Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 25-26 (19.6.1919)
- Date
- 1919-06-19
- Page
- Seite 777-778 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 778 777 FRAUENARBEIT IN PALAESTINA Referentin . Frau Dr. S. Grone m a n n. Die Auseinandersetzungen zwischen Maximaiisten und Minimalisten, die wir einmal wieder erleben, sind ja recht interessant, Der eine will hunderttausend, der andere nur zwanzigtausend Juden jährlich in Palästina ansiedeln. Vorläufig sehen wir andren noch keinerlei Vorbereitungsarbeiten, nicht mal für fünftausend Menschen. Nun kommen wir Frauen mit unseren Forderungen und mancher von Ihnen wird sich sagen, es gehört mit zur Ausstattung und hat weiter keine Bedeutung. Wir geben uns aber mit Sympathieerklärungen allein nicht zufrieden. Schon einer der früheren Redner, ich glaube, es war Herr Agronom Dyck, hat kurz die Bedeutung der jüdischen Bäuerin gestreift. Dieser Schrei nach der Bäuerin ist uns längst bekannt, aber mit dem Schrei allein ist es nicht getan. Wir wollen endlich Taten sehen. Unsere Forderungen sind, um mit der Bibel zu reden, nicht Im Himmel, daß man hinaufgehen müßte, um 'sie von dort zu holen und nicht jenseits des Meeres, sondern in, Ihrem Herzen und in Ihrem Munde, . um sie zu erfüllen. Die Notendigkeit'/der Mitarbeit der Frau auf allen Gebieten: des sozialen Lebens ist eine zu allgemein bekannte Tatslache, um einer besonderen Begründung zu bedürfen. In den letzten stürmischen Jahren bat sich diese Notwendigkeit ganz besonders herausgestellt und zwar für alle Länder und! Völker. Der Zionismus hat gleich zu Beginn seiner Tätigkeit die Gleichberechtigung der Frau in sein Organisiationsstatut aufgenommen. Wäre diese Gleichberechtigung wirklich im höchsten Sinne durchgeführt, würde eine besondere Frauenorganisation überflüssig sein, ebenso wie die moderne Frauenbewegung ihren Sinn verlieren wird, wenn die Frauenemanzipation nicht nur äußerlich durchgeführt sein wird. Leider hat weder der Zionismus, noch 'haben die zionistischen Frauen lange Zeit in dieser Gleichberechtigung mehr gesehen, als die Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts zu Kongressen und Delegiertentagen. An praktische Arbeit in Palästina selber hat kaum je eine Zionistin ernstlich gedacht. Es liegt mir fern, die Tätigkeit der zionistischen Frauen und national jüdischen Frauenvereine herabzusetzen. Ihre Arbeit war eine propagandistisch wertvolle und erzieherische und hat den Weg gebahnt für das was kommen mußte, — für den Zusammenschluß der jüdischen Frauen zu einem großen Verbände, zum Zwecke praktischer Palästimarbeit. Auch nachdem dieser Verband auf dem Kongreß im Haag begründet worden ist, haben die zionistischen und national-jüdischen'Frauenvereine ihre Bedeutung behalten. Ihnen liegt die geistige Vorbereitung der jüdischen Frau für ihre Tätigkeit als Jüdin und Zionistin ob. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina dagegen hat am praktischen Aufbau des palästinensischen Volkslebens mitzuarbeiten, und sieht darin seine einzige Aufgabe. Es gab eine Zeit, wo die Zionistinnen die Arbeit des Verbandes nicht für voll nahmen und Sich nur schwer entschlossen, sich ihm ianzugliedern. Diese Zeit ist glücklich vorbei. Die Leistungen des Verbandes in Palästina, sowohl auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Frauenerziehung, als “auch in sanitärer Beziehung und auch auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung für die städtische Bevölkerung durch Einführung der Spitzenindustrie, haben die Vorurteile überwunden. So kann der Verband jetzt auf die tatkräftige Hilfe aller Kreise rechnen und ist auch fest gewillt, möglichst vielte Kräfte -für Palästina nutzbar zu machen. Als eine Vereinigung also, die den Zusammenschluß aller für praktische Palästinaarbeit interessierter Frauen erstrebt, hat der Verband ein großzügig angelegtes Arbeitsprogramm aufgestellt, zu dessen Durchführung er dringend der Unterstützung der zionistischen Organisation bedarf. Dieses Programm fordert die gründliche Ausbildung der Frau als solcher, in ihrer Eigenschaft als Gattin, Mutter und Hausfrau. Man hat bis jetzt nur wenig daran gedacht, die jüdische Frau auf ihre Aufgaben bei einer veränderten Lebensweise, wie sie eine Uebersiedelung nach Palästina erfordert, vorzubereiten. Nun ist die Frau an und für sich, mit festeren Banden an die alte Heimat geknüpft, wie der Mann. Sie empfindet das Sichlosreißen vom gewohnten Milieu, von Verwandten und Bekannten viel schwerer. Soll sie dazu noch ' neue, unbekannte Pflichten übernehmen, ungewohnte schwere Arbeit leisten, bricht sie leicht unter der Last zusammen, das Ende ist eine Vernachlässigung der Wirtschaft, die sie doch gerade hochbringen soll. Auch die eingeborene Frau ist bislang wenig geeignet, eine Stütze für den Kolonisten zu sein, schon weil sie durch lange Jahre an das Nichtstun gewöhnt war. Auch sie braucht die systematische Ausbildung, die sie befähigt tätig mitzuarbeiten und dem Kolonisten ein wirklich gesundes Heim zu schaffen. Die Voraussetzung zu dieser Ausbildung ist die vollständige Umgestaltung der bisherigen Erziehungsweise der jüdischen Frau, ihre Umwandlung aus einem passiven Element in ein aktives. Sie muß sich aktiv an dem Aufbau Palästinas beteiligen können und wollen. Um das ZU erreichen muß mit der Erziehung der Frau im Lande selbst angefangen werden, und zwar gehört dazu ein voll ausgebautes Erziehungs-System, das von der untersten Stufe beginnend, sich allmählich zu einer großen Kette von ineinandergreifenden und aufsteigenden Institutionen auswächst. Wir können uns nicht verhehlen, daß den jüdischen Frauen in Palästina eine tüchtige Portion Arbeitsscheu gegenüber d<en praktischen Dingen des Alltags anhaftet. Diese Arbeitsscheu muß von früh auf energisch bekämpft werden, und zwar schon in den Kindergärten beginnend, wo durch dem Alter angepaßte Beschäftigungen dieser Eigenschaft wirksam entgegengearbeitet werden soll. Ist das Kind erst gewöhnt, seine Zeit nützlich anzuwenden, wird es auch im späteren Alter bestrebt sein, sich möglichst nutzbringend zu beschäftigen. Die Einführung eines obligatorischen Unterrichtes in FJ/ygiene und Haushaltung an den Voks- und Mittelschulen wird den Kindern früh die Möglichkeit geben, im Hause mitzuhelfen und für Sauberkeit und gesundes Essen zu sorgen. Die häusliche Arbeit wird ihnen somit zu etwas Wertvollem und Wichtigem werden, statt daß sie sie mit Unlust betrachten und es ruhig mitansehen, wenn Staub und Schmutz das Heim unwohnlich und unhygienisch machen. In den Mittelschulen würden außerdem noch Säuglings- und Krankenpflege hinzutreten müssen, zwei Gebiete, auf denen in Palästina aus Unkenntnis viel gesündigt wird. Fortbildungsschulen mit demselben, aber weiter ausgebautem Programm werden sich anschließen müssen, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Kenntnisse zu vertiefen. Aber das 'allein» genügt nicht. Es müssen Haushaltungsschulen mit folgenden Unterrichtsgegenständen errichtet werden: Kochen, Behandlung der Wäsche, Plätten, Servieren, Nähen, Flicken, Warenkunde, Ernährungslehre, wirtschaftliche Buchhaltung, Hygiene, Säuglingspflege. Anschließend eine Abteilung zur Ausbildung von Hausbeamtinnen und Haushaltungslehrerinnen. Den unmittelbaren Nutzen solcher Schulen für die Kolonisation Palästinas muß jeder einsehen, dem das Gedeihen der Bevölkerung am Herzen liegt, denn jeder weiß schließlich, was ein gut geführter Haushalt in