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Volk und Land · 1919-06-19 · Heft 25-26 (19.6.1919) · p. Seite 775-776

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 25-26 (19.6.1919)
Date
1919-06-19
Page
Seite 775-776 (sequence 8)
Language
German
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775 VOLK UND LAND ziale Theorie zu schaffen, die ohne völlige Vergesellschaftung der Produktionsmittel, wenn mögfeh unter Beibehaltung der Privatinitiative, nur der Unternehmergewinn wird beseitigt, nicht der Unternehmerlohn und die Risikoprämie, eine mehrwertfreie Gesellschaft schafft, d. h. den Sozialismus verwirklicht. Mir erscheint dafür als erste Voraussetzung die Aufhebung der Bodensperre, d. h. Obereigentum des jüdischen Volkes am Grund und Boden Palästinas. Auch von denen, die annehmen, daß die Aufhebung der Bodensperre, und damit die Aufhebung eines besitzlosen Landarbeiterproletariats, das das Reservoir für eine industrielle Reservearmee bildet, von nachhaltigsten Folgen auf die Gestaltung des Arbeiterverhältnisses ist, wird in Frage gestellt, ob die Aufhebung der Bodensperre durch Beseitigung des römisch-rechtlichen Eigentums an Grund und Boden auch für Palästina von diesen segensreichen Folgen begleitet sein wird. Die Argumente sind folgende: t. Der Boden Palästinas ist so eng begrenzt, daß auch ein Obereigentum des Staates seine Sperrung in kurzer Zeit nicht zu verhindern imstande ist, und daher würden die oben angeführten Folgen nur dann bestehen, wenn beispielsweise in den Nachbarländern, die für eine jüdische Besiedlung in Frage kämen, ein Obereigentum durchgeführt wird. Dies ist jedoch nicht der Fall. 2. Der Uebergang der Landwirtschaft ist bei den Juden ein anormaler im Vergleich zu anderen Völkern. Dort vollzieht sich der Uebergang weit einfacher, weil eine außerordentlich große Zahl der städtischen Bevölkerung noch Beziehungen zur Landwirtschaft unterhält und nur kurze Zeit braucht, um wieder landwirtschaftlich tätig zu sein, so daß in Wirklichkeit die ländliche Bevölkerung niemals unter ein Minimum sinken kann, das bei aufgehobener Bodensperre und frei verfügbarem Lande dem auf seiner Scholle sitzenden Erbpächter entspricht. Dies sG zwar für andere Völker richtig, für die Juden aber nicht, denn diese seien der Landwirtschaft so außerordentlich entfremdet, daß zum: Beispiel bei einem bereits in städtischem Berufe stehenden Mann kaum mehr ein Uebergang — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen — zur Landwirtschaft erfolgen könne. Daher sei dieser Ausgleich gerade bei den Juden nur ein rein theoretischer, könne jedoch in praxi nicht oder nur unter sehr erschwerten Bedingungen erfolgen. Keiner dieser beiden Einwände ist stichhaltig. Für die nächste Generation — und für einen weiteren Zeitraum ist es überhaupt zwecklos zu disponieren — ist eine 'Bodensperre in Palästina völlig ausgeschlossen. Ruppin rechnet mit einer landwirtschaftlichen Einwanderung für das erste Jahrzehnt von 70000 Menschen, für das zweite von 140000, für das dritte von 210 000. Das ergäbe mit dem Bevölkerungszuwachs zirka i/2 Million nach 30 Jahren. Verdreifachen wir diese Zahl — ob es in praxi dazu kommen wird, ist zweifelhaft, wie jeder weiß, der die Geschichte landwirtschaftlicher Kolonisation kennt, — so würde die Zahl der landwirtschaftlich tätigen Juden nach einer Generation 1/2 ‘Million erreichen, während das Land bei systematisch durchgeführter künstlicher Bewässerung, bei Intensivierung der landwirtschaftlichen Methoden mindestens die doppelte Anzahl von Menschen in der Landwirtschaft unterbringen kann, wahrscheinlich sogar ich verweise auf Ballod — das vierfache. Also eine 'Bodensperre in dem Sinne, daß das ganze Land wirklich von Juden in intensiver Wirtschaft innerhalb eines absehbaren Zeitraumes besiedelt wird, brauchen wir nicht zu befürchten, wenn wir uns eben durch zentralisierte Landkäufe den Besitz der Ländereien sichern. Und wie ist es mit dem zweiten Einwand? Ich glaube, seine Befürworter verwechseln ein Bild der Landwirtschaft, das sie sich nach europäischem Vorbild künstlich konstruiert haben, mit derjenigen, die wirklich jetzt in Palästina herrscht und später dort herrschen wird. Es muß einmal klipp 776 und klar allen denen gesagt werden, die feinen Gegensatz konstruierten zwischen einer palästinensischen „Exportindustrie“ und einer palästinensischen Landwirtschaft, daß die palästinensische Landwirtschaft zum überwiegenden Teil auf Export angewiesen sein wird, Wenn auch dieser Export selbstverständlich unter wesentlich anderen Bedingungen erfolgen wird wie der industrielle. Schon vor dem Kriege waren von der in der Landwirtschaft tätigen jüdischen Bevölkerung 34 im Pflanzungsbau und nur 1/4 in den Getreidekolonien tätig. Auch nach dem Kriege wird der Pflanzungsbau ungleich schnellere Fortschritte machen als die Getreidewirtschaft. Aus drei Gründen: Einmal ist der Boden Palästinas zur Hälfte nur für Pflähzungskultur geeignet, und die Araber, die weder das Kapital noch die Kenntnisse dafür besitzen, lassen gerade diesen Bodenfast unbebaut, so daß sein Uebergang in jüdische Hände viel reibungsloser durchgeführt w-erden kann als beispielsweise der Uebergang von Boden, der für Getreidewirtschaft geeignet ist. Die Juden eignen sich für den Pflanzungsbau, der ihren intellektuellen Fähigkeiten entgegenkommt, weit mehr als für die Getreidewirtschaft. Was besagen diese Feststellungen für unseren Zusammenhang? Trotz des geringen Anteils der Juden an landwirtschaftlichen Berufen wird der Uebergang von städtischen Berufen zur landwirtschaftlichen Tätigkeit in Palästina durchaus nicht schwerer sein als bei anderen Völkern. Vergessen wir nicht, daß, abgesehen von dem oben Angeführten, in Palästina wie in allen Agrarländern, der Gegensatz von Stadt und Land durchaus nicht so schroff ist w'ie in den europäischen Industriestaaten, daß ein großer Teil der kommenden palästinensischen Industrie sich auf landwirtschaftlichen Rohstoffen aufbauen wird' — (Wein, Oel, Seife, Mühlenprodukte, Spiritus, Stärke, Zucker, Marmelade, Konserven) daß wir sicherlich zu einer Kombination irgendwelcher Art — mag man es nun Gartenstadt, Imdustriedorf oder anders benennen — kommen werden. Naturgemäß ist durch das Prinzip der Nationalisierung des Bodens nicht die soziale Frage gelöst. Um das überaus schwierige Problem hier anzudeuten, sei darauf hingewiesen, daß auch auf Erbpachtboden eine Exploitierung des landwirtschaftlichen Arbeiters möglich ist. Eins der schwierigsten Probleme bei der neuen Siedelung dünkt mich, sie in Einklang zu bringen mit dem unausrottbaren jüdischen Selbständigkeitsdrang. Wir wollen nicht vergessen, daß unsere Aufgabe damit nicht gelöst ist, wenn wir in Palästina eine andere Berufsschichtung der Juden erreichen als in den europäischen Ländern, wenn die Landwirtschaft einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung ausmacht, das Handwerk sich stärker verbreitet. Die schwierigste Frage ist es, ein Gemeinwesen aufzubauen, das dem jüdischen Unabhängigkeitsgefühl entgegenkommt. Kein Jude vermag es sich auszudenken, sein ganzes Leben in Abhängigkeit verbringen zu müssen; er will für sich selbst Selbständigkeit, und sieht er sich außerstande, sein Ziel bis zu seinem Lebensabend zu erreichen, so erstrebt er es für seine Kinder oder verlangt, ist er sozialistisch, daß seine Klasse Besitzerin der Produktionsmittel werde. In Osteuropa ist dies nicht anders als in Palästina; die gedrücktesten jüdischen Arbeiter, die „LuftmeHschen“ werden sich niemals sklavisch in ihr Los finden. An dieser Stelle kann das Problem nur angedeutet werden. Es gilt, soziale Formen zu schaffen, die eine Synthese bilden zwischen dem Drang nach 'Selbständigkeit und; der Einordnung in eine große Gemeinschaft. Von der Schaffung dieser neuen Formen wird es zum Teil abhängen, ob Palästina einmal der Mittelpunkt der Juden der Welt sein wird oder nicht. Sie werden entscheiden, ob die jüdische Siedlung lebensfähig ist, zugleich aber auch, ob sie fähig ist, Werte zu schaffen, die über die Grenzen Palästinas hinaus von Bedeutung s nd.

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