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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 783-784

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 783-784 (sequence 12)
Language
German
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783 VOLK UND LAND 84 der Kolonie wird durch die Krankheit nur wenig noch gestört. Diese 40 Jahre waren jedoch ein harter Leidensweg für die Kolonie und, wie ich gleich sagen möchte, großenteils ein unnötiger. Und damit komme ich von dem Lande auf unsere jüdischen Siedlungen. Wenn wir unsere Siedlungen in einer verwahrlosten Gegend unter einem miserablem Regime anlegen mußten, so war doch kein Grund vorhanden, warum wir die Ko'.enien nicht ebenso wie auf der Höhe der modernen Technik auch auf Grundlage der modernen Hygiene angelegt haben. Allen bisherigen Koloniegründuingen gemeinsam war — ob sie in alter oder neuester Zeit angelegt wurden —, daß man das Terrain nicht saniert hat, bevor man die Kolonisten sich ansiedeln ließ. Ich kann mir als Arzt nichts Leichtsinnigeres, Verantwortungsloseres vorstellen, als unschuldige, unwissende, begeisterte Pioniere auf einen Boden zu schicken, wo sie unweigerlich schweren Schaden an Gesundheit und Leben nehmen müssen. Glauben Sie nicht, daß nicht versucht wurde, die verantwortlichen Stellen darauf aufmerksam zu machen und sie zum systematischen Vorgehen zu veranlassen; doch damals wie auch heute noch wurde immer der fadenscheinige Einwand erhoben: Wir haben für Sanierung kein Geld. Mir sind Fälle bekannt, wo eine Sanierung im Verhältnis zur Gesamtanlage geringe Ausgaben verursacht hätte, und trotzdem ist sie unterblieben, trotzdem hat man es vorgezogen!, die Bauern, Arbeiter, Frauen und Kinder an Malaria erkranken zu lassen, wenn wir von. anderen Krankheiten, die auch zu vermeiden waren, ganz absehen wollen. Den Sommer und Herbst über waren die Leute mehr krank als gesund. Zur Erntezeit waren häufig 60, 80 bis 90 Prozent der Kokmiebewohner krank. Hatten sie einen Malariaanfall, der ungefähr acht Tage dauert, glücklich überstanden, in zwei bis drei Wochen folgte ein neuer. Man kann anmehmen, daß jeder Mann zwei bis drei Monate im Jahre krank darniederlag und daß er vier bis fünf Monate jährlich nicht auf der Höhe seiner vollen Arbeitskraft gestanden hat. Wenn Sie sich mm vergegenwärtigen, wieviel Werte dadurch verloren gingen, wieviel Kraft im Kampfe gegen die Krankheit vergeudet wurde, anstatt sie imi Aufbau der Kolonie nutzbringend zu verwerten, wieviel Löhne demzufolge umsonst gezahlt wurden, wieviel Kosten Arzt, Krankenhaus, Apotheke und Medikamente versdhlungen haben, dann werden Sie mir ohne weiteres zugeben, daß die 'stiefmütterliche Behandlung der Hygiene nicht nur eine Nachlässigkeit, eine Rücksichtslosigkeit, sondern rein wirtschaftlich auch eine große Dummheit gewesen ist. — Die Männer, die als Wächter gefallen sind, sind' jüngst im' Jiskorbuch verewigt worden. Keinen Sänger haben aber die weit zahlreicheren Helden gefunden, die den Krankheiten, insbesondere dem Typhus und der Malaria, zum Opfer fielen. Sehr viele haben dem Lande den Rücken kehren müssen, teils um nicht immer von heuern zu erkranken, teils um in Europa ihren geschwächten Körper wieder zu stärken. Der ziemlich große Wechsel 'int neuen palästinensischen Jischuw hat, wie ich1 glaube, in der hohen Krankheitsziffer des Landes eine seiner ‘wichtigsten Ursachen. So war es auf ‘dem! Lande und jetzt zu den Städten. Von den Städten sind Jerusalem, Hebron, Safed und Tiberias besonders maJariaverseucht. Nehmen wir Jerusalem, das mehr als die Hälfte der gesamten jüdischen Bevölkerung des Landes aufweist, ein klein wenig in unsere Betrachtung. Jerusalem' hat von Natur ein ausgezeichnetes, gesundes Klima. Als vor den 70 er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Jischuw nach Jerusalem einsetzte, fanden die Leute bald in der Altstadt keine Wohnung. Es mußten daher außerhalb der Mauern neue Stadtviertel angelegt werden, und hierbei zeigte es sich noch mehr als auf dem' Lande, wie rücksichtslos man vorgegangen ist, ohne die einfachsten Forderungen der Hygiene zu berücksichtigen. Hierbei kann nämlich nicht einmal der Geldmangel für die mangelnde Einsicht als Entschuldigung angeführt werden; denn die hygienische Anlage der Wohnviertel hätte keine größeren Kosten verursacht, als die heutige schlechte und häßliche. Heute ist nach meinen jmif Dr. Goldberg zusammen vorgenommenen Untersuchungen in Jerusalem der Zustand der, daß in den .Außenbezirken es mehr Malaria gibt, als in der uns von den Türken überkommenen Altstadt. Denn wir fanden in der Altstadt bei 16 ob der jüdischen Bevölkerung Malariaparasiten im Blute, während in der Außenstadt 22 o/o .infiziert waren. Wie leicht es in Jerusalemi ist, Malaria zu vermeiden, dafür lassen Sie mich als Beispiel die amerikanische Kolonie anführen. Dieses Viertel liegt in der Nähe des jüdischen Stadtteils Zadik Schimon, wo wir 18 ° o Malariainfizierte gefunden haben, und trotzdemi ist in der amerikanischen Kolonie dank ihrer hygienischen Lebensweise und ihren prophylaktischen Maßnahmen gegen die Malaria seit Jahren kein Fall von Malaria zu verzeichnen. Die medizinische Wissenschaft ist imstande, innerhalb eines oder zwei Jahrzehnten bei geeigneten Maßnahmen die Malaria aus dem Lande auszurotten oder auf ein Minimum zu revidieren. Wie wir dabei vorzugehen haben, kann ich natürlich heute des Näheren nicht auseinandersetzen. Ungefähr sei es gesagt: Auf dem Lande müssen wir die Sümpfe, die Pfützen, die Tümpel beseitigen, die Flüsse regulieren, in den Städten einen Kampf gegen die fehlerhaften, schlechten Zisternen führen, wo es möglich ist, sie .überhaupt durch Anlage von zentralen Wasserleitungen vollständig beseitigen. Die Sanierung des Bodens wird je nach Beschaffenheit und Ausdehnung der Sümpfe längere oder kürzere Zeit in Anspruch nehmen, doch ist, wie gesagt, eine Sanierung überall möglich, an vielem Stellen ohne große Kosten, an anderen kann mau. die Assanierung mit Anlage von bewässerbaren Kulturen verbinden und dadurch die manchmal beträchtlichen Unkosten bedeutend verringern. Die Sanierung eines Komplexes wird je nach den Umständen ein, zwei bis fünf Jahre dauern und1 miuß erst vollständig beendet sein, ehe eine Familienansiedlung gestattet werden darf. Ich möchte für das künftige Staatsgesetz eine Bestimmung vorschlagen, daß die verantwortlichen Personen von Körperschaften, die vor beendeter Sanierung kolonisieren, wegen vorsätzlicher Körperverletzung unter Anklage gestellt werden. Die zweite große Krankheit des Landes, das Trachom, muß ebenso wie die Malaria aus dem Lande verschwinden. Durchschnittlich sind nach den Untersuchungen von Feigenbaum 28 °/o der jüdischen Bevölkerung trachomkrank, von diesen haben 80 °/o ,ihr Leiden innerhalb der ersten drei Lebensjahre erworben. Die Trachombekämpfung wird beträchtliche Kosten verursachen und muß lange Jahre hindurch intensiv fortgesetzt werden. Die Trachombekämpfung könnte illusorisch gemacht werden, wenn durch die Einwanderung immer wieder frische Fälle eingeschleppt würden. Uefcer Maßnahmen dagegen wird Herr Dr. Zlocisti später berichten. Eine große Rolle spielen in den Städten, besonders in dem hygienisch verwahrlosten Teil, im Sommer und im Herbst die typhösen Erkrankungen. Sie hängen mit der schlechten Wasserversorgung, mit den traurigen Abortverhältnissen und der ungenügenden Beseitigung der Fäkalien zusammen, mit der j^oßen Unsauberkeit, mit dem leichtfertigen Genuß der öffentlich feilgebotenen, vielfach verdächtigen Speisen und mit der ungeheuren Fliegenplage. Die Fliegenplage ist in den Städten wie auf dem Lande eine entsetzliche und eine der ersten Maßnahmen unseres künftigen Gesundheitsministeriums sollte eine energische Kampagne gegen die Fliegen sein. Auf ähnlichen Ursachen wie der Typhus beruht die im Sommer häufige Dysenterie (Ruhr), der auch viele Personen zutni Opfer fallen. Eine Krankheit, die vor dem Kriege in Palästina kaum vorfeam — ich habe im Jahre 1913 einen kleinen

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