dr. Strauß. Das aus der Theorie; jezt zur Praxis. Ich will dasselbe Beispiel wählen, wie Dr. Strauß es uns als Ideal einer sozialistischen Gemeinschaft darstellt: Die Kommune Dagania. Wenn ich an sie denke, so frage ich mich, ob es wirklich möglich sein wird, während in aller Welt der Kapitalismus herrscht, Palästina sozialistisch auifzuibauen, gleichsam als Insel im großen wilden Ozean. Besonders, was werden die andern Staaten dazu sagen, z. B. England oder der Mandatarstaat? Glaubt die Linke etwa, die kapitalistische Welt durch Worte für den Sozialismus zu überzeugen? Durch Klassenkampf kann sie es möglicherweise erreichen, aber durch Worte nie. Die Kapitalisten werden sich niemals so überzeugen lassen. (Zwischenruf: Auch nicht, wenn sie Zionisten sind?) Auch dann nicht. Ich bin demnach für eine allmähliche Aufhebung der Gegensätze, für ein sozialistisches Volkstum. Die sozialistische Gemeinschaft kann jetzt noch nicht drüben gedeihen. Denn jedem ist das Hemd näher als der Rock. Deshalb sehe ich nicht den Sozialismus als die wichtigste Aufgabe in Palästina, sondern man soll zuerst einmal ruhig produktives Kapital arbeiten lassen, wohl aber unproduktives nicht zulassen, sondern zum Gemeinwohle verwenden. Doch nun will ich das schildern, wo die sozialistische Tendenz ausgebaut in Anwendung gekommen ist; ich komme zum Ideal unseres Dr. Strauß, zu Dagania: Was für die Linke größtes Glück bedeutet, erscheint