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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 789-790

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 789-790 (sequence 15)
Language
German
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789 VOLK UND LAND 790 schlag ein großer Wohlfahrtsfonds ins Leben zj rufen, der sich aus freiwilligen Spenden zusammensetzt. Aber es soll und wird etwas ganz Anderes sein als etwa die Chakula. Wir brauchen vor allem große einmalige lind jährliche feste Beiträge der jüdischen Organisationen, Gemeinden und Einzelner in der ganzen Welt, wo Juden wohnen. Um die Aufbringung dieser Summen brauchen wir keine Sorgen zu haben; wenn die Gelder zentralisiert verwaltet und ordentlich verwendet werden, wird gerade für diese Zwecke der Zustrom! von Spenden aus der Diaspora ein sehr reichlicher sein, 90 daß öffentliche Mittel des Gemeinwesens nur in geringem Ausmaße beansprucht werden müssen. Für eine spätere Zeit, in einem erstarkten jüdischen Palästina, ist dann die Ueberuahme des Gesundheitsbudgets durch das Gemeinwesen und seine Deckung durch Steuern oder ähnliche Mittel in Aussicht zu nehmen. Wollen wir aber Palästina zu einem jüdischen Land machen, so müssen wir von vornherein i ,s Auge fa sen, jüdische Krankenhäuser auch an so'eben Orten ei zurichten, in denen bisher keine oder fast keine jüdische Bevölkerung lebte. Dieses Mittel ist, wie die Arbeit der Christichen Missionsges:lIschafte 1 gezeigt hat, viel leicht die wirksamste Kulturpropaganda. Wir werden gewiß hier keine Mission treiben; aber der Araber muß lernen, im Juden den Kulturbringer zu sehen, den Erretter aus Krankheit, Schmutz und Ver.vahr.o:usg. Solche Orte sind etwa: Gaze*, Ram’eh, Hebron,, Nablus, Akko, Es-Salt, Kerak, Tyms und Saida. Jüdische Krankenhäuser werden ausgezeichnete Pioniere für das a'lmähliche Vordringen der Juden im Lande sein*, und auch unserer eigenen Volksgesundiheit werden, wir einen großen Dienst leisten, indem wir die Krankheiten der Araber bekämpfen. Man darf auch, nicht vergessen, daß wir außer den allgemeinen Krankenanstalten eine ganze Reihe von Spezial-Instituten, brauchen, an denen es heute so .gut wie ganz fehlt. In erster Linie stehen hier wegen der ungeheuren Verbreitung des Trachoms einige Augenkliniken; ebenso dringend aber sind Frauenkliniken und Gebäranstalten, Kinderkrankenhäuser, zumal für Säuglinge, und wenigstens eiue Anstalt für Geisteskranke. Für die erste Zeit, wo wir bei starker Einwanderung mit einem besonders großen* Zustrom von Arbeitern für öffent'iche Arbeiten an Eisenbahnen, Wegen, Sanierungs-Unternehmen und' Bewässerungsanlagen zu rechnen haben, wird men auch zur Einrichtung von fliegenden Spitälern nach Art der Militärlazarette schreiten müssen. Alle diese Arbeiten lassen sich nur bewältigen bei straffer Zentralisierung der Mittel und der Initiative in einem unter ärztlicher Leitung stehenden Gesundheitsamt, das ja auch für die allgemeinen Aufgaben der Assanierung des Lande's die gegebene Zentral stelle ist. Neben den Krankenhäusern brauchen wir ein ganzes Netz öffentlicher und aus öffentlichen Mitte'n unterhaltener Polikliniken. Sie sind nicht nur wegen der Armut der 'Bevölkerung notwendig, sondern unent* behrlich im Kampf gegen, die endemischen Krankheiten. Die Ausrottung der Malaria und des Trachoms, die Herabdrückung der gewaltigen Säuglingssterblichkeit wird in ihnen eine der stärksten Waffen haben. Ueber die ungeheure vo'kswirtschaftliche und gesundheitliche Bedeutung der Malaria haben Sie von Dr. Brünn gehört; vom Trachom werden wir a’sbald noch sprechen; hier seien nur noch einige Worte über die Sdug lin gs- Sterblichkeit gesagt. Heute sterben noch in Palästina von allen lebendgeborenen Kindern etwa 40 °/o im Verlauf des ersten Lebensjahres — ein entsetzlicher Verlust am Volkskraft! Diejenige Bevölkerungschicht, bei der es zuerst gelingt, diese Verluste zu mindern, wird! die anderen audi durch ihre natürliche Vermehrung überflügeln können, und wir Juden haben Aussicht, diese Schicht zu sein. Heute gilt noch als Regel, daß jedes nicht an dier Mutterbrust genährte Kind verloren ist, vor allem, weil zuverlässig keimfreie Milch für Säuglinge nicht zur Verfügung steht und die B:vö'kerung kein Verständnis für ihre Bereitung hat. Das wichtigste Kampfmittel gegen die Säuglingssterb'ichkei: wird dah.r die Begründung staat’icher und kommunal r Institute sein, die pasteurisierte, d. h. keimfreie Milch hersteFen und zu billigen Preisen der Bevölkerung überlassen. Weitere Kampfmittel sind poliklinische Säuglingsfürsorgestellen und Beratungsstellen für Mütter, 'Suglingsheime und Krippen, Bestellung von Gemeindeschwestern, Einrichtung von Kursien für Säuglingspflege, Unterweisung der Frauen* in den Entbindungsanstalten, Gewährung von Wöchnerinneni-Unterstützung, auch in der Form von Stiilprämien. Grade auf diesem Gebiet ist ein gesegnetes Feld für private soziale Fürsorge, die wir als Ergänzung dier öffentlichen nie werden eit’ehren können. Der notwendige Kampf gegen die großen Volkskrankheiten des Landes, der schon vor dem Beginn einer starken Kolonisation begonnen werden muß, zwingt zur sofortigen Einrichtung hygienischer Institute, die die wissenschaftlichen Grundlagen für diesen Kampf liefern und seine Methoden dauernd verbessern sollen. Ein Vorbild' gibt hier das Nathan Strauß-Institut in Jerusalem ab, das in erster Linie der Bekämpfung der Malaria dient, aber auch andere Arbeitsgebiete mit Erfolg in Angriff genommen hat Naeh seinem Vorgänge sind weiter bak te riologisch e Untersuchungsämter, Serum-Institute, Malariastationen mit möglichster Beschleunigung zu schaffen. Je mehr solche Institute gleichzeitig dteit reinen Forschung dienen, deste größer werden auch ihre praktischen Erfolge sein. Haben wir bisher nur von den Einrichtungen gesprochen, die zur gesundheitlichen Hebung des Landes erforderlich sind, so gilt es jetzt die ebenso wichtige Vorbereitung und Organisierung der Menschen sich Idar zu machen, die in diesen Institutionen wirken solle«. Hier steht in erster Reihe die Organisierung der Aerzte, zunächst derjenigen Aerzte in der Diaspora, die mach Palästina wollen; sie müssen beraten werden, in welcher Weise sie sich vorbereiten und beruflich vorbilden können. Der jüdische Arzt in Palästina wird sich in einer sehr Schwierigen Stellung befinden. Abgeschnitten von den Quellen siner'Ausbildung in Europa und Amerika ist er ganz auf sich selbst gestellt und bedarf der starken Stützung durch das Gemeinwesen, wenn er seinen außerordentlich vielseitigen Aufgaben* gerecht werden ©oll. In den ersten Jahren wird er in weitem Umfange alsi beamteter Arzt eingestellt werden müssen. Einwanderungsärzte müssen in den Häfen die Scharen der Landenden 'sorgsam sichten und überwachen, um Gefahren von der Volksgesamtheit femzuhalten. Die Tausende von Arbeitern, die in öffentlichen Arbeiten beschäftigt sein werden, müssen dauernd von passend stationierten Aerzten versorgt werden, die eine systematische Chnninprowhyiaxe überwachen, Impfungen gegen ansteckende Krankheiten durchführen, ansteckende Kranke rechtzeitig absondern und melden, Unfälle begutachten und die Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit möglichst herabdrücken. — Einen sehr großen Umfang wird die Tätigkeit der Amtsärzte haben, die wir io allen größeren Stäiditen und in den Kolonie-Bezirken brauchen. Bei dem dauernden Auftreten schwarzer B'attem muß im ganzen Lande allgemeiner Pocken-Inrpfzwang, möglichst auch für die Araber, durchgeführt werden. Alle ansteckenden Krankheiten, Geburten und Todesfälle sind den Amtsärzten zu melden, sie haben die Aufsicht über das öffentliche Gesundheitswesen, über das Heilpersonal und die Hebammen.

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