Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 813-814 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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813 VOLK UND LAND 814 Dr. Chamitzer abtreten, das kommt daher, weil er das Buch nie genau gelesen hat. Oettinger gibt sechs Typen landwirtschaftlicher Ansiedlung und Dr. Chamitzer wirft ihm vor, daß er die Erträge der Viehzucht nicht in die Erträge der Landwirtschaft mit aufgenommen habe. Wenn man den Dingen auf den Grund gegangen wäre, hätte man festgestellt, daß bei Typ 1—2 Oettinger diese Erträge tatsächlich angenommen hat. Jedoch kann man bei der landwirtschaftlichen Buchführung auch folgendermaßen verfahren: man bestimmt z. B. eine bestimmte Fläche für Ackerbau. Die Erträge dieser Fläche setzt Oettinger nicht an, doch wir sehen, daß bei der Einsetzung der Erträge der Milchwirtschaft tatsächlich so eine Vereinigung der Erträge von Ackerbau und Milchwirtschaft entstanden ist. Man kann in der Buchführung beide Wirtschaftszweige getrennt aufführen, kann sie aber auch .vereinigen und diesen Weg hat Oettinger bei Typ 1—2 gewählt. Er hat hier den Ackerbau nicht in besondere Anrechnung gebracht, sondern beides zusammen veranschlagt. Bei «Typ 3—6 bewirtschaftet der Bauer nicht eine besondere Fläche für Ackerbau, sondern er hat den Ertrag der Milchwirtschaft dem Getreidebau gutgebracht und ist zu dem1 Resultat gekommen,, daß die Endzahl bei Typ 3— 6 nicht mehr bringt .als bei Typ 1—2. Er hat sich gesagt, wenn ich für die Milch so viel bekomme, ohne etwas zu verdienen, bekomme ich für das Futter so viel mehr. Er hat hohe Beträge herausgebracht, weil er den Futterbau berechnet und hat bei Typ 3—5 keine Beträge bekommen. — Nun sagen die Herren, er hatte doch bei Typ 3—4 deswegen Beträge für Vieh eingesetzt. Diese Angaben beziehen sich auf das Arbeitsvieh und Herr Trietsch hätte wissen müssen, daß man in Palästina Arbeitsvieh braucht. Ich kann nur sagen, daß das Buch von Oettinger für mich eines der besten Bücher der Kolonisationsliteratur ist. Er steht in seiner Methode höher als alle andern und bietet wertvolle Anregungen. — Nun wird heute die Geschichte von Herrn T rietsch so dargestellt, als wenn hier „eine organisierte Schar disziplinierter Nichtwisser“ sich dazu verschworen habe, seine Anregungen der Welt nicht zugänglich zxi machen. Dies ist nicht so. Herr Trietsch hat sehr viele gute Ideen, aber auch sehr viel schlechte, die nicht ausführbar sind. Es gibt eine Unzahl Leute, die in der Welt nur das Günstige sehen. Ich will nicht sagen, daß mir diese Leute nicht lieber sind, als die Schwarzseher, aber in der Kolonisation darf man weder ausschließlich das Günstige noch ausschließlich das Ungünstige sehen. Der richtige Kolonisator wird neben einer voraussehenden Phantasie auch genug Wirklichtkeitssinn haben, umi die Zukunft richtig vorauszusehen. Wenn Herr Trietsch in einer Fachzeitschrift eine Notiz liest, so glaubt er sie anwendbar für die Kolonisation in Palästina. Ich verweise nur auf Sonnenmotoren und Karawonika - Baumwolle. Herr Trietsch hat nicht genug kritischen Sinn. Das alles läßt mich aber nicht verkennen, daß in vielen seiner Vorschläge Wertvolles steckt, doch werde ich mir immer Vorbehalten, wenn es notwendig ist, zu kritisieren. Der Erfolg dieser Dinge ist, daß wir viel zu viel Kolonisationsliteratur und zu wenig Kolonisation haben und mich diese Debatten nicht wie geführt von einer Organisation zur Kolonisation Palästinas anmuten, sondern wie von einem Verein zur Beschaffung von Literatur zur Kolonisation Palästinas. All dies zwingt auch mich, Bücher zu schreiben, nicht weil es mir unbedingt Bedürfnis ist; sondern weil ich' zu1 vielem Stellung nehmen , muß. Diese ganze Debatte und dieser ganze Palästina- Delegiertentag sind daraus entstanden, daß Herr Trietsch die Einwanderung in Palästina mehr beschleunigen'möchte als Lichtheim in seinem Referat. Ich will feststeßen, daß die Ziffern, die Lichtheim' in seinem Referat benutzt hat, von mir zu einer Zeit festgestellt worden sind, wo man die Situation noch nicht so klar übersehen! konnte wie jetzt, sie gehen aber doch schon von der! Voraussetzung aus, daß Palästina für die jüdische Ein- | Wanderung und Entwicklung freigegeben ist, und man i auch die politische Lage schon übersehen kann. Nun j ist es meines Erachtens überhaupt eine gefährliche und | unmögliche Sache, über die zukünftige Einwanderung jetzt bestimmte Zahlen vorauszusagen. Ich habe, als ich diese Zahlen aufstellte, gar nicht den Propheten spielen wollen, der sagt: „So und so viel Einwanderer können nach Palästina kommen". Ich wollte Ihnen ein konkretes Schema zeigen, wie sich die Dinge gestalten werden, welche Kapitalien man dafür nötig hat üsw. Ich habe die Ziffern aufgeste.lt, die mir wahrscheinlich schienen, aber ich sage durchaus nicht, daß diese Ziffern richtig sind. Sie können zu hoch sein oder zu niedrig; beides ist möglich. Indem man den Kampf um diese Zahlen begann, hat man meines Erachtens die ganze Diskussion in eine falsche Richtung gelenkt. Man hätte nicht sagen sollen, es können 100 000 oder 200 000 Juden einwandern, sondern ich sehe noch diese und jene Existenzmöglichr keit. die In der Aufstellung nicht berücksichtigt ist. Ich gehe nämlich von der Voraussetzung aus, daß so viel Juden einwandem können, als dort Existenzmöglichkeiten finden. Will man die Ziffern erhöhen und beweisfe-n, daß mehr Juden in Palästina leben können, so muß man mehr Existenzmöglichkeiten nach weisen. Dies ist für Industrie und öffentliche Arbeiten sehr schwierig. Auch liegt es daran, daß der jetzige Delegiertentag zu einer falschen Zeit einberufen ist. Wir wissen nichts über die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen, die Zolltarife usw. unserer Kolonisation, um für die Industrie Rentabilitätsberechnungen aufstellen zu können. Aber nehmen wir an, daß alle diese Dinge zum' Besten auslaufen, daß wir alles im unsere Hände bekommen, und daß wir auf die Gestaltung der Zolltarife Einfluß gewinnen, so würde es immer noch die Aufgabe derer sein, die die Einwanderungsziffem zu niedrig finden, Existenzmöglichkeiten für mehr Einwanderer zu schaffen. Herr Trietsch schlägt die Kakao-Industrie vor. Man muß das Urteil Sachverständiger über die Möglichkeit einer' solchen Industrie einholen. Ich habe es getan und gesehen, daß diese Dinge nicht so glatt gehen, wie man es in Vorträgen oder Broschüren klarlegt. In „Volk und Land" gibt Herr Trietsch die Ziffern der Einwanderung von 300000—40000 Juden für das nächste Jahr an. Das ist eine Zahl, die kaum hinter der zurückbleibt, die man für die Einwanderung in die Vereinigten Staaten annimmt, die in bezug auf Größe und Entwicklung der Industrie in keinem Verhältnis zu Palästina steht. Ich halte eine solche Einwanderung für Palästina, wo Industrie und andere Erwerbsmöglichkeiten erst geschaffen werden müssen, für undenkbar. Auch in bezug auf Landwirtschaft, auf Preis und Ertrag des Landes ist Herr Trietsch zu optimistisch. Man muß bei allen diesen Dingen beweisen können, ob sie für Palästina passend, und konkurrenzfähig werden, ob sie sich bewähren, und welche Anzahl von Einwanderer sie dauernd zu ernähren vermögen. Genau so ist es mit den öffentlichen Arbeiten. Es ist falsch, wenn man glaubt, durch öffentliche Arbeiten Hunderttausende ansiedeln zu können, Oeffentliche Arbeiten haben den Wert, den Juden, die frisch nach Palästina kommen, das Einleben zu ermöglichen. Der Jude lernt dort, über die ersten Schwierigkeiten im neuen Lande hinwegzukommen. Aber die öffentlichen Arbeiten bieten für die dauernde Ansiedlung von Massen keine Möglichkeiten. Ich habe von dem Erbauer der Hedschasbahu, Meißner Pascha, ein Gutachten erhalten, wneviel Leute bei Eisenbahn- und Wegebauten beschäftigt werden können. Es werden hiernach für die projektierten Eisenbahnen von 324 km Länge und Wegebauten von zirka j 655 Millionen Francs Baukosten etwa 3100000 Arbeits- I tage gelernter und 6 300 000 Arbeitstage ungelernter | Arbeiter erforderlich sein. Auf ein Jahr von 300 Tagen