Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 815-816 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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815 umgerechnet, würde das besagen, daß 10 300 gelernte und 21 000 ungeierte Arbeiter ein Jahr lang bei diesen Arbeiten Beschäftigung finden könnten. Für die Hafenbauten läßt sich die Zahl der Arbeiter für ein Arbeitsjahr ungefähr auf 3000 gelernte und JO 003 ungelernte Arbeiter schätzen. Es würden so mit, wenn wir für den Bau des Telephon-Netzes noch einige hundert gelernte Arbeiter hinzurechnen, für alle verkehrstechnischen Arbeiten etwa 15 500 gelernte und 31 000 ungelernte Arbeiter während eines Jahres erforderlich sein. Man muß natürlich diese Eisenbahn- und Wegebauten auf viele Jahre verteilen. Nehmen wir den Fall an, 'daß man das Eisenbahn- und Wegenetz mit 65 Millionen Frcs. Kosten in fünf Jahren baut, so kommt heraus, daß etwa 0000 bis 10 000 Arbeiter jährlich während fünf Jahre Beschäftigung finden. Nun gibt es ja noch andere öffentliche Arbeiten wie Hafenbauten, Irrigationen, Bewässerungen, Ueberlandzentrale usw. Hierfür will ich noch zweimal soviel Arbeiter annehmen, aber auch dann erhält man immer noch nicht mehr als 30 000 jährlich. Was geschieht, wenn diese nach einem. Jahr Weggehen müssen, weil neue Einwanderer kommen? Jetzt wird die Frage kritisch. Haben wir für die Weggehenden nicht in Industrie usw. neue Möglichkeiten, so haben wir nichts erreicht. Dann werden diese Leute entweder als Arbeitslose auswandern oder auf unserer Gemeinschaft lasten. Außerdem' ist zu beachten, daß öffentliche Arbeiten große Mittel erfordern. Ich glaube, daß bei öffentlichen Arbeiten die ungelernten Arbeiter größtenteils junge Leute ohne Familie sein werden, und daß nur die gelernten Arbeiter von ihrem Lohne auch ihre Familie werden erhalten können. Ich habe gerade gestern einen Brief aus Palästina erhalten, aus dem' hervorgeht, daß die besten Fachleute dort meine Einwandererziffern noch für zu optimistisch anseheu. Wir sollen Maximaüsten in unseren. Arbeiten drüben sein, aber nicht in unseren Warten und Versprechungen hier. Nun sagt man, im Osten stehen so große Massen zur Auswanderung bereit, daß wir diesen Strom nicht werden hemmen können. Es ist möglich, daß unser bester Wille, die Auswanderung zu regeln, vergeblich sein wird. Aber man soll doch so ganz und gar sich von den Erscheinungen des Tages nicht beeinflussen lassen. Man darf nicht vergessen, daß auch Rußland ein großes Auswanderungsgebiet für die Juden geworden ist. Die Beschränkungen der zaristischen Regierung sind aufgehoben, und' es gibt Gebiete, w|» jetzt Juden wohnen können, und wo sie sicher ein Tätigkeitsfeld finden werden. Man muß damit rechnen, daß die reichen Juden Schwierigkeiten haben werden, ihr Vaterland zu verlassen, und wenn in ein bis zwei Jahren die politischen Verhältnisse beruhigter sein werden, wird auch die Auswandererzahl abnehmen. Ich hoffe doch, daß man in dieser Hinsicht regulierend und verteilend wird wirken körinen. So insbesondere unsere Freunde von der äußersten Linken. Sie wollen für Kapital und Unternehmer in Palästina das Grab schaufeln, glauben aber nicht, daß die Unternehmer es dann vorziehen würden, Palästina zu meiden. Audi die, die ä tont prix den ganzen Boden nationalisieren wollen, haben keinen realen Boden unter den Füßen. Die Nationalanleihe mit 1 oder P/2 °/o Verzinsung — eine höhere ist bei 4y2 prozentigen Schuldverschreibungen unmöglich — wird nicht viel mehr als die Nationalfonds Sammlungen bringen, und alle wahren Freunde der Bodennationalisierung, zu denen ich auch gehöre, sollten in erster Linie für den Nationalfonds werben. Ich glaube nicht, daß die amerikanischen Millionen für die Nationalisierung des Bodens gegeben werden. Ich bin also nicht so optimistisch in der Kapitalfrage wie andere, glaube aber doch', daß wir die nötigen Kapitalien erhalten werden, wenn: wir auf der allein erprobten kapitalistischen Grundlage kolonisieren. Was die Kosten der landwirtschaftlichen Kolonisation anbetrifft) so darf ich» wohl die Diskussion in „Volk 816 und Land“ als bekannt voraussetzen. Obwohl Oettingers Buch schon vor drei Jahren erschienen und von ersten Fachleuten glänzend begutachtet wurde, hat es offenbar bis vor wenigen Monaten niemand gelesen. Wenn jemand -1 [- 53 addiert, dann darf wohl auch ein Laie diesen Fehler korrigieren. Wenn Dr. Auerbaeh darüber Sachkundige entscheiden lassen will, so ist das ja seine Sache. Aus Oettingers Aufstellungen ergibt sich nach Richtigstellung seiner Rechenfehler, daß ein Kolonist bei 5000 Frcs. Anlagekapital nach Abzug von Zinsen und Amortisation 1518 Frcs. Reinertrag hat. Ich habe mich von dem Erfolg der letzten Jahre nicht zu sehr bestimmen lassen. Sie ermöglichen uns unsere Arbeit, aber diese ist damit noch nicht getan. Unsere Arbeit ist schwer und langsam und erfordert alle Kräfte. Wir sollen nicht mutlos werden, daß Palästina uns nicht gleich und ohne alle Mühe in den Schoß fällt, und wenn wir inn Lande nicht ohne unser Z'Utun unser Brot finden. . Ein solches Palästina würde für unser Volk' nicht den Wert haben, wie das, das wir durch unsere Arbeit selbst schaffen und bauen. (Am folgenden Tage.) Zu den Ausführungen des gestrigem Abends möchte ich folgende Erklärung abgeben: Ich habe mit Dr. Chamitzer gestern Abend die Broschüre nochmals durchgesehen. Meine gestrige Erklärung reichte nicht zur Lösung der Widersprüche im Wortlaute des Textes hin. Der Wortlaut des Textes gibt Herrn Dr. Chamitzer recht. Sachlich glaube ich, daß Oettinger recht hat, aber ich bin nicht imstande zu sagen, wie er zu diesem1 Fehler gekommen ist. Ich werde an 'Oettinger schreiben und ihn um Aufklärung bitten und bitten, die Sache noch offen stehen zu lassen. Ich habe gestern bereits gesagt, daß das Buch von Oettinger seinen Wert besitzt und Dr. Chamitzer hat mir dies auch bestätigt. Ich verlange, daß man über die Frage, ob Oettinger sich geirrt hat, nicht eher debattiert, als bis er dazu Stellung genommen hat. ■ Zu den Referaten Dr. Stennberg und Dr. Strauß. Dr. Arnold Barth: Ich hoffte, als ich die Referate heute Vor- und Nachmittag angezeigt fand, daß es mir möglich sein würde, meine Zustimmung zu äußern, und es tut mir leid, daß ich zunächst statt dessen mit einer grundsätzlichen Entgegnung beginnen muß. Es ist nämlich meines Erachtens ein nicht zu begreifender Fehler gemacht worden. Wir haben von keinem der ^beiden Redner gehört, wie diese Dinge zu jüdischen Grundsätzen stehen. — Man wird mir sagen, das sei eine Frage des Misrachi, der auf dem Standpunkt der jüdischen Gesetzestreue steht, aber ich muß sagerg daß diese Betrachtungsweise eine sehr oberflächliche ist. Selbst wenn man auf dem Standpunkt der Anderen 'steht, so kommt mam über die Tatsache nicht hinweg, daß unsere Gesetze und unsere alten Bräuche diejenige Kultur sind, von der wir wissen, daß ‘sie eine jüdische war. Gerade wenn man von dem Gedanken ausgeht, daß es sich nicht um ein Gottesgesetz handelt, muß man wissen, daß es sich um einen Ausdruck des Volksgeistes handelt, und daß all diese Prinzipien typisch jüdische sind. Der Ausgangspunkt beider Referate hätte sein müssen: „Sind wir uns alle klar, daß die Fragen der Bodenpo’itik und Wirtsrh-aftspoli ik jüdische Fragen sind?“ An einigen Punkten des Referates von Dr. Strauß hatte ich die Hoffnung, daß nun diese Fragen berührt werden würden. VOLK UND LAND