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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 801-802

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 801-802 (sequence 21)
Language
German
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801 VOLK und LAND 802 Reich hat aus seinen Erfahrungen mit der Zentralisation während des Krieges die Konsequenz gezogen Und das zu Beginn der Demobilmachung ins Leben tretende Reichsverwertungsamt nach dem Prinzip weitgehender Dezentralisation aufgebaut. Ich glaube sagen zu dürfen, daß das Ergebnis katastrophal war. Die Geschäftsführung zerflatterte sehr bald und die Kontrolle einerseits wurde illusorisch, während andererseits die Schwerfälligkeit der Maschine kaum verringert war. Ziehen wir die Schlußfolgerung und vermeiden wir es, bereits mißglückte Experimente zu wiederholen. Die Aufgabe der Baumaterialb'eschaffung ist heute ungeheuer schwer und kann nur unter geschicktester Bearbeitung des gesamten Weltmarktes gelöst werden. Dazu ist nur der freie Handel befähigt. Unterstützung des Handels. Wenn das Bauamt an der Lösung dieser äußerst wichtigen Aufgabe mitzuwirken berufen ist, so soll es den Handel mit Anregungen und Rat unterstützen, eine Pflicht, die im Interesse des Gelingens des Ganzen meines Erachtens (übrigens jeder Fachmann hat. — Ich hoffe zuversichtlich, daß die Kaufleute von der Aufstapelung großer Werksteinlager in Jerusalem, Haifa und besonders Jaffa Abstand nehmen werden. Bekanntlich gehören Bausteine zu den geringwertigen Schwergütern, welche Transportkosten am allerwenigsten vertragen. Sie werden deshalb grundsätzlich direkt disponiert Bei dfer Anlage von Stapelplätzen in den Verkehrsafentren sind' jedoch die gefürchteten doppelten Transporte nicht zu vermeiden. Wie ich gestern vor dem „Verband Jüdischer ..Ingenieure“ ausgeführt habe, werden überdies natürliche Bausteine für ländliche und Kleinwohnungsbauzwecke, d. h. die bei weitem überwiegende Masse unserer Bauten nur in beschränktem Maße zur Anwendung kommen. Es würde hier zu weit führen, nachzuweisen, daß, und welcher sparsamen Bauweisen wir uns hierbei in der Hauptsache bedienen werden. — Wenn ich recht unterrichtet ibin, ist bereits eine Gesellschaft ins Leben getreten, welche die Beschaffung von Baumaterial in ihrer Aufgabe gemacht hat. Dieser dürfte sich wohl das Bauamt mit Vorteil als Vorspann bedienen. Wa9 das Baupersonil betrifft, so habe ich während meiner Tätigkeit in Palästina den Mangel an geschulten Hilfskräften insbesondere an Spezialisten als sehr hinderlich empfunden. In dem von mir der zionistischen Leitung vorgelegten Programm, für die vorbereitenden Arbeiten im Hochbaufach nimmt deshalb die Bereitstellung von Spezialisten einen breiten Raum ein. Es ist durchaus begrüßenswert, wenn sich das Hochbauamt dieser sehr wichtigen Aufgabe annehmen wird. Zu weit jedoch scheint es mir zu gehen, wenn das Amt die Anwerbung und Verteilung der Arbeiter übernehmen soll. Sicherlich muß der Balance von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nachgeholfen werden, ganz besonders im Anfang. Aber diese außerordentlich gewichtige und umfangreiche Aufgabe wird eine eigene große Organisation erfordern. Arbeitsnachweise. Zur Unterbringung der Einwanderer wird ein System von Arbeitsnaehweisstellen zu errichten sein, welche am zweckmäßigsten örtlich und organisatorisch mit den Einwandererlagern verbunden werden. Da das Baugewerbe sich besonders auf die Verwendung ungelernter. Arbeiter einzustellen haben wird, kann man die für das Bauwesen in Frage kommenden nicht aussopdern. Das Bauamt wäre /auch nicht in der Lage, den gesamten Baumarkt zu übersehen, während) eine Zentrale der Arbeitsnachweise einen UebenbÜck über die öffentliche sowohl, wie die private Bautätigkeit und ihren Arbeiterbedarf haben wird. Heranziehung fehlender Kräfte. Während sich, das Hochbauamt zur Deckung seines Bedarfs an Arbeitern der allgemeinen Arbeitsnachweise bedienen wird, soll die Heranziehung im Lande nicht vorhandener Kräfte aus den Galuthländern in den Kreis seiner Aufgaben gerückt werden. Herr Baerwald hat des ferneren ausgeführt, daß die Bauten keine Nachahmung von Bauwerken in den Galuthländern darstellen sollen, was wohl unwidersprochen bleiben wird. Es muß aber einmal ausgesprochen werden, wenn es auch an dieser Stelle nur andeutungsweise geschehen kann, daß sie mindestens ebensowenig eine Imitation der arabischen sein dürfen. Wenn man sich darauf beruft, daß die arabischen Baumethoden und Formen sich als zweckmäßig erwiesen haben, so kann man das Gleiche auch vom Turban sagen, ohne daß die Mehrzahl unter uns — wie ich annehmen zu dürfen glaube — sich zur Einführung dieser kleidsamen Mode entschließen wird. Eine der wesentlichsten Komponenten, deren Resultante die Erscheinungsform eines Wohngebäudes darstellt, ist das Wo hnb ed ü r f n i sr das sich seinerseits wieder aus der Lebens- und Kulturform der Bewohner herleitet. Es wird mir zugegeben werden, daß es zum mindesten siehr fraglich ist, ob wir in diesen Dingen den Arabern näher stehen, oder den Völkern, in deren Mitte wir gielebt und an deren Kultur wir mitgebaut haben. Aber auch andere stilbi Wende Faktoren von fundamentaler Bedeutung haben wir mit den Arabern nicht gemiein: Konstruktion und Material. Wirtschaftliche und) technische Notwendigkeiten zwingen uns zur Anwendung neuzeitlicher Baumethoden, welche dem Araber noch unbekannt sind. Und wenn wir beispielsweise statt eines Kuppelgewölbes, welches konstruktiv und wirtschaftlich unsern Anforderungen nicht entspricht, eine moderne Betonbder Steineisendedoe ausführen, so eliminieren wir einen wesentlichen und charakteristischen Bestandteil der arabischen Bauweise. Und so wird es uns auf Schritt und Tritt gehen. Auch hier .wollen wir uns die Kenntnis der Entwicklung, die wir miterlebt haben, nutzbar machen. Vor etwa einem) Jahrzehnt standen sich in Deutschland zwei künstlerische Tendenzen gegenüber, verkörpert durch den Heimatschutz einerseits und den Werkbund andererseits. Während der eine bestrebt war, das Ueberkommene zu konservieren und) mumifizieren, suchte der andere unter strengster Verpönüng alles bisher Dagewesenen nach dier „Ausdrucksform der Zeit.“ Fangen wir auch in diesem Falle unsere Arbeit an, aufbauend auf dem Resultat des Widerstreits der Meinungen. Dieses Ergebnis ist der Wunsch, eine Baukunst zu pflegen, welche, ohne dem Bestehenden gleich zu sein, sich in seiner Neuheit dem Alten harmonisch anfügt“ Zusammenfassung. Ich faße noch einmal die Einschränkungen zusammen, die m. E. das Programm; des von Herrn Baerwald projektierten 'Hochbauamtes zu erfahren hat: 1. Es darf unter keinen Umständen die Tätigkeit privater Architekten durch das Hochbauamt ausgeschaltet werden; jedoch soll das Amt die Möglichkeit, auf eine gesunde Bautradition hinzuwirken, dadurch erhalten, daß ihm in künstlerischer und technischer Beziehung ein Einspruchsrecht gegeben wird. 2. Ebensowenig darf das Bauamt die Tätigkeit, der Bauunternehmer und des Baumaterialienhandels durch Zentralisation ausschließen; jedoch soll es in den Aufgaben des Amtes gehören, in dieser Hinsicht aus seiner Kenntnis der gesamten Bedürfnisse sachverständige Direktiven zu geben. Mit diesen Einschränkungen wird das Hochbauamt eine Institution sein, deren baldige Schaffung nur dringend erhofft werden kann.

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