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Volk und Land · 1919-06-12 · Heft 24 (12.6.1919) · p. Seite 753-754

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 24 (12.6.1919)
Date
1919-06-12
Page
Seite 753-754 (sequence 13)
Language
German
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753 VOLK UND LAND 754 es zeugte nicht von politischer Einsicht, daß Deutschnationale wie Sozialdemokraten einem nationalistischen Rausch verfielen, der nur von kurzer Dauer sein konnte — und der überdies bei der Entente allen jenen Stimmen üehör schaffen mußte, die die schärfsten Friedensbe dingungen verlangten. Die Wahlen zu den allgemeinen Körperschaften sind vorüber, der Bevölkerung bemächtigt sich eine begreifliche Wahlmüdigkeit, die bereits bei den Gemeinderats wählen deutlich in die Erscheinung trat. Den Juden ist es indessen noch nicht möglich, dieser Stimmung Rechnung zu tragen; sie haben noch .große Arbeit i vor sich. Die Wahlen zur Kultusgemeinde rücken heran i und auch der Nationalrat hat endlich Wahlen ausgeschrieben. Bei letzteren wird endlich wohl auch zum Ausdruck kommen, welche inneren Verschiebungen in! der Partei eingetreten sind. Selbst beim Parteitag der zionistischen Organisation bot sich hierzu keine Gelegenheit; die Wahlen wurden wie bisher stets dem Zufall überlassen, von prinzipiellen Erwägungen war nichts zu spüren. Jetzt soll es anders werden. Im Stillen vollzieht sich eine Gruppierung nach politischen Programmen. Die Poale-Zionisten sind zwar aus dem j Präsidium des Nationalrates ausgeschieden, aber selbst i wenn sie auch die Wahlen boykottieren sollten, so! würde das nichts an der Tatsache ändern, daß die | Wahlen sich hauptsächlich zu einem Kampf zwischen! der bürgerlichen und der sozialistischen Gruppe ausj gestalten werden. Das Schwergewicht der erste ren 1 egt 1 im „Nationalverein“ oder doch zumindest in wesentlichen! Gruppen dieser Korporation, während die Studenten-! schaft wie überhaupt die Jugend sich mehr und mehr j auf sozialistischen Programmen vereinigt. Noch ge- 1 schieht es ohne rechte Energie und ohne einheitliche * Führung, aber sie dürfte sich im Laufe der Zeit noch j ergeben. Vorläufig bilden sich täglich neue Grüppchen, neben dem Hapoel-Hazai'r taucht eine sozialistische Studentenvereinigung auf, die zwar den Klassenkampf bejaht, aber sich dennoch von den Poale-Zion unterschei- } den well. Vielleicht zwingt der Wahlkamp? zur Klärung j der Programme. Heinrich Margulies. , Zur Frage der nationalen Autonomie in Polen | In zwangloser Folge erscheint seit einiger Zeit j das „M itteilungsblatt des jüdischen Volksi rats Posen“. Ihm entnehmen wir die nachfolgenden! interessanten Ausführungen über das nationale Selbst- | Bestimmungsrecht der Juden in den polnischen Landes- | teilen.; Im „Dziennik Poznanski“ vom 17. Dezember 1918 j bringt Herr A. Chokmiewski einen Aufsatz mit der Ueberj schrift: „Wir, die Juden und der Kongreß“. Der Verfasser macht es den Juden zum Vorwurf, daß sie in j Polen jüdische Rechte erstrebten, die man „unschuldig j als national-kulturelle Autonomie bezeichnet.“ „Mit einem! Worte“ — so meint er — „außer dem neuerstandenen j Palästina wünschten die Nationaljuden ein zweites, ein | Kolonialland: Judaco Polen, gegründet auf dem Fundaj ment des polnisch - jüdischen Kondominium“. Cho-; loniewski hält dieses Verlangen für eine Undankbarkeit i der Juden, die seit Jahrhunderten in Polen stets die denkbar beste Behandlung gehabt hätten. Zum Schluß | weist er darauf hin, „daß in Polen das jüdische Element! über das menschliche Maß vertreten sei“, daß Polen fast 2 Millionen Juden ernährt, während auf der anj deren Seite 4 Millionen Polen ihr Brot in Amerika ’ verdienen müßten und jährlich 1/2 Million Polen außer Landes als Saisonarbeiter gingen. Ganz im Gegensatz hierzu äußert sich der Oberste Polnische Volksrat (Komisarjat Naczelnej Rady Ludowej) j in einer offiziellen Erklärung vom 13. Dezember 1918 j über seine Stellung in der jüdischen Frage. Er sagte unter anderem: j „Der Oberste Polnische Volksrat steht auf den Standpunkt, daß die jüdischen Bewohner der polnischen Volksrepublik sich völliger Gleichberechtigung erfreuen müssen. Jedwede Ausnahmebehandlung der jüdischen Bevölkerung im Staate Polen ist zu verwerten. Auf die Eigenart der Juden ist in der gesamten Verwaltung; des Staates gebührenae Rücksicht zu nehmen.“ Eine mündliche Erklärung der polnischen Führer hierzu läßt keinen Zweifel darüber, die leitenden Persönlichkeiten der polnischen Bewegung mit diesen Sätzen dem Judentum in den polnischen Landen das Recht der nationalen Autonomie zuerkennen. Die beiden obigen Aeußerungen sind die Ergebnisse gänzlich verschiedener Grundanschauungen. Der Artikelschreiber des „Dziennik Poznanski“ wünscht, daß die Bewohner Polens, d. h. derjenigen Länder des bisherigen preußischen, russischen und österreichischen Staatsgebiets, welche früher zum Königreich Polen gehörten, eitle geschlossene Nation bilden; alles, was innerhalb der obigen Grenzen wohnt, muß sich nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell der herrschenden Nationalität fügen, sich ihr amgleichen, um überhaupt auf polnischem Gebiet eine Existenzberechtigung zu haben. Es ist das der Standpunkt, den bisher das Deutsche Reich und Preußen in den gemischtsprachigen Landesteilen, den Elsaß-Lothringern, Dänen und Polen gegenüber eingenommen hatte, jene Politik, die ihren krassesten Ausdruck im „Enteignungsgesetee“ gefunden hatte, und die mit Recht von der polnischen wie von der liberalen deutschen Presse auf das allerbitterste bekämpft wurde. Schon deshalb konnten die Führer der Polen, welche das neue Entstehen des polnischen Reiches vorbereiten, sich nicht zu diesem nationalen Egoismus bekennen, den sie soeben als schmählich und ungerecht gebrandmarkt hatten. Aber neben diesen idealen Gründen mußten auch Gründe praktischer Staatsklugheit sie dazu bestimmen, den Völkern, die auf polnischem Gebiet wohnen werden, alle die Rechte und Freiheiten zu gewähren, die zu einem friedlichen Beisammen leben und zu einer gemeinsamen wirtschaftlichen Tätigkeit aller Landesbewohner ohne Rücksicht auf die Nationalität erforderlich sind. Als das einzige Mittel zur Erreichung dieser Ziele erscheint den Polenführern das nationale Selbstbestimmungsrecht der Juden und die Berücksichti gung ihrer Eigenart als Volk und Kulturgemeinschaft. Es gibt aber noch heute in allen Lagern Leute, welche zwar an sich den Gedanken der nationalen Selbstbestimmung der Völker für das Heilmittel zur Gesundung der Verhältnisse in den Gebieten halten, in denen mehrere Nationalitäten nebeneinander wohnen, die aber gerade den Juden den Anspruch auf nationale Autonomie bestreiten. Man erkennt es als berechtigt an, wenn Wilson in den 14 Punkten seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 für die Völker Oesterreich- Ungarns und des türkischen Reiches „eine vollkommen unbeeinträchtigte Gelegenheit zu autonomer Entwicklung“ verlangt; aber man bestreitet vielfach, daß die Juden ein Volk sind, das Anspruch auf sein Selbstbestimmungsrecht habe. Der Einwand ist heute unberechtigter als je, wo die Großmächte, wrelche in diesen Wochen über die Gestaltung der Erde zu entscheiden haben, durchweg in amtlichen Erklärungen sich dafür ausgesprochen haben, daß Palästina dem jüdischen Volke als Heimatsland überlassen werde. Leute, die die gemeinsame Sprache als Kennzeichen einer Nation ansehen, das Vorhandensein einer solchen aber bei den Juden bestreiten, ist entgegenzuhalten, daß in den Ländern, in denen die große Menge der Juden ihren Wohnsitz hat, die jüdische Sprache ein einigendes Band um sie schlingt; so sprachen im Jahre 1913 von den 1957 000 Juden Kongreßpo’.ens rund 1942 000 Personen den Jargon (Kaphm-Kogan, Jüdische Sprach- und Kulturgemeinschaft in Polen, Berlin—Wien 1917). Und wrer mit der modernen jüdischen Bewegung vertraut ist,

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