Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 779-780 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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779 VOLK l/ND LAND 780 wirtschaftlicher und gesundheitlicher Beziehung zu bedeuten hat. Ein gewisses Mißtrauen wird es da zu überwinden geben. Es heißt gewöhnlich, solche Schulen bilden Hauspersonal aus und die palästinensischen Mädchen haben keine Neigung für diesen Beruf. Es handelt sich aber im Grunde um Kenntnisse, die jedes Mädchen später einmal im eigenen Hause zu verwerten haben wird, und es ist ”iitr jeden Mann wohl von Wichtigkeit, ob seine Frau die Hausarbeit versteht und sich einzurichten weiß oder nicht. Auch mittelbar werden die Haushaltungsschulen zur Hebung des Landes beitragen, indem sie tüchtige Leiterinnen und Personal für gemeinnützige Anstalten, wie Kranken- und Waisenhäuser, Arbeiter- und Einwandererheime liefern. Bislang macht sich ein sehr starker Mangel gerade auf diesem Gebiete bemerkbar. Wir kommen zu den landwirtschaftlichen Frauenschulen und Farmen, mit den wichtigsten Erziehungsanstalten unseres Programms. Unterricht in allen Zweigen der Hauswirtschaft, Geflügeb zucht, Milchwirtschaft, Obst- und Gemüsebau, Gärtnerei, Bienenzucht und Hygiene. Abteilung zur Ausbildung von Lehrerinnen. Es! erübrigt sich wohl, die Notwendigkeit solcher Institutionen zu begründen. Wer sich je mit Kolonisationsfragen beschäftigt hat, weiß, welche Rolle die Arbeit der Frau in der Bauernwirtschaft spielt und wie bitter nötig gerade unsere jüdischen Frauen eine tüchtige Vorbildung haben. — Unsere Kolonisten hätten es ein ordentliches Stück weiter gebracht, wenn ihnen von Anfang an die Frauen als Helferinnen zur Seite gestanden hätten, statt ein Hindernis mehr auf ihrem ohnehin dornenvollem Wege zu sein. Leider müssen wir sagen, daß die Versuche, den Frauen in dieser Beziehung zur Hilfe zu kommen, bisher sehr gering waren. Unsere kleine Farm Kinereth war die einzige Institution dieser Art und hat in der kurzen Zeit ihrer Existenz gezeigt, welchen hohen Einfluß solche landwirtschaftlichen Frauenschulen auszuüben imstande sind. Herr Agronom Oettinger.sagt bereits im Jahre 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges: „Schon jetzt sieht man, wie nützlich die Beteiligung Von jungen Frauen an den Betrieben in Dagania, Kinereth, Hattin, Poria und Sarona ist. Viel größere Ordnung und Reinlichkeit in der Küche, im Hause und im Hofe, als sonst in den Kolonien, ist in 'den jungen Betrieben wahrzunehmen. Größere Mannigfaltigkeit in der Beköstigung der Arbeiter, mehr Sorgfalt in bezug auf die Geflügelzucht, wachsendes Verständnis für die Notwendigkeit der kleinen landwirtschaftlichen Nebenzweige, dies sind Tatsachen, die den Besucher der Betriebe in der Nähe der Mädchenfarm Kinereth frappieren. Entweder - sind es gewesene Schülerinnen der Lehrfarm, die die Liebe zur häuslichen Arbeit in die neuen Wirtschaften verpflanzt haben, oder die Farm wirkt in diesem Sinne auf die Arbeiterinnen, welche Gelegenheit haben, von Zeit zu Zeit sie zu besuchen und dem Einfluß sich zu unterziehen.“ Im Laufe des Krieges bewährten sich denn auch die Schülerinnen der Farm aufs großartigste, sowohl als Leiterinnen von Arbeitswirtschaften, als auch auf dem Gebiete des Gemüsebaus. Eine Ergänzung der landwirtschaftlichen Schulen sollen die Wanderlehrerinnen bilden, deren Aufgabe es sein soll, in die Kolonien zu gehen und dort diejenigen Frauen und Mädchen zu unterweisen, die keine Möglichkeit haben, ihr Haus zu verlassen. Außer dem Unterricht in allen Zweigen der Haus- und Landwirtschaft, werden sie auch in Säuglingspflege zu unterweisen und die Mütter zu beraten haben. Ihre Aufgabe wird es auch sein, Einfluß auf den Vorstand der Kolonien zu gewinnen, um durch dessen Vermittlung für bessere Wohnungshygiene zu sorgen. Es darf nicht Vorkommen, daß Kolonistenhäuser ohne jede Spur von wirtschaftlichen und1 hygienischen Einrichtungen gebaut werden, daß es an Vorratskammern, Kellern und Klosetteinrichtung fehlt, daß die Kinder von vornherein an Unsauberkeit im Hause gewöhnt sind, weil die schlechte Einrichtung des Hauses der Mutter die Sauberhaltung erschwert, wenn nicht unmöglich macht, und sie allmählich in Gleichgültigkeit versinkt. — Weiter werden die Lehrerinnen die Kolonistinnen zu organisieren haben, zur Hebung der landwirtschaftlichen Frauenarbeit, zum Austausch von Erfahrungen im Konservieren und Einmachen, zur Verschönerung der Kolonien usw. Als Krönung dies Ganzen wäre dann noch an eine höhere Lehranstalt zur Ausbildung von Haus- und landwirtschaftlichen Lehrkräften, vielleicht im Anschluß an die Universität zu denken. Daß auch Gewerbeschulen für die städtische Bevölkerung einen großen Raum in unserem! Programm einnehmen, versteht sidh von selbst. Hier bat der Verband im Auge seine Spitzenateliers weiter auszubauen und dort nach und nach andere Zweige weiblicher Handfertigkeit, wie Flicken, Stopfen, Sticken, Wäschenähen und Schneidern einzuführen. Ebenso liegt es in seinem Programm, möglichst viele neue Erwerbsquellen den Frauen zu erschließen. Das hier aufgestellte Erziehungssystem1 ist bestrebt, den verschiedensten Altersstufen und auch den verschiedensten Bildungsstufen der Einwanderer und der einheimischen Bevölkerung gerecht zu werden. Daraus erklärt sich auch die häufige Wiederkehr der einzelnen Lehrgegenstände in den verschiedenen Institutionen. Die Notwendigkeit eines systematischen Schulunterrichtes in allen haus- und landwirtschaftlichen Fächern ergibt sich aus der Tatsache, daß es bei einher modernen Kolonisation nicht mehr genügt, in althergebrachter, primitiver Weise zu wirtschaften. Es gilt vielmehr, die Ergebnisse moderner wissenschaftlicher Forschung auszunutzen. So auch für das Gebiet der Frauenarbeit. Warenkunde, Nahrungskunde, wirtschaftliche Buchhaltung, Gesundheitspflege sind Dinge, die eine tüchtige Kolonistenfrau heutzutage beherrschen! muß, wenn sie Weiterkommen will. Auch die Kenntnis der modernen Untersuchungen über Geflügelzucht, Milchwirtschaft, Konsier- \ ic .ung sind für sie wichtig und unumgänglich. Außerdem gewinnt die Frauenarbeit, wenn sie in Schulen unterrichtet wird, an Bedeutung, was für die Psyche der jüdischen Frau von besonderem Wert ist. Ist sie doch von jeher gewöhnt, alles was mit „Lernen“ zusamimenhängt, besonders zu schätzen, während sie für die praktischen, häuslichen Dinge eine souveräne Verachtung an den Tag legt, ohne zu ahnen, daß sie das Fundament sind, auf dem der ganze Lebensaufbau ruht. Ueber die sanitären Verhältnisse können wir rasch hinweggehen, da andere Referate sich ausführlich mit ihnen beschäftigen. Es genügt zw sagten, daß es ebenfalls zu einem großen Teil Frauenarbeit ist, die da geleistet werden muß. Wir wollen nur an Gemeindte- und Schulschwestern erinnern, an Hebammen, an Säuglings- und Kinderpflegerinnen, an die Bekämpfung ansteckender Krankheiten, alles Forderungen, die nur in gemeinsamer Arbeit von Männern und Frauen Voll befriedigend erfüllt werden können. Wenn wir zu Aufgaben allgemeiner sozialer Natur übergehen, so kommen wir vor allem zur Errichtung von Einwanderer- und Arbeiterheimen, Volks- und Arbeiterküchen, Berufsberatungsstellen und Arbeitsnachweisen. Das sind Aufgaben der Gesamtorganisation, bei 'denen die Zuziehung der Frauenorganisation selbstverständlich ist. Schon beim' Bau solcher Häuser und Heime ist Frauenarbeit von Wert. Es klingt fast unglaublich, wenn man hört, daß auch große Gebäude, wie Arbeiterheime, gebaut werden ohne Toilette und Waschräume, ohne Keller und Vorratskammern, ohne Backofen, ohne Waschküche und Plättstube. Eine Frau, die zu Rate gezogen wäre, hätte solche Dinge nicht übersehen können. Sie hätte gewußt, daß man Wirt-