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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 785-786

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 785-786 (sequence 13)
Language
German
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785 VOLK UND LAND 786 Anfall im Jerusalemer Gefängnis erlebt — ist das Fleckfieber oder der Flecktyphus. Diese Krankheit hat während des Krieges in Palästina stark gewütet, viele Tausende von Juden dahingerafft und scheint auch jetzt noch nicht erloschen zu sein. Es wird Ihnen bekannt sein, daß das Fleckfieber durch Läuse übertragen wird und daß man seiner durch eine zielbewußte Bekämpfung der Läuseplage Herr werden kann. Man wird bei der Einwanderung Sorge tragen müssen, daß die Krankheit nicht von neuem nach Palästina eingeschleppt wird. Eine weitere traurige Kriegserrungenschaft sind die Geschlechtskrankheiten. Diese kamen vor dem Kriege in Palästina bei der jüdischen Bevölkerung kaum vor und sollen jetzt ziemlich verbreitet sein. Ebenso soll es jetzt in den Städten viele jüdische Prostituierte geben, ein Stand, der vor dem/ Kriege ganz unbekannt war. Ich glaube, es ist unnötig, in diesem/ Kreise Worte darüber zu verlieren, daß die Geschlechtskrankheiten mit allen Mitteln aus dem Lande beseitigt werden müssen. Aus dieser kurzen Uebersicht über die hauptsächlichsten Infektionskrankheiten, zu denen noch Lepra, Pocken, Tollwüt hinztifcommen, können Sie bereits ersehe«, welche gewaltigen Aufgaben der Hygiene in Palästina warten. Dabei habe ich viele Gebiete der Hygiene gar nicht berührt, z. B. Wohnungshygiene, Nahrungsmittelhygiene, Straßenhygiene, Gewerbehygiene, wo auch ganz traurige Verhältnisse bestehen und energisch vorgegangen werden muß. Für alle diese Aufgaben war bisher von irgendeiner Körperschaft, sei es von der I. C. A. oder dem Nationalfonds oder dem' Aktionskomitee kein Pfennig ausgeworfen. Was getan wurde, geschah von privater Seite aus. Bis zum Jahre 1912 beschränkte man sich darauf, für erkrankte Leute Aerzte zu beschaffen evtl, eine Lazarettbehandlung zu ermöglichen. Im Jahre 1912 führte Nathan Strauß in Palästina die von mir undi andern schon lange, aber vergeblich geforderte moderne Seuchenbekämpfung ein mit Gründung des Jewisb Health-Büros. Diesem jüdischen Gesundheitsamt wurde dann 1913 eine Abteilung für Tollwutschutz angegliedert, die von der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturforscher ins Leben gerufen wurde. Das Gesundheitsamt hatte die Aufgabe, den Krankheitsursachen nachzugehen trnui die Krankheiten an cfer Wurzel zu beseitigen. Wenn z. B. früher jemand Typhus hatte, so wurde er vom Arzt nur klinisch behandelt, gegebenenfalls wurde er (in einem Krankenhause untergebracht. Eine moderne Typhusbekämpfung in einem Ort gestaltet sich dagegen ganz anders. Man versucht zu erforschen, auf welche Weise sich der Kranke die Infektion zugezogen hat. Man untersucht die Bewohner des Hauses, in welchem1 er erkrankt ist, darauf, ob sie Typhusbazillenausscheider sind. Man untersucht das Tränkwasser auf TyphusbaziIlen, man kontrolliert die Nahrungsmittel, insbesondere die Milch, und stellt die Schäden ab. Man trifft die notwendigen Bestimmungen für Desinfektion der Krankenwäsche und für die richtige Beseitigung der Fäkalien. Man nimmt die notwendigen Isolierungen vor, und wenn die Krankheiten sich häufen, so impft man die gefährdeten Personen gegen Typhus und/ kann auf diese Weise hoffen, in kurzer Zeit Herr der Epidemie zu werden. Diese moderne Krankheitsbekämpfung — ich kann kaum modern sagen, denn sie ist bereits 30 Jahre alt —, die Ihnen allen hier bekannt ist und die es zuwege gebracht hat, daß die westlichen Kulturländer trotz der Kriegsseuchen, trotz der gewaltigen Truppen Verschiebungen im ganzen seuchenfrei geblieben sind, diese Art von Krankheitsbekämpfung war bis zum Jahre 1912 in Palästina überhaupt unbekannt und war auch nachher schwer einzuführen, erstens weil die türkische Staatsregierung etwas hemmte, zweitens weil sie auch an leitenden jüdischen SteHen auf geringes Verständnis und wenig Mithilfe stieß und weil es auch im Lande einige ärztliche Autoritäten gab, für die eine Extrawurst gebraten werden sollte. Sie werden einseben, daß derartige Zustände nicht weiterbestehen können, sondern daß man für die Regelung des Gesundheitswesens große Mittel und starke Kräfte wird aufwenden müssen. Es muß ein Gesundheitsministerium geschaffen werden, in dem das gesamte Gesundheitswesen zentralisiert wird. Diesem Ministerium unterstehen die Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten, das Krankenhaus- und Kassenwesen, die mediziniscehn Forschungs- und diagnostischen Institute, die Herstellung der Impfsera und diagnostischen Sera, die sanitäre Hafenkontrolle, die Wohnungs-, Straßen- und Gewerbehygiene, die Aufnahme einer Krankheits-, Heirats- und Todesursachen-Statistik, die öffentlichen Bade- und Waschanstalten, die öffentlichen Gärten, das Impfwesen, das Aerzte-, Zahnärzte- Apotheker- und Pflegerpersonal. Auch das ganz im Argen liegende Veterinärwesen ist hier anzugliedern. Es versteht sich von selbst, daß die Leitung des Gesundheitsministeriums in der Hand der Mandatarmacht hegen muß und daß in gleichem Maße lür die jüdische und für die nichtjüdische Bevölkerung gesorgt werden muß. In welcher Weise sich die Organisationen an den sanitären Aufgaben beteiligen, hängt von den politischen Abmachungen mit der Mandatarmacht ab. Wer aber auch immer dem Gesundheitswesen vorstehen wird, die hier vorgetragenen Grundsätze bleiben in jedem/ Falle maßgebend. Bei einigen Vorträgen die' ich in letzter Zeit über sanitäre Fragen gehalten habe, wurde immer die Befürchtung laut, durch zu starke Berücksichtigung der Hygiene könnte die Einwanderimgsziffer erheblich gedrückt werden. Darum1 wollen wir hier kurz die Wirkung der hygienischen Maßnahmen auf die Einwanderung besprechen, wobei wir auf Vorkehrungen zur Verhütung von Seuchen bei der Landung nicht eingehen wollen, weil diese ja nur die Kranken zurückhalten. Wir haben wiederholt gehört, die englische Armee hätte so viele Zelte und Baracken; diese hätte man nur einfach anzukaufen, und dann könnte man Tausende von Einwanderern unterbringen. TJndi weiter gibt es Dampfer, welche in unglaublich kurzer Zeit noch weitere Zelte und Baracken heranschaffen können, so daß von einer Wohnungsnot nicht gesprochen werden kann. Ich kann nicht dringend/ genug davor warnen, mit dem Barackensystem zu beginnen. Ist hier im Sommer bereits eine Baracke kaum zu bewohnen, geschweige denn drüben, wo die Sonnenstrahlung eine unendlich intensivere und die Sommerzeit erheblich länger ist. Hierzu kommt, daß die Einwanderer in ein Klima versetzt werden, das ihnen ungewohnt ist. Sie müssen sich erst akklimatisieren, anstatt den Einwanderern die Anpassung durch gute Unterkunftsverhältnisse zu erleichtern, erschweren wir sie ihnen, wenn wir Zelte und Baracken hierzu verwenden. Ich bin der Ansicht, daß in solchen Zeltlagern der Gesundheitszustand ein sehr schlechter sein wird, daß sich trotz bester ärztlicher Versorgung starke Seuchen einstellen müssen. Nun frage ich: Wird die Einwanderung behindert, wenn wir feste Uuterkunftshäusvr bauen? N e i n f Im Läufe eines halben Jahres sind wir imstande, in Jaffa und Härfa große Hallen zu errichten, die Tausenden Unterkunft gewähren können. Würde man heute mit denr Bau beginnen, dann könnten die Hallen Ende dieses Jahres fertiggestellt sein, zu einem Zeitpunkte also, von den* es noch fraglich ist, ob die Einwanderung aus politischen Gründen schon gestattet sein wird. Weiter wird häufig von großen Arbeiten in den Städten gesprochen. Auch hier sollen die Baracken herbei. Im Interesse unserer Arbeiter dürfen wir derartige Schwitzkasten nicht zulassen. Wir müssen verlangen, daß vor allem gute Wohnungen errichtet und gute Küchenverhältnisse geschaffen, werden, sollen nicht

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