Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 797-798 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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797 VOLK UND LAND 798 hierfür eine langdauernde, geschickte und kostspielige Propaganda in der ganzen Welt unerläßlich ist, und da die Entwicklung solcher Kurorte in dem angedeuteten Sinne wohl ziemlich langsam fortschreiten dürfte, so ist es ratsam, auch die Verwirklichung dieser Projekte möglichst bald in Angriff zu nehmen. Schon heute gehen viele Rekonvaleszenten im Sommer gern auf den Libanon, wie etwa an die Bosporusplätze, wie sie im Winter nach Heluan, Luxor oder Assuan gehen. Wie an diesen Orten, muß auch in Palästina für besonders großen Komfort Sorge getragen werden, nicht nur, um die Konkurrenz gegenüber Aegypten aufnehmen zu können, sondern auch, weil die Behandlung der Tuberkulose und Nierenkrankheiten an sich einen ziemlich hohen Komfort erfordert. £s ist bekannt, welche gewaltigen Summen durch die hei’Jungsuchenden reichen Europäer und Amerikaner alljährlich nach Aegypten fließen und wie diese Besucher große Fremdenindustrien speisen. Die entsprechenden Orte in Palästina sind ebenso leicht, zuim Teil leichter als die ägyptischen Kurorte zu erreichen, liegen meist in einer bezaubernden Landschaft, die größere Reize bietet als die lybische Wüste, und zu allem kommt der Affektionswert des heiligen Landes hinzu. Hier ‘tritt also zumi sanitären Interesse das volkswirtschaftliche. Es handelt sich neben den Sanatorien für Nervöse Und Genesende besonders um die Behandlung von Tuberkulösen, Rheumatikern und Nierenkranken. Diese Anstaltsbehandlungen und klimatischen Kuren sollen also sowohl für die großen Volksanassen in Palästina wie auch in entsprechender Ausgestaltung für das internationale Publikum geschaffen werden. Ich gehe nicht auf die klimatischen Eigentümlichkeiten der einzelnen Landstriche ein, auch nicht auf die Indikationen, die im großen klar, im einzelnen noch Gegenstand des Studiums sind. Ich werde bei späterer Gelegenheit darüber ausführlich berichten und beschränke mich jetzt im wesentlichen auf die Nennung der Ortsnamen. Besonders geeignet für Kurorte und Erholungsheime ist der Libanon mit seiner Kombination von Gebirgs-, Meeres- und Waldluft, der bei Beirut schon heute von Engländern und europäischen Kaufleuten aus Aegypten und' Syrien viel besucht ist Und an diesen Plätzen schon einen gewissen Komfort bietet. Wir werden in der Nähe Beiruts auf Palästinas Boden ähnliche Orte finden. Dann haben wir nahe bei Haifa den Karmel, auch dort Gebirgs- und Meeresluft, eine landschaftlich reizvolle Gegend mit dem Blick aufs Meer und die unmittelbare Nähe einer aufblühenden Hafenstadt. Auch dieser Ort eignet sich für Blutarme, Nervöse, Genesende und Leute mit Erkrankungen der Atmungsorgane. Natürliche Kurorte sind die Seebäder bei Jaffa, Haifa, Sidon für Blutarme, Skrofulöse, Nervöse und leichte Fälle von Tuberkulose, besonders im Winter, wenn es dort keine Malaria gibt, und eine Temperatur wie in Algier und Aegypten herrscht Dorthin gehören auch die erwähnten Seehospize für die belasteten Kinder. Im Gebirge ist das Klima nicht so mild, aber gesünder, und die Hitze wegen der Lufttrockenheit erträglicher. Hier kommt eine Fülle von Orten in Betracht, unter denen Joffe hervorhebt: Saffed, Nazareth, in deren Nähe unsere Kolonien Sedschera, RoschPinah, Metulla, dann weiter südlich Tabor, Nablus, Hebron, und dort unsere Kolonien Katra, Kastinie und Rechoboth. Eine besondere Bedeutung aber haben die Orte des Jordantales: Jericho und Tiberias. Jericho, von Jerusalem leicht erreichbar, liegt fast an der tiefsten Stelle der Erdoberfläche, hat sehr wenig Regen, tropische Temperatur, sehr milde Winter und Hegt in bezaubernder Umgebung. Es muß ein berühmter tropischer Winterort werden2 der mit den ägyptischen in Konkurrenz zu treten hat, und dessen Heilanzeigen sich ungefähr mit denen der ägyptischen Orte decken dürften. Für letztere kennt man die Heilanzeigen genau, man weiß, welche Fälle von Tuberkulose und Nierenkrankheiten dorthin gehören, welche Monate für bestimmte Fälle geeignet erscheinen usw. Für Jericho sind die genauen Anzeigen noch festzustellen. Jericho ist eine Oase, die wieder das werden muß, was sie in alten Zeiten war, als der prachtliebende König Herodes dort seine gefeierte Winterresidenz hatte mit großen Bäderanlagen (denn es sind auch Schwefelquellen in der Nähe), mit Patmenhainen und riesigen Theatern. Schneller als Jericho wird sich Tiberias entwickeln. Regenarmut und Temperatur sind hier nicht so bedeutend wie in Jericho, aber noch sehr beträchtlich, die Kultur schon etwas weiter fortgeschritten als in Jericho, die Landschaft die denkbar schönste, und in der Nähe die berühmten heißen Quellen. Das Ideal wäre, den Kurort wieder zu dem zu machen, was er zur Römerzeit war. Noch berühmter waren damals die heute noch mehr verwahrlosten, nahe bei Tiberias liegenden Quellen von Gadara oder el Hamma, am Jarmuk-Ufer, auf der anderen Seite des Tiberiassees, von Haifa in dreieinhalb Stunden mit der Eisenbahn erreichbar. Hier stehen in prächtiger Landschaft noch Ueberreste der altrömischen Pracht, unter anderem in der Nähe der Quellen die Trümmer eines Amphitheaters für 30 000 Zuschauer. Die unter türkischer Verwaltung verwahrlosten Quellen sind in jüngster Zeit sorgfältig analysiert worden. Sie sind zum Teil sehr heiß (bis 62°), sind Schwefel- und radiumhaltig, und die Tiberiasquellen sehr kochsalzreich; in letzterer Beziehung stehen sie denen von Homburg und Wiesbaden nahe. Auch hier sind die Heilanzeigen noch zu studieren, aber wenn alte arabische Quellen berichten, daß von jeher „Hinkende, Gichtbrüchige, Magenleidende und Hautkranke“ dorthin kamen, so dürfte der Kreis der Anzeigen richtig umschrieben sein. Hier wird sich ein reges Badeleben entwickeln, und ich erinnere an die Vision Herzls, der im Roman „Altneuland“ das internationale Badeleben von Tiberias in prächtigen Farben geschildert hat. Es war längst von jüdischer Seite geplant, die Bäder zu pachten und vorläufig notdürftig instand zu setzen. Diese Arbeiten sollten sofort in Angriff genommen werden, denn der Weg bis zum völligen Ausbau der Anlagen, der Hotels, des Komforts, der notwendigen Fremdenindustrien und! der internationalen Propaganda ist sehr weit. — Mit weit größerer Energie aber müssen wir sofort nach Beginn der großzügigen Ernwanderungsbewegung an die Schaffung der Tuberkuloseheil- und heimstätten lind der Erholungsheime Herangehen. Es ist von größter Bedeutung, das Uebel an der Wurzel zu fassen und zu verhüten, daß — ähnüch wie in den achtziger Jahren, aber jetzt in verstärktem1 Maße — infolge der Untätigkeit der verantwortlichen Behörden eine gefährliche Seuche in das Land eindringt, die, wenn sie erst einmal Verbreitung gefunden hat, überhaupt nicht mehr auszurotten und nur mit größten Opfern wieder einzudämmen ist. Wie das von Natur gesunde Land schon einmal durch menschliche Schuld mit einer Krankheit verseucht worden ist — mit der Malaria* die eine Folge der Verwahrlosung des Bodens ist —, so kann es leicht durch neue menschliche Schuld, durch eine Unterlassungssünde, zur Einschleppung einer zweiten lind gefährlicheren Seuche kommen. Tun wir aber unsere Pflicht, so wird Palästina das, wozu es nach seiner physikalischen Beschaffenheit vorbestimmt ist, werden: eines der gesündesten Länder der Welt.