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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 795-796

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 795-796 (sequence 18)
Language
German
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795 VOLK UND LAND 796 usw. ungünstig beeinflußt würde. Leichte und beginnende Fälle von Tuberkulose können und sollen nicht zurückgewiesen, sondern möglichst zur Ausheilung gebracht werden. Die großzügige Bekämpfung der Tuberkulose in Deutschland, von wo die Heilstättenbewegung ausging, und wo sie ihre größte Förderung erfuhr, kann uns als Muster dienen. In Deutschland wurde — allerdings nicht allein durch die Anstaltsbehandiung, sondern überhaupt durch die Besserung der al'gemeinen hygienischen Zustände — die Sterblichkeit an Tuberkulose zum Beispiel in den Jahren 1877 bis 1904 um etwa 42 o/o herab gedrückt. Die Heimstätten brachten 15 °/o, bei leichteren Fällen 25 % der Behandelten zur "Ausheilung, schafften bei der Hälfte erhebliche Besserung, bei einerti Viertel leichte Besserung und nur bei 17 o/0 keine Besserung oder Verschlimmerung. 77 °/o a’ler Behandelten wurden als voll erwerbsfähig entlassen. Dabei sind in dem Klima Palästinas noch günstigere Resultate zu erwarten. Lungenheilstätten sind aber nicht ausreichend, denn sie eignen sich nur für Anfangsfälle und isolieren die Kranken nur für kurze Zeit. Für fortgeschrittene Fälle sind 1. Fürsorgestellen und 2. Lungenheimstätten erforderlich. Fürsorgestellen für die fortgeschrittenen Fälle, die in ihrer Familie bleiben können, weil die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse befriedigend sind, und weil der Kranke und seine Umgebung genügendes Verständnis' für die ärztlichen Maßnahmen ze gen. Die besuchenden Aerzte und Schwestern kontrollieren den Gesundheitszustand des Kranken und aller Familienr angehörigen, untersuchen regelmäßig den Auswurf, besorgen die Desinfektion, begutachten die Notwendigkeit einer Unterstützung mit Geld, Wäsche, Milch usw. Alle anderen fortgeschrittenen Fälle, besonders aber die aussichtslosen, gehören in die Lungeiihei nrs tä 11 e. Durch diese letzteren ist bis zu einem gewissen Grade die Ausrottung der Seuchenoch zu erhoffen; gerade die schweren Fälle mit ihrem reichlichen und stark infektiösen Auswurf sind die gefährlichsten Verbreiter der Krankheit, sie müssen daher isoliert werden — wie in älteren Zeiten die Leprakranken in den Aussatzhäusern. Selbstredend muß der Kampf gegen die Tuberkulose auch in anderen Formen geführt werden. Ich gebe hierfür nur Stichwörter: Polikliniken, Bauordnung, Wohnungsaufsicht, Wohnungsdichtigkeit, Gartenstadt, Schulaufsicht, Badeanstalten, Sportpflege, Belehrung. Wie in Deutschland müssen für leichte Fälle von Tuberkulose bei Kindern Seehospize in den Seebädern Palästinas geschaffen werden, eventl. auch Kinderheime für erholungsbedürftige Kinder aus tuberkulösen Familien, bei denen die Krankheit noch nicht zum Ausbruch kam— entsprechend den. deutschen Walderholungsstätten und Nordseehospizen. Einiges zur Kostenfrage. Hierüber bestehen ausreichende Erfahrungen. Ich bemerke, daß es am zweckmäßigsten ist, die Heilstätten und Heimstätten getrennt voneinander zu bauen. Die Preise schwanken je nach dem Bodenpreis, der Ausnutzung des Bodens und der inneren Einrichtung. In Deutschland zahlten die Kassen in den Volksheilstätten für Lungenkranke pro Tag und Bett (in Friedens- Zeiten) 2—ö M., meist 3—4 M., die Stadt Berlin 2,20 M. Wie in Deutschland werden auch in Palästina die Kosten aus öffentlichen Kassen; besonderen Vereinen, Verpflegungsgeldern der Krankenkassen, Zinsen aus 'Legaten, besonderen Spenden und Sammlungen und eigenen Erzeugnissen bestritten werden. Die Baukosten betragen pro Bett 5000 bis 7000 M. (Friedenspreis), so daß z. B. eine Anstalt für 200 Betten ca. eine Million Mark kostete. . Sehr wesentlich ist ein gewisser Komfort und sehr gute Ernährung, weil die Tuberkulosebehandlung ohne diese Faktoren von vornherein illusorisch ist. Wo sind diese Anstalten zu bauen? Nicht in Jerusalem mit seinem jähen Temperaturwechsel, heftigen Winden und Staubwirbeln, nicht in dem sonst so gesunden Safed mit seinen Temperaturschwankungen Und scharfen Nordwinden. Es lassen sich sehr zahlreiche Orte finden in windigeschützter Lage, staubfrei, mit ausgiebiger Besonnung. Der idealste Platz ist Jericho, doch können die Heilstätten, für 'die das Klima nicht spezifisch zu sein braucht und überhaupt nicht die Hauptsached arstellt überall in Tal und Berg liegen, wo auf Luftreinheit, Besonnung und gute Ernährung zu rechnen ist. Für Kinder kommen dann die Hospize an der See hinzu. Eine zweite Gruppe von Anstalten muß ebenfalls sofort geschaffen werden: Genesungs- und Erholungsheime, hauptsächlich mit Rücksidit auf die Fälle von chronischer Malaria, von der sich viele Kranke durchaus nicht erholen können, wenn sie am Orte bleiben. Malariafälle, die trotz Chininbehandlumg nicht heilen, von vornherein mit hohem Fieber einhergehen, zui Rückfällen neigen, die „Gameten“ im Blute haben, und bei denen auch der Ortswechsel nicht hilft, brauchen den Klimawechsel. Die Malaria herrscht bekanntlich besonders in den versumpften Ebenen, und in dem hoch gelegenen Jerusalem nur wegen der dortigen Zistemenverhäitnisse. Die Heime müssen möglichst auf den Bergen liegen, bei trockener Luft, auf trockenem Boden, wo es keine Mücken und keine Malaria gibt, wo allerdings auch keine Erkältungen infolge schroffen Klimawechsels zu befürchten sind. In manchen Ländern heilen hier fast alle, auch die schwersten Fälle aus, wenn sie nur 14 Tage Bettruhe genießen; sie werden vier. Wochen nach dem letzten Anfall alst völlig geheilt entlassen. In anderen Gegenden sind die Erfahrungen weniger gute, für einen vielmonatigen Aufenthalt sind die Kosten zu groß, aber auch durch eine mehrwöchige Kur wird eine Stärkung der Gesamtkonstitution, eine Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen die gefährlichen Wirkungen der chronischen Malaria erzielt. Es muß für jedermann, dessen Gesundheitszustand er erfordert, eine billige, und wo nötig, unentgeltliche Gelegenheit geschaffen werden, sich bei guter Ernährung einige Wochen in geeignetem Klima in einem solchen Höhensanatorium aufzuhalten. Das hier hineingesteckte Geld kommt auch ln wirtschaftlicher Hinsicht zehnfach wieder heraus infolge Besserung der Erwerbsfähigkeit und Verminderung der Zahl der Krajnkheitstage. Nicht umsonst haben die Landesversicherungsanstalten in Deutschland, die sonst sehr wohl zu sparen wissen, die Heilstättenbehandlung jederzeit in weitsichtiger Weise .gefördert Neben der Malaria werden dort behandelt werden: die hartnäckige Blutarmut — oft im Gefolge der Malaria —, die tropischen Leberschwellungen und die Reizzustände des Nervensystems, die bei den einwandernden Juden in reicher Fülle ziu erwarten sind, schon infolge der hohen Neigung der Juden zu diesen Erkrankungen und infolge der Steigerung der Disposition durch Klimawechsel, Hitze, neue Umgebung und Malaria. Für die Erholungsstätten kommen ferner alle Genesenden oder jene, die die Hitze nicht vertragen können und mit nervösen und Herzbeschwerden darauf reagieren, in Betracht. Für die Ruhrkranken können diese Erholungsstätten nicht Verwendung finden; hierfür eignet sich besser die See, am besten trockener Sandboden, und es muß erst festgestellt werden, ob der feuchte Alluvialboden der Küste hierfür geeignet ist. Vielleicht finden sich geeignete Orte auf schmalen Bergrippen oder in den unfruchtbaren Gegenden Palästinas. Hiermit bin ich bereits bei der zweiten Hauptgruppe angelangt, jenen Institutionen, die zwar, wie ausgeführt, auch ein sofortiges dringendes Bedürfnis für die Einwanderer selbst darstellen, die aber auch bei größerem Kapitalaufwand und größerem Komfort in Form gut ausgestatteter Sanatorien eine große Anziehungskraft auf das internationale Publikum ausüben sollen und so zu einer Quelle nationalen Reichtums werden können. Da

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