Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 787-788 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 788 787 große Teile der Arbeiterschaft schweren Schaden an der Gesundheit nehmen. Sollte die Inangriffnahme der Arbeiten sich hierdurch wirklich um einige Monate verzögern — um mehr kann es sich nicht handeln —, so ist der Zeitverlust nur ein scheinbarer. Wenn nämlich die Unterkunfts- und Ernährungsverhältnisse schlechte sind, werden ständig 10, 20 bis 30 °/o der Arbeiterschaft krank darniederliegen, die Stimmung wird gereizt und gedrückt und das Werk wird nur langsam vorangehen. Wird dagegen für den Arbeiter wie notwendig gesorgt, dann werden die geplanten Unternehmungen ungestört vor sich gehen können und die paar Monate, die man scheinbar am Anfang verloren hat, werden reichlich dadurch wettgemacht Man hüte sich weiter, bei der Anlage von Industrie Provisorien zu gestatten. Auch hier muß so vorgegangcu werden, wie es in der letzten Zeit vor dem Kriege in Amerika, England und Deutschlandl üblich gewesen ist. Erst muß man hygienische Fabrikräume und gute Arbeiterwohnungen, womöglich Gartenstädte, errichten, und dann darf man den Betrieb eröffnen. Dagegen wird man bei Straßen- und Eisenbahnbauten, wo die Arbeiter an einer Stelle nur kurze Zeitlang verbleiben können, sie in Baracken un(erbringen müssen. Diese Arbeiter müssen besonders gut ärztlich überwacht und versorgt werden; aber man muß sich darüber klar sein, daß man trotzdem hier mit einer beträchtlichen Krankheitsziffer wird rechnen müssen. Noch gefährdeter sind diejenigen Pioniere, welche bei Assanier ungsarbeiteji beschäftigt sind. Hier und dort findet man Assanierungen als Notstandsarbeiten empfohlen, natürlich von Leuten, welche keine Ahnung davon haben, was Assanierungsarbeiten sind. Diese Arbeiten sind für Europäer sehr gefährlich und aufreibend, und nur ausgesucht kräftige Menschen, die sich freiwillig hierzu melden, können für Assanierungen in Betracht kommen. Ob auch diese die Arbeiten längere Zeit ertragen werden, bezweifle ich stark, denn bei den Sanierungen in Chedera sind selbst die eingeborenen Araber nach kurzer Zeit davongelaufen. Man mußte Arbeiter aus Aegypten bringen, die ein Leben in Sumpfgegenden gewohnt sind. Durch die Sanierung der Böden braucht die Einwanderung nicht aufgehalten zu werden. Denn es gibt genügend Strecken, die gar keine oder nur geringe Sanierungsarbeiten erfordern, und auf diese Gegenden kann man die Einwanderung zunächst lenken und zu gleicher Zeit mit der Sanierung der verseuchteren Böden beginnen.— Aus alledem ersehen Sie nur eines: Es kann gar keine Rede davon sein, daß durch ausgedehnte und systematische Anwendung von hygienischen Grundsätzen die Einwanderung gestört werden könnte; imi Gegenteil, nur durch weitesten Gebrauch der Hygiene ist es möglich, in kurzer Zeit größere Massen nach Palästina hinüberzubringen und anzusiedeln. Nur wenn das Gesundheitswesen zu seinem Recht kommt, werden Sie blühende Dörfer und Städte, lachende Pflanzungen, uind gesunde Kinder haben. Wie es ohne Hygiene aussieht, das zeigt Ihnen Palästina von heute. Sorgen Sie, daß Palästina von morgen ein menschlicheres und glücklicheres wird 1 SPEZIELLE SANITAERE EINRICHTUNGEN Referent: Dr. Elias Mit dem Beginn einer großzügigen Kolonisation Palästinas muß sofort auch das Gesundheitswesen des Landes auf breiter Basis organisiert werden. Was bisher auf diesem Gebiete geschehen ist, sind so bescheidene Anfänge, daß man von einem völligen Neuaufbau sprechen kann. Nachdem Ihnen Dr. Brünn einen Ueberblick über die allgemeinen Aufgaben der Assanierung des Landes gegeben hat, handelt es sich jetzt darum, die speziellen sanitären Einrichtungen, die wir treffen müssen, kurz zu skizzieren. An dier Spitze steht hier die gesundheitliche Ueberwachung der Einwanderung. Diese muß bereits in den Auswanderungsländern be- ' ginnen; denn schon hier muß die wichtige Trage vorentschieden werden: Wer darf überhaupt nach Palästina auswandern? Es muß grundsätzlich verlangt werden, daß jeder Auswanderer mit einem Gesundheitszeugnis eines von der Auswanderungsorganisation besteilten^Arztes versehen ist. Dieses Zeugnis wird dem Auswanderungslust'gen bei gewissen Erkrankungen im Interesse des Gemein,wohils verweigert werden müssen; bei anderen wird man ihm Im eigenen Interesse von der Uebersiediung abraten müssen. Einheitliche Richtlnien hierfür sind rechtzeitig von dazu berufenen Aerzten aufzustellen. — Die wichtigste Sichtung des Menschenmaterials wird in den Einwanderunhäfen stattfinden. Vom Betreten des Landes sind unbedingt ausr zuschiießen: 1. Seuchenkranke; 2. Geschlechtskranke und 3. Trachamkrarifce im ansteckenden Stadium; 4. Geisteskranke. Die an ansteckenden Krankheiten Leidenden können zugelassen werden, sobald sie, nach entsprechender Quarantäne-Behandlung, für nicht mehr ansteckend erklärt sind. Im Lande selbst ist die dringlichste Aufgabe eine grundlegende Neugestaltung des Krankenhaus- Auerbach, Haifa. wesens. Schon für die jetzige dünne Bevölkerung sind die vorhandenen Einrichtungen ganz unzureichend gewesen; standen doch in den jüdischen Krankenhäusern des ganzen Landes nur etwa 250 Betten zur Verfügung! Nur drei Krankenhäuser hatten einen für sie errichteten Bau inne, und fast alle existieren von. freiwilligen Spenden, die aus der ganzen Welt in kleinen Summen herangeholt wurden, undl das System dieser Heranholutng hatte oft genug eine peinliche Aehnlichkeit mit den Methoden der Chaiuka. Unter solchen Verhältnissen ist es kein Wunder, daß viele Hospitäler einen Teil des Jahres wegen Geldmangel geschlossen waren, und daß ihre Einrichtungen nur notdürftige uma unzureichende waren. ' Im neuen Palästina müssen, die Krankenhäuser öffentliche Institutionen werden. Der privaten Hilfstätigkeit wird trotzdem auch dann noch ein weites Feld bleiben, denn die Mittel für die neu zu schaffenden Einrichtungen auf diesem Gebiete werden ganz gewaltige sein müssen. Ich schätze den dringenden Bedarf allein für die ersten fünf Jahre auf etwa 10 Millionen. Diese Summe umfaßt nur die Kosten der Neubauten in den bisherigen jüdischen Zentren Palästinas und die Quarantäne-Stationen in Jaffa und Haifa. Daneben aber werden große Summen laufend zur Unterhaltung der Betriebe er forderlich sein, die wie in aller Welt aus ihren eigenen Einnahmen nur den kleineren Teil ihrer Ausgaben werden bestreiten können. Diese Zuschüsse dürften schätzungsweise für die ersten fünf Jahre durchsdimitt ich jährlich U/4 bis IV2 Millionen Mark erfordern (die Mark immer zum Friedens werte gerechnet). Die Aufbringung dieser sehr Jbald hoch wachsenden Summen wird nicht auf dem geschäftlichen. Wege der Anleihe oder einem ähnlichen erfolgen können, da es sich um nicht rentierende Ausgaben, um Zuschußbetriebe handelt Vielmehr ist wohl am besten nach Ruppins Vor-