Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1919)
- Date
- 1919-06-12
- Page
- Seite 745-746 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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745 VOLK UND LAND 746 Gesetzmäßigkeit Anhangenden empfunden werden muß. Die der vernünftigen Ordnung stets huldigenden Juden werden sich sicher für die zweite Art entscheiden, zu deren Ausführung man neben einem genau vorher ausgearbeiteten Plan auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Beamten braucht, die die darin angegebenen Arbeiten in die Wege leiten und ihre Durchführung beaufsichtigen. Um welche Arbeiten handelt es sich nun, die zuerst projektiert werden müssen, und welche sind davon dann zuerst auszuführen? — Als erste und wichtigste ist die Projektierung von Straßen, Eisenbahnen, der an diesen neu zu gründenden Dörfer und Städte, ihre Be- und Entwässerung, Beleuchtung Susf.; ferner die Anlage der Verbindungsstraßen, 'der Häfen u. a. dem Bauingenieur zufallende Arbeiten. Diese brauchen zwar nicht alsbald in Angriff genommen zu werden, aber ihre Festlegung hat gleichsam als Gerippe der ganzen Besiedlung zu gelten. Wollte man jedoch diese grundlegenden Arbeiten nicht oder nicht großzügig genug festlegen, so würden sich alsbald gefährliche Schäden zeigen, ja eine erfolgreiche Besiedlung dadurch in Frage gestellt werden. Kommen nun die ersten Ansiedler ins Land, so ist alsbald an die Herstellung von Wohnungen zu gehen. Interimsbauten sind nur für die allerkürzeste Zeit zuzulassen, denn abgesehen davon, daß sie stets allen Erkrankungen und Epidemien Vorschub leisten, drückt das Wohnen in ihnen das Wohlbehagen und das bei einer ganzen Reihe von Einwanderern sicher nicht allzu hohe sittliche und ethische Niveau herab. Jeder der beim Militär längere Zeit in Baracken gehaust hat, weiß, daß dort einerseits Krankheiten, zumindestens aber jene typische Unrast (scherzhaft Barackenfieber genannt) heimisch waren, andererseits nirgends soviel gespielt, gestohlen und andere Untaten mehr begangen wurden, wie es beim Wohnen in festen Häusern nicht annähernd der Fall war. Aber über alle praktischen Erwägungen hinaus müssen wir daran festhalten, daß wir die Schaffung einer Heimstätte erstreben, auf die jeder unserer Volksgenossen Anspruch hat; besonders aber die, die sich zuerst anschicken, dorthin zu gehen, wo sie für das wiedererstehende jüdische Volk Arbeit leisten können. Heimstätten sind aber für jedes Kulturvolk von der grauen Vorzeit bis zum heutigen Tage feste und mög^ liehst eigene Häuser gewesen, und ein so altes Kulturvolk, wie das unsere, müßte diese Idee, die jetzt die ganze Welt erobert hat, auf seine Fahne schreiben. Die Vorarbeiten, wie auch die Anleitung und Ueberwachung des Hausbaues ist Sache des Architekten, seine Ausgestaltung - im Inneren kann, besser soll er mit den verschiedenen Kunstgewerblern gemeinsam ausarbeiten*). Mit dem Einwandern zahlreicher Menschen wandert auch die Sorge um ihr leibliches Wohl mit ins Land. Eine Angelegenheit, die überaus bedenklich ist, da einerseits die Leute eine ganze Masse Krankheiten mit hineinschleppen und auch andererseits durch Ihre unzweckmäßigen, europäischen Gewohnheiten (Kleidung, Nahrung usw.) teils durch Unterernährung, teils durch Degene¬ *) Man beschuldige mich wegen dieses letzten Satzes nicht, daß ich einem falschen Idealismus nachginge. Die geringen Mehrkosten, die angeblich anständig ausschauende Häuser, Möbel und Gebrauchsgegenstände ausmachen sollen; (was aber selten der Fall ist, da Material und aufgewendete Arbeit fast stets die gleichen sind) kommen schon durch die bessere Brauchbarkeit und Haltbarkeit stets heraus; wenn man den ästhetischen Wert wirklich als gering anschlagen will und nicht bedenkt, daß auch der unkultivierteste Mensch dafür empfänglich und dankbar ist. ration des Ghettos u. a. m. alsbald zahlreiche zum Teil recht gefährliche Krankheiten sich zuziehen werden. Die durch ungewohnte Arbeiten herbeigeführten Unglücksfälle mögen nur nebenbei in Erinnerung gebracht werden. Hier bedarf es vielleicht am allernötigsten eines wohldurchdachten und vor allem eines aufs peinlichste in die Tat umgesetzten Planes, .soll nicht mindestens die Hälfte der Einwanderer plötzlich krank und even 1. gar hilflos werden. Sanitätspersonal und Aerzte, aber auch Apotheker, Laboratorien und alle vorbeugenden und helfenden Notwendigkeiten müssen wohl organisiert und aufs beste ausgerüstet bereit sein. Ein weiterer Teil der leiblichen Sorgen machen die Ernährungsschwierigkeiten aus, die überal', wo plötzlich größere Menschenmengen hinkommen, auftreten, wenn nicht ein geordneter Apparat vorgesorgt hat, ,(die Verwaltung“! Eine solche wird aber auch noch für die sicher schon bei den Projektierungen und Vorarbeiten entstehenden Rechtsfragen, sowohl mit anderen Staaten und Menschen, als auch unter den Einwanderern selber nötig. Alle die Ressorts der Verwaltung, die die Schutzmacht nicht selber zu besetzen berechtigt wird, aber auch die Verhandlungen mit dieser selber sind ein Tätigkeitsfeld für Rechtsgelehrte, Verwaltungsbeamte, in deren Ermangelung, mit der bei uns Juden dank den Verhältnissen sicher zu rechnen ist, Kaufleute und Industrielle herangezogen werden müßten. Nicht nur einen Leib, sondern auch den Geist müssen wir beachten, alte und junge Einwanderer werden lernen müssen, Hebräisch zum Teil, die arabische Sprache alle, mancher vielleicht auch erst einmal Schreiben und Lesen; denn auch der unbedeutende Prozentsatz Analphabeten muß verschwinden. Aber manches andere, Hygiene vor allem, denn damit sieht es ja bei uns Juden sowohl im Osten, als auch, wie einem immer wieder versichert wird, manchen Ortes in Erez-Israel selber ziemlich windig aus, dazu Gartenwirtschaft, Viehzucht, einfache Handwerksarten usf. Eine ganze Anzahl wird auch mit der Familie aus den ihnen ungastlichen Ländern, wo sie diese nicht allein zurücklassen können und mögen, nach Palästina kommen, da wird neben den Fortbildungslehrern und -lehrerinnen auch der Kinderlehrer arg nötig sein, wie auch die Schulen jetzt kaum über Ueberfluß an Lehrkräften klagen können. Schließlich wird neben dem geistigen, auch dem geistlichen Bedürfnis Rechnung getragen werden müssen. Rabbiner werden ebenfalls benötigt werden, und sehr oft wird man ihren verhältnismäßig großen Einfluß auf die Massen benützen, um diese zum Besten des Ganzen und zu ihrem eigenen Wohle zu leiten. Woher werden nun diese geistigen Führer kommen? — Der Osten wird vereinzelt welche stellen, am ehesten noch Lehrer und Rabbiner, aus den deutschsprechenden Gebieten aber werden nach ihm wohl die meisten und auch, dank der in diesen Gebieten herrschenden hohen Stufe von Kultur und Wissenschaft, wohl die am besten vorgebildeten Elemente stammen. Es kommt also unserer Zionistischen Vereinigung für Deutschland zu, diese bedeutende und wichtige Tatsache zu fördern und auf dem Palästinadelegiertentage sich ein wenig damit zu befassen. Man sage nicht, wir hätten wichtigere Aufgaben, das Nächstliegende ist auch das Wichtigste, vor allem aber eine Angelegenheit, die mir nötiger erscheint, als endlose Kämpfe um die Schattierung der sozialen Idee im alten-neuen Judenlande. Wir haben nicht jene Massen zu stellen, die diese Fragen eventl. als Lebensfragen auffassen könnten, die aber gescheiter